Schweizer Jazz Die Groove-Großmacht

Die Schweiz ist eine wahre Macht im europäischen Spiel der Jazz-Kräfte - gemessen an ihrer Einwohnerzahl. Und das liegt nicht nur am berühmten Festival in Montreux. Sondern auch an Staatsknete.

Lena Maria Thuering

Die Band Ronin des Pianisten Nik Bärtsch gewinnt Preise bei internationalen Festivals. Das Piano-Bass-Drums-Trio von Stefan Rusconi begeistert das Publikum europaweit mit Jazz-Rock-Fusionen. Der Saxophonist Nicolas Masson wird vom Münchner Ausnahme-Label ECM unter Vertrag genommen. Zu den interessanten Acts beim Jazzahead-Event im April in Bremen zählt die Sängerin Elina Duni.

Gemein ist den genannten Künstlern, dass sie aus der Schweiz kommen. Der Kleinstaat im Herzen Europas hat mit seinen acht Millionen Bürgern zwar weniger als ein Zehntel der Einwohner von Deutschland, aber im Bereich Jazz gehört er zu den Führungsnationen des Kontinents. Der Trompeter Franco Ambrosetti, die Schlagzeuger Daniel Humair und Pierre Favre und die Pianistin Irène Schweizer zählen seit Jahrzehnten zu den besten ihrer Zunft. Zu den Etablierten stoßen junge Talente und beleben den Jazz in der Schweiz. Der deutsche Experte Bert Noglik staunt über die "immense Originalität und Individualität auf kleinstem Raum".

Pro Helvetia

Die beiden über die Szene hinaus bekannten Schweizer Jazz-Leute waren George Gruntz und Claude Nobs. Der in Basel geborene Pianist, Komponist und Ensemble-Gründer Gruntz musizierte mit so unterschiedlichen Partnern wie dem amerikanischen Trompeten-Star Chet Baker und mit tunesischen Beduinen; er experimentierte mit Barockmusik und Folklore seines Landes; als begnadeter Kommunikator und Kulturmanager leitete Gruntz von 1972 bis 1994 das Berliner Jazzfest.

Sein Landsmann Nobs gründete das Montreux Jazz Festival. Der gelernte Fremdenverkehrskaufmann startete 1967 mit einem Budget von 10.000 Dollar; in den folgenden Jahrzehnten machte er das Fest am Genfer See zum größten Ereignis dieser Art in Europa. Nobs schaffte das als Mittler zwischen Jazz und Pop. In Montreux gastierten Miles Davis und Frank Zappa, Count Basie, David Bowie und Juliette Gréco. Die Gesichter der Stars bei ihrem Auftritten zeigt der Bildband "Portraits - Live at Montreux". Die leider nur im Kleinformat gedruckten Plakate von 1967 bis 2012 von Niki de Saint-Phalle, Andy Warhol, Tomi Ungerer und vielen anderen spiegeln wieder, wie vielseitig und bunt das Festival ist. Bild und Sound von bedeutenden Konzerten sind auf zwei DVDs wieder zu erleben (und auch in der DVD-Edition "Live at Montreux" des KulturSPIEGEL).

Der unerwartete Tod von Nobs und Gruntz im Januar 2013 nahm dem Schweizer Jazz die größten Namen. Aber weil viele junge Leute nachdrängen, bleibt die Schweiz ein Jazz-Land. "Die Szene gedeiht wie nie", sagt der Radiojournalist Peter Bürli. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hilft den Musikern, indem er jährlich 40 Produktionen von CDs finanziert - das ist etwa ein Drittel der eingehenden Anträge. Unterstützung gewährt Jazzern auch Pro Helvetia. Die mit dem Goethe-Institut vergleichbare nationalen Kulturstiftung der Schweiz verfügt über einen Jahresetat von 34,8 Millionen Franken. Davon geht auch Geld an Jazz-Projekte. So organisiert Pro Helvetia eine Tour von Ronin im April nach Südafrika, wo die Band unter anderem beim Jazz Festival in Kapstadt auftritt.

Eine Voraussetzung für eine Pro-Helvetia-Förderung ist die Teilnahme von Schweizer Künstlern. George Gruntz wurden 2008 Gelder verweigert, weil er für seine Concert-Jazz-Band nur Ausländer engagiert hatte. Dass der Bandchef Schweizer war, reichte nicht. Tatsächlich wimmelt es in der Alpenrepublik von hoch qualifizierten Absolventen der Jazz-Departments, die an einem halben Dutzend Musikhochschulen entstanden sind, während Spielstätten sich mit Mühe halten. "Sie garantieren die Aufzucht im Zoo", schrieb der Jazz-Journalist Peter Rüdi über die Musikhochschulen, "aber die Savanne, in die sie die jungen Löwen am Ende entlassen, ist insgesamt bedroht." So suchen denn einige Schweizer Spitzenjazzer die freie Wildbahn anderswo. Piano-Aufsteiger Rusconi ist nach Berlin gezogen.


CDs:
Rusconi: Revolution (Bee Jazz);
Nik Bärtsch's Ronin Live (ECM);
Nicolas Masson: Third Reel (ECM).

Außerdem: "Live at Montreux": KulturSPIEGEL-DVD-Edition.

Bildband:
Diverse: Portraits - Live at Montreux. Ear Books/Edel Hamburg, Buch mit 2 DVDs, 212 Seiten mit 104 Bildern; 39,95 Euro.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
gerdwill 30.03.2013
1. da fehlt was?????
Ist Ihnen Jojo Mayer ein Begriff???nein???einer der bedeutendsten Jazz-Schlagzeuger der Welt! Dieser Mann ist Schweizer, bitte besser recherchieren.
jazzer 30.03.2013
2. Nicht zu vergessen
Swissjazz, der beste Jazzsender!
doradistria 30.03.2013
3.
Elmina Duni kommt aus Albanien.
edohe 30.03.2013
4. ...die Jazz-Frauen nicht zu vergessen
.....dann gibts noch diese kleine feine Organisations- und Koordinationsstelle für die Frauen im Jazz: helvetiarockt ... lesen Sie selbst. http://www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/v__d/ni__2233/index.html
buchl 30.03.2013
5.
Zitat von gerdwillIst Ihnen Jojo Mayer ein Begriff???nein???einer der bedeutendsten Jazz-Schlagzeuger der Welt! Dieser Mann ist Schweizer, bitte besser recherchieren.
Es fehlt auch der großartige Schweizer Saxophonist Lucien Dubuis.
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