Neuer Vocal Jazz Die jungen Stimmen der Welt

Es muss nicht immer Englisch sein: Sängerinnen mit persischen, türkischen und albanischen Wurzeln beleben die deutsche Jazzszene mit den Klang- und Sprachwelten ihrer Vorfahren.

Double Moon Records/ Anja Graber

Zu den ersten Vertreterinnen der neuen Richtung gehört die 1976 in Braunschweig geborene Cymin Samawatie. Die Tochter iranischer Zuwanderer wuchs voll integriert in Deutschland auf, sie studierte Musik und wurde Jazz-Vokalistin. Weil sie aber auch die Beziehung zur Kultur ihrer Eltern pflegte, brachte Cymin in ihre Musik Melodien und Texte aus Persien ein - vom Lyriker Hafis zum Beispiel (der vor 200 Jahren schon Goethe inspiriert hatte). So entstand zeitgenössischer, kammermusikalischer Jazz mit orientalischen Elementen. Mit ihrem Quartett Cyminology hat Samawatie inzwischen Preise gewonnen und viele Länder bereist. Seit 2008 erscheinen Alben der Band beim Edel-Label ECM.

Der Erfolg von Cyminology beflügelt auch andere Sängerinnen, so wie die in Berlin lebende Defne Sahin. Nach ihrem Studium in der deutschen Hauptstadt und in Barcelona hat die Deutsch-Türkin für ihr Debüt-Album "Yasamak" Texte des 1963 verstorbenen Lyrikers Nazim Hikmet vertont. Begleitet vom Trio des Pianisten und Keyboarders Matti Klein singt Sahin die Gedichte von Hikmet in der Originalsprache (Übersetzungen liefert das Beiheft). Und das geht gut. "Türkisch", findet das Fachblatt "Jazz Podium", habe "durchaus als Sprache für modernen Jazz einen Platz".

"Beim Singen an die Geige denken"

Fjoralba Turku kam mit neun Jahren von Albanien nach München. Vor ihrem Studium der Theaterwissenschaft und des Gesangs hatte sie Geigespielen gelernt; seitdem denke sie "beim Singen immer daran, wie ich das Stück auf dem Instrument intonieren würde". Diese "jazzige" Auffassung prägt Turkus Gesang. Auf ihrer zweiten CD "Serene" präsentiert sie neben albanischer Folklore und Eigenkompositionen die Vertonung von zwei Gedichten von Lord Byron. In Turkus Begleit-Quartett feuert der ausgezeichnete Florian Trübsbach auf dem Saxofon, der Klarinette und der Flöte die Band an - zuweilen unisono mit der scattenden 25-jährigen Sängerin. Herausragend auch der Bassist Paulo Cardoso.

Wie Fjoralba Turku stammt Eda Zari aus Albanien. Nach dem klassischen Gesangsstudium in Köln entdeckte sie ihre Leidenschaft für den Jazz. Zaris neues Album "Toka Incognita" dürfte auch beim breiten Publikum gut ankommen. Denn die teilweise aufwendig arrangierten Stücke - mit Streichquartett und Gaststars wie dem Sting-Gitarristen Dominic Miller und dem Trompeter Sebastian Studnitzky - klingen poppig: Weltmusik mit Tonbildungen und rhythmischen Strukturen vom Balkan. "Auf dieser Platte", erklärt Eda Zari im Booklet, "bemühten wir uns intensiv, polyphone albanische Musik im Geiste des Jazz darzubieten."

Während jüngere Künstlerinnen aus Deutschland und Europa wie Eda Zari, Fjoralba Turku und Defne Sahin ihr eigenes kulturelles Erbe in den Jazz einbringen, wissen sie, dass ihre Musik wesentlich durch ihre in englischer Sprache singenden amerikanischen Vorbilder geprägt wurde: von Dianne Reeves und Cassandra Wilson zum Beispiel, die neben anderen auf einem neuen Sampler "Female Vocal Ballads" zu hören sind - herkömmlicher Jazzgesang, der zu Recht weiterlebt.


CDs:
Defne Sahin: Yasamak - To live with the Words of Nazim Hikmet. Double Moon Records;
Fjoralba Turku: Serene. Traumton Records; erscheint am 13. Januar 2012;
Eda Zari: Toka Incognita. Intuition; erscheint am 6. Januar 2012;
Various Artists: Jazz Inspiration - Female Vocal Jazz. Blue Note.



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