Bear In Heaven - "I Love You, It's Cool"
(Dead Oceans/ Cargo)
Bear In Heaven, The 2 Bears, Boy And Bear, dazu der altbekannte Panda Bear, die fabelhaften Minus The Bear, und natürlich "Meister Petz", die erfolgreiche Kollaboration zwischen Jupiter Jones und Edo Zanki: Eine Armada von Bären hat es sich im Musikgeschäft gemütlich gemacht und der Bär im Himmel ist der letzte Schrei in Sachen Tierquälerei. "I Love You, It's Cool" ist schon mal ein besonders mieser Albumtitel, man denkt sofort an den Duplass-Brothers-Film "The Puffy Chair", in dem Mark Duplass seine Freundin in 85 Minuten über 50 Mal mit "dude!" oder "man!" anredet - am Ende verständigt man sich auf eine Trennung. Die Bear-In-Heaven-Musik: Brooklyn (keine Überraschung), Synthesizer-Irrsinn, Röhrenglocken, Schweine im Weltall, Augenflimmern und Spiegelflächen, auf denen nur ausrutscht, wer die ganz frühen Platten von OMD und Suicide nicht kennt. "Daylight won't stop the flashing lights/ It feels like a thousand years have gone by without you/ I miss someone like you/ I wanna tell you secret things". Das ist zwar Kitsch, aber guter Kitsch, falls sich noch jemand an The Alarm erinnert, die hier nicht nur durch "The Reflection Of You" geistern. In "Sweetness & Sickness", dem kaputtesten Track, hat John Philpot genug vom freien Schweben und legt sein müdes Haupt zur Ruhe - als hätte der junge Damo Suzuki ein Glas mit Murmeln verschluckt.
(7) Jan Wigger
Lee Fields & The Expressions - "Faithful Man"
(Truth & Soul Records/ Groove Attack, bereits erschienen)
Mann, was muss der Bursche gelitten haben, damals. Als "Little J.B." haben sie Lee Fields in den Siebzigern verspottet, als Westentaschenausgabe des mächtigen James Brown, als Möchtegern-Sex-Machine. Das größte Missverständnis dabei war: Fields hatte mit dem scharfen Funk James Browns schon immer weniger zu tun als mit dem schmelzenden Soul von Wilson Pickett, Percy Sledge und Otis Redding. Ein paar erfolgreiche Singles gelangen ihm zwischen 1969 und 1980, aber keine Welthits, dann wurde es still um den Crooner, den Kenner schätzten, sonst aber kaum jemand. Mitte der Neunziger, als die sogenannten Rare Grooves durch die jahrelange Schatzsuche der HipHopper in der Clubszene zu neuer Popularität gelangten, wurde auch Lee Fields neu entdeckt, und der alte Soul Survivor begann ein spätes Comeback. Vor ein paar Jahren nahm ihn das in Brooklyn beheimatete Liebhaber-Label Truth & Soul Records unter Vertrag, das inzwischen mit Aloe Blacc einen veritablen Hit-Bringer hat. 2007 aber erregte zunächst Lee Fields mit seinem Album "My World" Aufsehen unter Kritikern. Und nun, fünf Jahre später, kehrt er mit der hauseigenen Band des Labels, den Expressions, mit einem weiteren Retro-Soul-Juwel zurück. Muscle-Shoals-Grooves, Philly-Sound, Motown, Stax - Fields beherrscht diese Soul-Spielarten mit seiner kräftigen, heiser klagenden Stimme. Auf "Faithful Man" konzentriert er sich aber vor allem auf die balladeske Seite des Genres, mit einigen wenigen Ausnahmen, in denen er seinen Stolz kundtut: "Take my car, my house, my bank/ I still got it", brüstet er sich zwischen jubelnden Bläser-Sätzen in "I Still Got It". Das klingt fast wie eine überfällige Abrechnung mit dem inzwischen verstorbenen Godfather of Soul, der in seinen letzten Lebensjahren eher durch Schlagzeilen denn durch gute Musik von sich reden gemacht hatte. Dieser "Payback" sei Fields gegönnt, der mit "Faithful Man" ein extrem geschmackvolles und stilsicheres Nostalgie-Album vorlegt, das man mit Willie Hutchs großer Liebeserklärung "Seasons For Love" vergleichen könnte, wenn man unbedingt eine Referenz braucht. Und natürlich passt dieses unmoderne Album perfekt in den Retro-Zeitgeist und zur Suche nach der Seele in aktueller Popmusik, die durch Amy Winehouse, Sharon Jones und zuletzt Michael Kiwanuka repräsentiert wird. Nur, dass Lee Fields eben nicht die Vergangenheit reproduziert, sondern als einer der letzten Überlebenden selbst aus dieser sehnsüchtig verklärten Epoche stammt. Der kleine J.B. von einst kann heute ein ganz Großer sein. Get up, get into it and get involved.
(7) Andreas Borcholte
Pulp - "It", "Freaks", "Separations" (Reissues)
(Fire Records/ Cargo)
Die drei ersten und viel zu wenig beachteten Pulp-Alben trafen vorbildlich schnell und per Postkutsche ein - mit
liner notes von Everett True, allerdings auch mit der beliebten Lochung im Karton, die ja nach wie vor ebenso nebulös erscheint wie die Tatsache, dass Jarvis Cocker nicht schon zu Zeiten von "Freaks" und "Separations" ein Weltstar war, sondern wie der arme Vetter auf unbehaglichen Familienfeiern hin- und hergeschoben wurde: Vielleicht ja wirklich ein Genie,
but we don't get it. Während das noch etwas unentschiedene, pomplose "It" nur wenig Anhaltspunkte dafür lieferte, was folgen sollte, war im lyrisch ausgesprochen freudlosen "Freaks" bereits vieles von dem angelegt, was "His'n Hers" und "A Different Class" zu Klassikern bei Außenseitern und irgendwie merkwürdigen Brillenträgern machen sollte. Nicht nur im gloriosen "Being Followed Home" phantasiert Cocker die ständige Bedrohung, die Paranoia des Alltags herbei: "They Suffocate At Night" und "There's No Emotion" beschreiben innere Leere (oder die Abscheu davor). Und selbst die Kirmesmusik in "Fairground" hat - wie Stephen Kings Clown Pennywise oder die kleinwüchsige Frieda in Tod Brownings Meisterwerk "Freaks" - etwas Gemeines, Schauderhaftes, dem man unmöglich entfliehen kann. Dass nicht einmal "Separations" den breiten Erfolg nach Hause brachte, ist eines der großen Enigmen der Neuzeit: "Don't You Want Me Anymore", "Down By The River", "My Legendary Girlfriend", "Countdown" - Jarvis in Höchstform, bald schon kam die Zeit für "Acrylic Afternoons" und "Razzmatazz". Ein wahrlich elitäres Wiedersehen mit dem alten Schlingel. Und neben dem Umstand, dass Real Madrid wie geplant auf den letzten Metern die spanische Meisterschaft verspielt, einer der schönsten Genüsse der letzten zwei Wochen.
Remastered, repackaged, bonus tracks. "It"
(6), "Freaks"
(8), "Separations"
(8) Jan Wigger
Willis Earl Beal - "Acousmatic Sorcery"
(XL/ Hot Charity/ Beggars/ Indigo)
Absolut vorbildlich, absolut rührend:
the elusive Willis Earl Beal, der noch in "Nepenenoyka" brummt und röhrt wie Screamin' Jay Hawkins, doch mit "Sambo Joe From The Rainbow" ein berückend-bedrohliches Schlaflied hinterherschiebt, hat seiner LP "Acousmatic Sorcery" einen ganzen Roman beigelegt: Nicht die Zeichnungen, aber die Thematik erinnert gleich an Jeffrey Browns
graphic novels "Clumsy" und "Every Girl Is The End Of The World For Me" - das Mädchen war da, nun ist es weg, ich habe jetzt viele Jahre lang so viel Zeit wie kein anderer Mensch auf der Welt, hurra, ich schreibe ein Buch. "I was stealing things from the supermarket, living with my grandmother, and spending lots of time at the library", informiert uns Willis und fügt hinzu: "This was almost written in blood. Misery can be quite hilarious, so enjoy." Von mindestens zwei Menschen, die freiwillig Konzerte besuchen, hörte ich, wie einzigartig Willis Earl Beal auf der Bühne sein soll, wie er sich nicht zwischen Prince, Howlin' Wolf, Nick Drake und Lou Barlow entscheiden kann, und eine halbe Flasche Jack Daniels vernichtet, während er analoge Gerätschaften bedient und nebenbei den irren Blick einübt. Ein Gefallener im blauen Licht - aber nur solange, bis der Tag anbricht.
(7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)