Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Späte Ehre für den toten Knut? Bear In Heaven bieten Kitsch - aber guten. Der alte Crooner Lee Fields zeigt uns, wo die Seele wohnt. Jarvis Cocker kommt in einer Postkutsche vorbei, ist aber leider immer noch kein Weltstar. Und Willis Earl Beal kann mehr, als nur Jack Daniels vernichten.

Bear In Heaven - "I Love You, It's Cool"
(Dead Oceans/ Cargo)

Bear In Heaven, The 2 Bears, Boy And Bear, dazu der altbekannte Panda Bear, die fabelhaften Minus The Bear, und natürlich "Meister Petz", die erfolgreiche Kollaboration zwischen Jupiter Jones und Edo Zanki: Eine Armada von Bären hat es sich im Musikgeschäft gemütlich gemacht und der Bär im Himmel ist der letzte Schrei in Sachen Tierquälerei. "I Love You, It's Cool" ist schon mal ein besonders mieser Albumtitel, man denkt sofort an den Duplass-Brothers-Film "The Puffy Chair", in dem Mark Duplass seine Freundin in 85 Minuten über 50 Mal mit "dude!" oder "man!" anredet - am Ende verständigt man sich auf eine Trennung. Die Bear-In-Heaven-Musik: Brooklyn (keine Überraschung), Synthesizer-Irrsinn, Röhrenglocken, Schweine im Weltall, Augenflimmern und Spiegelflächen, auf denen nur ausrutscht, wer die ganz frühen Platten von OMD und Suicide nicht kennt. "Daylight won't stop the flashing lights/ It feels like a thousand years have gone by without you/ I miss someone like you/ I wanna tell you secret things". Das ist zwar Kitsch, aber guter Kitsch, falls sich noch jemand an The Alarm erinnert, die hier nicht nur durch "The Reflection Of You" geistern. In "Sweetness & Sickness", dem kaputtesten Track, hat John Philpot genug vom freien Schweben und legt sein müdes Haupt zur Ruhe - als hätte der junge Damo Suzuki ein Glas mit Murmeln verschluckt. (7) Jan Wigger

Lee Fields & The Expressions - "Faithful Man"
(Truth & Soul Records/ Groove Attack, bereits erschienen)

Mann, was muss der Bursche gelitten haben, damals. Als "Little J.B." haben sie Lee Fields in den Siebzigern verspottet, als Westentaschenausgabe des mächtigen James Brown, als Möchtegern-Sex-Machine. Das größte Missverständnis dabei war: Fields hatte mit dem scharfen Funk James Browns schon immer weniger zu tun als mit dem schmelzenden Soul von Wilson Pickett, Percy Sledge und Otis Redding. Ein paar erfolgreiche Singles gelangen ihm zwischen 1969 und 1980, aber keine Welthits, dann wurde es still um den Crooner, den Kenner schätzten, sonst aber kaum jemand. Mitte der Neunziger, als die sogenannten Rare Grooves durch die jahrelange Schatzsuche der HipHopper in der Clubszene zu neuer Popularität gelangten, wurde auch Lee Fields neu entdeckt, und der alte Soul Survivor begann ein spätes Comeback. Vor ein paar Jahren nahm ihn das in Brooklyn beheimatete Liebhaber-Label Truth & Soul Records unter Vertrag, das inzwischen mit Aloe Blacc einen veritablen Hit-Bringer hat. 2007 aber erregte zunächst Lee Fields mit seinem Album "My World" Aufsehen unter Kritikern. Und nun, fünf Jahre später, kehrt er mit der hauseigenen Band des Labels, den Expressions, mit einem weiteren Retro-Soul-Juwel zurück. Muscle-Shoals-Grooves, Philly-Sound, Motown, Stax - Fields beherrscht diese Soul-Spielarten mit seiner kräftigen, heiser klagenden Stimme. Auf "Faithful Man" konzentriert er sich aber vor allem auf die balladeske Seite des Genres, mit einigen wenigen Ausnahmen, in denen er seinen Stolz kundtut: "Take my car, my house, my bank/ I still got it", brüstet er sich zwischen jubelnden Bläser-Sätzen in "I Still Got It". Das klingt fast wie eine überfällige Abrechnung mit dem inzwischen verstorbenen Godfather of Soul, der in seinen letzten Lebensjahren eher durch Schlagzeilen denn durch gute Musik von sich reden gemacht hatte. Dieser "Payback" sei Fields gegönnt, der mit "Faithful Man" ein extrem geschmackvolles und stilsicheres Nostalgie-Album vorlegt, das man mit Willie Hutchs großer Liebeserklärung "Seasons For Love" vergleichen könnte, wenn man unbedingt eine Referenz braucht. Und natürlich passt dieses unmoderne Album perfekt in den Retro-Zeitgeist und zur Suche nach der Seele in aktueller Popmusik, die durch Amy Winehouse, Sharon Jones und zuletzt Michael Kiwanuka repräsentiert wird. Nur, dass Lee Fields eben nicht die Vergangenheit reproduziert, sondern als einer der letzten Überlebenden selbst aus dieser sehnsüchtig verklärten Epoche stammt. Der kleine J.B. von einst kann heute ein ganz Großer sein. Get up, get into it and get involved. (7) Andreas Borcholte

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Pulp - "It", "Freaks", "Separations" (Reissues)
(Fire Records/ Cargo)

Die drei ersten und viel zu wenig beachteten Pulp-Alben trafen vorbildlich schnell und per Postkutsche ein - mit liner notes von Everett True, allerdings auch mit der beliebten Lochung im Karton, die ja nach wie vor ebenso nebulös erscheint wie die Tatsache, dass Jarvis Cocker nicht schon zu Zeiten von "Freaks" und "Separations" ein Weltstar war, sondern wie der arme Vetter auf unbehaglichen Familienfeiern hin- und hergeschoben wurde: Vielleicht ja wirklich ein Genie, but we don't get it. Während das noch etwas unentschiedene, pomplose "It" nur wenig Anhaltspunkte dafür lieferte, was folgen sollte, war im lyrisch ausgesprochen freudlosen "Freaks" bereits vieles von dem angelegt, was "His'n Hers" und "A Different Class" zu Klassikern bei Außenseitern und irgendwie merkwürdigen Brillenträgern machen sollte. Nicht nur im gloriosen "Being Followed Home" phantasiert Cocker die ständige Bedrohung, die Paranoia des Alltags herbei: "They Suffocate At Night" und "There's No Emotion" beschreiben innere Leere (oder die Abscheu davor). Und selbst die Kirmesmusik in "Fairground" hat - wie Stephen Kings Clown Pennywise oder die kleinwüchsige Frieda in Tod Brownings Meisterwerk "Freaks" - etwas Gemeines, Schauderhaftes, dem man unmöglich entfliehen kann. Dass nicht einmal "Separations" den breiten Erfolg nach Hause brachte, ist eines der großen Enigmen der Neuzeit: "Don't You Want Me Anymore", "Down By The River", "My Legendary Girlfriend", "Countdown" - Jarvis in Höchstform, bald schon kam die Zeit für "Acrylic Afternoons" und "Razzmatazz". Ein wahrlich elitäres Wiedersehen mit dem alten Schlingel. Und neben dem Umstand, dass Real Madrid wie geplant auf den letzten Metern die spanische Meisterschaft verspielt, einer der schönsten Genüsse der letzten zwei Wochen. Remastered, repackaged, bonus tracks. "It" (6), "Freaks" (8), "Separations" (8) Jan Wigger

Willis Earl Beal - "Acousmatic Sorcery"
(XL/ Hot Charity/ Beggars/ Indigo)

Absolut vorbildlich, absolut rührend: the elusive Willis Earl Beal, der noch in "Nepenenoyka" brummt und röhrt wie Screamin' Jay Hawkins, doch mit "Sambo Joe From The Rainbow" ein berückend-bedrohliches Schlaflied hinterherschiebt, hat seiner LP "Acousmatic Sorcery" einen ganzen Roman beigelegt: Nicht die Zeichnungen, aber die Thematik erinnert gleich an Jeffrey Browns graphic novels "Clumsy" und "Every Girl Is The End Of The World For Me" - das Mädchen war da, nun ist es weg, ich habe jetzt viele Jahre lang so viel Zeit wie kein anderer Mensch auf der Welt, hurra, ich schreibe ein Buch. "I was stealing things from the supermarket, living with my grandmother, and spending lots of time at the library", informiert uns Willis und fügt hinzu: "This was almost written in blood. Misery can be quite hilarious, so enjoy." Von mindestens zwei Menschen, die freiwillig Konzerte besuchen, hörte ich, wie einzigartig Willis Earl Beal auf der Bühne sein soll, wie er sich nicht zwischen Prince, Howlin' Wolf, Nick Drake und Lou Barlow entscheiden kann, und eine halbe Flasche Jack Daniels vernichtet, während er analoge Gerätschaften bedient und nebenbei den irren Blick einübt. Ein Gefallener im blauen Licht - aber nur solange, bis der Tag anbricht. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Alles ist wahr
papene 11.04.2012
Die Rubrik hier les' ich immer wieder gern. Neulich gab es irgendwas hinterhältig-liebliches über Paul Weller und einen Herrn Guetta als prima Brechmittel, den ich gar nicht kannte. Hab's überprüft: Stimmt. So verkehrt ist man hier also nicht. Doch denkt man auch: Diesmal gibt es wieder Kloppe im Forum. Wegen der Kryptik, vor allem in dieser Bärensache. Im name dropping hätte nur noch der Name 'Ulla Meinecke' gefehlt zum overkill. Ich hab' aber vergessen, wie genau die in die Ursidae-e passt. Doch, da war was. Egal. Denn der Blitz trifft mich beim wie immer viel zu kleinen und nicht skalierbaren Cover-Bildchen (Rüge/Wunsch) von Willis Earl Beal. Fast genau so, fast ganz exakt so hingestrichelt, mit Raumecke, aber ohne Brillenträger an der Wand, sah mein preis- und lobenswerter Design-Entwurf für eine hoffnungsfrohe, gitarrenlastigere und sehr viel weißere musikalische Vision namens 'Hebbel' aus. 1981. 'Hebbel' übrigens nicht wegen der 'Nibelungen', sondern wegen 'Judith'. Und da auch nur wegen der Enthauptung. Alice Cooper und so. Name dropping halt. Wie auch immer. Alles hängt mit allem zusammen, zumindest unter unserem Sofa. Dass ein lässiger Chicagoan MEIN Cover-Gekrakel für seinen wtf-Datenträger vermutlich sowohl 1981 als auch 2012 abgenickt hätte: Das ist Pop. Dass er für mich trotzdem (den wie immer viel zu kurzen samples nach zu urteilen) wie coole schoko-vanilla-fudge klingt, das ist 2012. Gell, Adele?
2. Playlists
Vorsichtschreie 13.04.2012
Sehr gerne wäre ich mal dabei, wenn die beiden Herren feixend ihre wöchentlichen Playlists austauschen, gerade Wigger glänzt wieder mit einer blindwütigen Mischung aus 80er NDR2 Schrott wie Clowns und Helden und dann SOD, nicht zu vergessen Wagner. Man muss schon entweder eine schizophrene Mischung aus Rechtsrocker und Kuschelrocker oder eben Jan Wigger sein, um das glaubhaft rüberzubringen. Schön. Nächste Woche würde ich mich mal wieder über Burzum meets Heintje freuen, und dann noch etwas Musical und naturlich Boltthrower! Allerdings sollte eine Playlist einzelne Titel enthalten und keine Alben. Weiter so, immer wieder ein Höhepunkt der Woche.
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"Abgehört" und "Amtlich" live
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Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.