Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Jack White, der alte Gaukler und Hochstapler, landet mit seiner Donnerbüchse einen Volltreffer. Mittekill machen reizvolle Musik für eine Stadt ohne Reiz: Berlin. Bei Spiritualized flüstern Engel und zwitschern Streicher. Und Mike Wexler hat einiges gemein mit unser aller Ikone Don Draper.

Jack White - "Blunderbuss"
(XL/ Beggars Group/ Indigo, erscheint am 20. April)

Jack White muss man eigentlich nicht mehr groß erklären, aber wir machen das jetzt trotzdem noch mal. Der Allround-Musiker aus Detroit, der Gitarren aus einem Brett, einem Draht und drei Nägeln bauen kann, ist der vielleicht einflussreichste Rock-Produzent der USA, seit Rick Rubin nur noch Popstars betreut. Seine Bands - The White Stripes, The Raconteurs, The Dead Weather - setzten in den vergangenen zehn Jahren Maßstäbe für einen rohen, auf den Sixties-Garagenrock verweisenden Rock'n'Roll-Sound, der die jetzt virulente Sehnsucht nach Live-Authentizität und analogem Klang vorwegnahm. Kurz gesagt: Die inzwischen wie White in Nashville ansässigen Black Keys hätten ohne dessen Vorarbeit für ihren aufs rappelnde Skelett reduzierten Soul-Blues'n'Roll niemals einen Grammy gewonnen. Nach dem im vergangenen Jahr proklamierten Ende der White Stripes tritt White nun erstmals als Solo-Künstler an. Wie das US-Magazin "Billboard" staunend, aber richtig erkannte, dienten die zahlreichen Beteiligungen und Betätigungen Whites in den letzten drei, vier Jahren offenbar vor allem als Vorbereitung für diesen großen Moment, in dem er die ganze, beeindruckende Bandbreite seines Spektrums gebündelt abbilden kann: Das Rumpeln und Rasseln der White Stripes ist ebenso vorhanden ("Sixteen Saltines") wie der Classic Rock der Raconteurs ("Weep Themselves To Sleep"). Aber auch aus seiner Arbeit als Produzent an Wanda Jacksons Comeback-Album nahm er Einflüsse mit, zum Beispiel für das im Retro-Country-Stil gehaltene Titelstück oder den Sixties-Groove "I'm Shakin'". In seiner Kooperation mit Danger Mouse und Daniele Luppi für "Rome" könnte er die bisher unbekannte Zartheit und Ruhe für die breitwandige Ballade "Love Interruption" gefunden haben.

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"Blunderbuss" ist wie ein überladener Schaukasten voll funkelnder Glasperlen, ein klappriger Pferdewagen mit geheimnisvollen Arzneien und Lotionen, wie sie im Wilden Westen über die Dörfer fuhren. Und Jack White sitzt an den Zügeln und kobert und preist seine wundersamen Waren an wie ein echter Flim Flam Man, ein Gaukler und Hochstapler. Natürlich tut er nur so, als hätte er den Boogie von "Trash Tongue Talker", den Country-Rock von "Take Me With You When You Go" oder die Beatles- und Kinks-Einflüsse in Songs wie "Hip (Eponymous) Poor Boy" oder "On And On And On" in 60 Jahren Rockgeschichte selbst erfunden und gelebt. Jack White ist ein Schwindler und ein Schelm, aber er ist auch ein sensibler, großartiger Musiker mit großem Herz - und er liebt diese alte, knarrende Musik. Auf seiner Solo-Tournee will er je nach Tageslaune mal mit einer rein männlichen, mal mit einer rein weiblichen Band auftreten. Und als Werbeaktion ließ er hunderte Flexi-Discs seiner ersten Single an Helium-Ballons aufsteigen, als (vermutlich unerreichbare) Gratis-Gabe für seine Fans. "Blunderbuss" heißt übersetzt übrigens "Donnerbüchse". Ein vernehmlicher Volltreffer. (9) Andreas Borcholte

Jack White - "Sixteen Saltines"

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Mittekill - "All But Bored, Weak And Old"
(Staatsakt/ Rough Trade)

Die dritte Mittekill-LP "All But Bored, Weak And Old" beginnt mit einem der erstaunlichsten deutschsprachigen Songs der letzten 24 Monate: "Leb wohl" ist Schlummerlied und Abgesang, es sammelt gramgebeugt die Brosamen ein, die Lou Reed vor 39 Jahren mit "The Kids", "The Bed" und "Sad Song", den drei finalen Stücken seiner Gute-Laune-Platte "Berlin" verstreut hatte. "Mach die Augen zu/ Finde deine Ruh'/ Hast dein Leben lang danach gesucht/ Es ist gut/ Es ist jetzt vollbracht/ Ich halte für dich Wacht/ An der letzten Tür sag ich Leb wohl." Als Wegweiser für den weiteren Verlauf von "All But Bored, Weak And Old" eignen sich diese vier Minuten mit atmendem Piano und leisem Hintergrundklicken nicht: "Schlangen" ist ein fies einprägsamer House/Neo-New-Wave-Track für die Indie-Disco-Hölle, "Chinaimbiss Berlin" eine plötzliche Verwandlung vom Schäbigen zum Prachtvollen, biegsamer Pop, so angenehm unselbstbewusst und vieldeutig gesungen von Friedrich Greiling, unserem Mann in Berlin-Mitte, dem Mann hinter Mittekill. "Endconnection", "Baby Rok" und "Jtzt wrd gefckt" gehören den abbruchreifen Clubs, und "Ist es auch gebrochen" ("Wir, wir passen nicht mehr so zusammen/ Aber komm, aber komm.") könnte man als Fortsetzung von Udo Lindenbergs steinerweichendem "Bitte keine Love-Story" von "Ball Pompös" (1974) lesen. Man hat es dann doch versucht und ist gescheitert: Jetzt erinnert nicht einmal ein Tattoo an die gemeinsame Zeit. Friedrich Greiling kennt sich wohl aus in der Pop-Geschichte, er achtet auf Stimmungen, Rhythmen und die Macht von Konflikten. Greilings größter Verdienst aber besteht darin, reizvolle Musik für eine Stadt ohne Reiz geschrieben zu haben. Und eine Platte, deren einsame Vielfalt Graf Unheilig wohl auch in diesem Falle wieder mit seiner geliebten "großen Dönerpizza" vergleichen würde. Yikes! (8) Jan Wigger

Mittekill - "Jobs"

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Spiritualized - "Sweet Heart, Sweet Light"
(Double Six/ Domino/ Goodtogo)

Vor einigen Jahren saß Jason Pierce mit einer Gitarre auf einem Schemel in Oslo; es war ein trauriges Bild und später Nachmittag, die Sonne, geformt aus einem Funken, brannte Löcher in die Luft, die Schulkinder vor der Festivalbühne langweilten sich, die Alten waren etwas enttäuscht. Wo war der Gospelchor, wo der Wahn, wo die Gewänder? (Und mal unter uns: Wo war Markus Kavka?). Spiritualized funktionieren nur laut, mitsamt all der falschen Propheten: Wer "Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space" damals bloß in Zimmerlautstärke hörte, war ein armer Irrer. "Sweet Heart, Sweet Light" ist als Albumtitel vor allem deshalb ulkig, weil der zweite Track "Hey Jane" in geradezu flegelhafter Art und Weise (man denke auch an "Mucky Fingers" von Oasis) die Velvet-Underground-Geräusch-Symphonie "White Light/ White Heat", nun ja, "belehnt". "Little Girl" ist konziser Balladen-Schmelz, leicht verrostet, ein Cowboy-Traum: "Here today/ And then we're gone/ Before we ride into the sun/ Get it on." In "Too Late", einem Bekenntnis der späten (zu späten!) Reue, flüstern die Engel und zwitschern die Streicher, zu Diese-Kirche-bleibt-geschlossen-bis-diese-Stadt-eine-Oper-hat-Glockengebimmel bricht Jason die Stimme: "Don't touch the flame and you'll never find out/ My mama said that's what love's all about." Dann rumpelt "Headin' For The Top Now" achteinhalb Minuten lang über eine mit Schlaglöchern übersäte Milchstraße, und in "So Long You Pretty Thing" singt - natürlich - Poppy, the spaceman's beautiful daughter. Mein Vorschlag: Jetzt noch eine Coverversion von "Jesus Christ Pose"! (8) Jan Wigger

Spiritualized - "Hey Jane"

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Mike Wexler - "Dispossession"
(Cooperative Music/ Universal)

Längst zur Ikone geworden ist der Schattenriss des adretten TV-Serien-Werbers Don Draper, der einem endlosen Abgrund entgegenfällt. Gäbe es einen der akkuraten Zeit-Zuordnung enthobenen Soundtrack zu diesem Sturz ins Ungewisse sich ändernder Zeitläufe, dann wäre dies eher nicht ein launiger Schlager wie "Zou Bisou Bisou", sondern ein in schlingernden Synthesizer-Sphären langsam abwärtstrudelnder Song wie "Pariah", der Opener des zweiten Albums von Mike Wexler. "Pariah" erzählt angeblich die Geschichte eines Engels, der rückwärtsgewandt in die Zukunft gleitet - er sieht also trotz stetigen Fortschritts immer nur in die Vergangenheit. Was für ein gelungenes Bild, nicht nur für Don Drapers Dilemma, sondern für unseren nostalgieseeligen Zeitgeist. Nicht alles auf "Dispossession" ist so einfach zu deuten, denn oft driften die von Wexler mit heller, leicht bekiffter Stimme gesungenen Texte ins Metaphysische und listen auch gerne mal die Spektralfarben des Lichts auf ("Spectrum"). Mike Wexler kommt aus Brooklyn, hat aber mit den aktuellen musikalischen Trends aus dem New Yorker Hipster-Borough nichts gemein. Er stammt vielmehr aus der Freak-Folk-Bewegung und lässt sich mit ein bisschen gutem Willen irgendwo zwischen Joanna Newsom, Devendra Banharts mutiger Phase und klassischem Nick Drake einordnen. In Wahrheit hat Wexler aber ebenso viel mit den brütenden Jazz- und Drone-Experimenten von Post-Rockern wie Geoff Farina (Karate) oder Brian McMahan (Slint, The For Carnation) gemeinsam. "Dispossession", dessen Titel und Songs laut Wexler einen Bogen zwischen der biblischen "Enteignung" des Menschen durch die Vertreibung aus dem Paradies und der Marginalisierung des Individuums durch die ökonomischen Prozesse der Moderne schlagen, ist ein Album, das indische, britische und amerikanische Folk-Traditionen mit Jazz und Pink Floyd zu einer wundervoll ästhetischen Meditation fusioniert. Na, spüren Sie jetzt, wie sich Don Drapers freier Fall ungefähr anfühlen müsste? Zur Stärkung erstmal einen kräftigen, schön bittersüßen Old Fashioned. (7) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Mimimat 17.04.2012
Fehlt da nicht das Wichtigste nationale? "die Ärzte" haben ihr lang erwatetes Album "auch" herausgebracht. Mit einem wirklichen Querschnitt durch alle Musikrichtungen. Auf youtube alles zu erhören. Umsonst und ganz legal.
2.
cargath 18.04.2012
Zitat von sysopJack White, der alte Gaukler und Hochstapler, landet mit seiner Donnerbüchse einen Volltreffer. Mittekill machen reizvolle Musik für eine Stadt ohne Reiz: Berlin. Bei Spiritualized flüstern Engel und zwitschern Streicher. Und Mike Wexler hat einiges gemein mit unser aller Ikone Don Draper. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,827896,00.html
Sie meinen solche Popstars wie Slayer, Metallica, Black Sabbath, ZZ Top und Crosby Stills & Nash?
3.
Madera 23.04.2012
Mann, Mann Jack White, Du lebst ja total in der Vergangenheit. Herr Borcholte will funkelnde Glasperlen erspäht haben, Ja bloß, wo sind sie denn ? Das ist alles so altbacken und verschnarcht mit den immergleichen Akkorden und Musik von damals. Ich will keinen Retro Sound, ich will frische Musik. Ob die Band weiblich oder männlich ist - völlig uninteressant. Tristesse pur.
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