Abgehört: Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Rufus Wainwright lässt auf seinem neuen Meisterwerk die Engel singen und alle Kirchenglocken bimmeln. Django Django erfinden aus Kraut, Surf und Rüben einen zeitgemäßen Sound - und Cats On Fire legen endlich ihre Schüchternheit ab.

Rufus Wainwright - "Out Of The Game"
(Decca/Universal, bereits erschienen)

O ye, of little faith! Es gab zu keiner Zeit irgendetwas, das Rufus Wainwright nicht konnte: All die Tagträume, der Pomp, die schwarzen Schleier und die todessüchtige Erotik, all die Lösungen und Antworten an Stelle eines schweigenden Gottes, die Mosaikfliesen, die Bilder und Bordüren, die Tupfschablonen und Pfauengesänge, das Königskind, der "Gay Messiah", die kleine Schwester und das Abendbrot mit Vater, die Wunden und die Wahnvorstellungen, die Honigmilch, die güldenen Lampenschirme, und eine ew'ge Replik auf Helmut Schmidts berühmten Aphorismus, der lautet: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Mark Ronson, der "Out Of The Game" geduldig produzierte, sagt: "Es ist das beste Album meiner Karriere." Ich sage: Das, lieber Mark Ronson, ist bei Deiner bisherigen Karriere - "Back To Black" mal außen vor gelassen - nicht schwer. Und: way to go, denn diesmal hast du ein Genie erwischt.

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Der Titelsong ist Stephen Bishop, Kenny Rankin, Hall & Oates, Todd Rundgren, "Rashida" eine verschwenderische Gobelin-Stickerei von Freddie Mercurys Gnaden, "Montauk" Phantasie und Delirium ("One day years ago in Montauk lived a woman, now a shadow/ There she does wait for us in the ocean"), "Citizen Kane", "Eternal Sunshine Of The Spotless Mind" und erlittene Wirklichkeit (Max Frisch!), so herrlich und vollständig aufgelöst in "Sometimes You Need", auf dem Thomas Brenneck die elektrische Gitarre spielt und Wainwright sich so mühelos, so gleichmütig in höchste Höhen schraubt wie damals auf "Agnus Dei", "Going To A Town" oder "April Fools". Als schlichtes Gemüt bevorzuge ich wie stets die eingängigsten, offensichtlichsten, aber auch süchtigmachendsten Stücke von "Out Of The Game": "Bitter Tears" und "Perfect Man" (in dem Rufus sein Gesamtbefinden gewohnt bescheiden mit dem der Kaiserin von Österreich vergleicht) überstrahlen den Rest dieses neuerlichen Meisterwerks, an dessen Ende die Kirche keine Kerzen und die Bank keine Kreditgeber mehr hat. Die meisten Menschen denken weder über den Tod, noch über das Nichts nach. Rufus Wainwright ist keiner davon. (9) Jan Wigger

Rufus Wainwright - "Out of the Game"

Mehr Videos von Rufus Wainwright gibt es hier auf tape.tv!

Django Django - "Django Django"
(Warner, erscheint am 27. April)

Den Preis für das beknackteste Cover-Artwork des Jahres kann man Django Django ruhig schon mal im April verleihen. Scheußlicher kann es einfach nicht mehr werden. Sieht von außen aus wie eines dieser furchtbaren Esoterik-Alben zur Muskelentspannung - oder wie im Eigenverlag produzierter Jazz aus Baden-Württemberg. Aber lassen Sie sich davon bloß nicht abschrecken! Ich bin selber froh, dass ich trotz optischer Abschreckung dann doch noch reingehört habe. Drinnen steckt nämlich eine der lässigsten und gleichzeitig aufregendsten Platten des Jahres, die von den einschlägigen Brit-Jubelpostillen ("NME", "Uncut", etc.) schon frenetisch gefeiert wird. Ausnahmsweise zu Recht, denn Django Django, man höre und staune, machen tatsächlich etwas Neues. Also natürlich nicht wirklich, denn wir wissen ja: War alles schon mal da. Aber die Art und Weise, wie die aus Edinburgh stammenden East-Londoner Elektronik-Beats, Surf-Sound, Achtziger-Pop, Krautrock und beschleunigte Dub- und Afro-Rhythmen zu einem homogenem Ganzen formen, ist unerhört. Die phänomenale Single "Default" klingt, als hätten sich die New Yorker Mathrocker Battles mit Hot Chip vermählt, "Hail Bop" jingeljangelt träge, aber toll vor sich hin wie ein modern gemixter Beach-Boys-Hit. Für einen brasilianisch-weltmusikalisch dahinwippenden Schunkler wie "Waveforms" würde sich Damon Albarn einen Finger abhacken - und "Zumm Zumm" zwingt entspannten Sixties-Westcoast und Byrds mit Franz Ferdinands strenger Indie-Marschmusik zusammen. In "WOR" beweisen die Briten, dass sie auch schnelle Surf-Gitarren beherrschen; "Life's A Beach" ist ein klassischer Indierock-Gassenhauer mit Westerngitarren, Handclaps und Deep-Purple-Orgeleinlage in der Mitte. Total irre wird es dann kurz vor Schluss in "Skies Over Cairo", wo Hippie-Gesumme, orientalischer Groove und Krautrock-Synthiegedudel aus tausendundeiner Nacht zum schrägen Weltmusik-Instrumental zusammengeschraubt werden. Django Django sampeln zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört und erschaffen so einen entrückten, psychedelisch-technokratischen Sound, der aber, ähnlich wie bei Gorillaz oder Hot Chip, eben nicht nur nostalgisch kuratiert, sondern auf Basis vergangener Favoriten zeitgemäße Musik repräsentiert. Nächstes Mal aber bitte ein geschmackvolles Cover. Ansonsten: Vergesst Brooklyn! (8) Andreas Borcholte

Django Django - "Default"

Mehr Videos von Django Django gibt es hier auf tape.tv!

Caetano Veloso And David Byrne - "Live At Carnegie Hall"
(Nonesuch/Warner, bereits erschienen)

Hallo, liebe "Zeit"-Abonnenten, "Klassik Radio"-Hörer, 3sat-"Kulturzeit"-Seher und regelmäßige Biomarkt-Rauke-Käufer: Dem Klischee gemäß, nach dem es in "Abgehört" seit elf Jahren nahezu ausschließlich um "Indie-Geschrammel" und "Britpop" geht, behalte ich an dieser Stelle meine Meinung zu all den wundervollen Platten von Gilberto Gil, Antonio Carlos Jobim und Vinícius de Moraes für mich und richte meine Aufmerksamkeit stattdessen genau auf das, was man von mir erwartet: David Byrne. Die Talking Heads waren eine der drei besten Bands aller Zeiten (diskutieren zwecklos, Leserbriefe bitte direkt an die Redaktionsadresse), und David Byrne ist genau der Gesamtkünstler, als den ihn Sean Penn in einer kurzen, niederschmetternden Sequenz von Paolo Sorrentinos Roadmovie "This Must Be The Place" beschreibt. Zusammen mit dem berühmten brasilianischen Schamanen Caetano Veloso gab er im Jahr 2004 ein Konzert in der New Yorker Carnegie Hall (die ja allenfalls von außen gewöhnlich aussieht): Veloso haucht "Sampa", "Desde Que o Samba é Samba" und ein paar andere frenetisch beklatschte Lieder, dann betritt Byrne die Bühne und trägt neben dem fabelhaften "Look Into The Eyeball"-Track "Everyone's In Love With You" (unvergessen: "I introduce you to my friends/ And that's the last I see of you") auch "And She Was", "Life During Wartime" und "Heaven" vor. "(Nothing But) Flowers" gibt es als Duett: Ein köstliches, höchst exquisites Vergnügen für alle Menschen mit absolutem Gehör. (8) Jan Wigger

Cats On Fire - "All Blackshirts To Me"
(Cargo Records, erscheint am 4. Mai)

Ja gut, äh, eh alles Faschisten (siehe Albumtitel), aber immerhin wird im Infoschreiben SPIEGEL ONLINE lobend erwähnt, wohl weil wir diese großartige Band und ihren melodieselig zurück zur Nostalgie taumelnden Gitarren-Pop schon seit den Anfängen sorgsam betreuen, während das "Burger King Magazin" erst jetzt hellhörig wird. Nach zwei schüchternen Heldentaten ("The Province Complains", 9/10; "Our Temperance Movement, 9/10) und einer gemischten Raritätensammlung lotet man auf "All Blackshirts To Me" nun die Möglichkeiten aus, die man als nordisch-blassgesichtige Ratsversammlung junger Dichter so hat: "My Sense Of Pride" und "A Few Empty Waves" kommen vergangenen Gassenhauern wie "I Am The White-Mantled King" (10/10), "The Smell Of An Artist" und "Lay Down Your Arms" gleich, anderes ist deutlich ruhiger als zuvor, zuweilen jodeln ein paar junge Frauen im Hintergrund. "A Different Light" beginnt wie ein "Come On Feel"-Track der Lemonheads, die Strophe von "The Sea Within You" ist deutlich an Aztec Cameras "Somewhere In My Heart" angelehnt - Erinnerungsflecken, baby stones, vergossene Milch. Es bleibt dabei: Die Angst vor finnischer Behutsamkeitskunst ist beinahe so absurd wie die wohl lustigste und unsinnigste Angst von allen: Flugangst. (7) Jan Wigger


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
superstrom 24.04.2012
Also gegen David Byrne ist das Django Django Cover stilsicher und geschmackvoll.
2.
-christoph- 24.04.2012
haben das Cover auch im Schrank hängen. Bei einem Showcase in Paris trug der Sänger ein unfassbar scheußliches Hemd, was dem Albumcover fast entsprungen zu sein scheint. http://meinzuhausemeinblog.blogspot.de/2012/02/django-django-paris-140212.html
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Abgehört im Radio

Neu! Abgehört gibt es jetzt auch im Radio! Jeden Donnerstag von 12 bis 13 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus den persönlichen Playlisten von Andreas Borcholte und Jan Wigger.


Jan Wiggers Playlist KW 17
  • SPIEGEL ONLINE
    1. Bad Religion: Recipe For Hate

    2. Novalis: Sommerabend

    3. The Wake: Here Comes Everybody

    4. Harry Nilsson: A Little Touch Of Schmilsson In The Night

    5. Hoelderlin: Hoelderlin

    6. Haircut 100: Pelican West

    7. Thelonious Monk: Thelonious Monk And Joe Turner In Paris

    8. Nickelback: Photograph (Album-Track)

    9. Small Faces: Ogden's Nut Gone Flake

    10. Hikaru Utada: Goodbye Happiness (Album-Track)
Andreas Borcholtes Playlist KW 17
  • SPIEGEL ONLINE
    1. Django Django: Default (Single)

    2. Eagles: Desperado

    3. Jack White: Love Interruption (Album-Track)

    4. Kim Fowley: The Day The Earth Stood Still

    5. Arto Lindsay: Pode Ficar

    6. Pangea: Love + Alcohol (Track)

    7. Malcolm Middleton: A Brighter Beat

    8. La Sera: Sees The Light

    9. Jon Brion: Magnolia O.S.T.

    10. Hot Chip: Flutes (Single)