Neues Album "Humanz" Gorillaz im Nebel

Vielstimmige Endzeit-Party: Auf ihrem neuen Album "Humanz" zelebriert die virtuelle Popband Gorillaz um Damon Albarn mit vielen prominenten Gästen den Irrsinnszustand der Welt - und das eigene Verschwinden.

Gorillaz-Performance (Ende März in London)
Mark Allan/ Warner Music

Gorillaz-Performance (Ende März in London)

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Am liebsten wäre es ihm, er könnte sich bei Livekonzerten endlich vollständig durch seinen Comic-Avatar 2D ersetzen, sagte Damon Albarn neulich dem US-Magazin "Billboard". Journalisten, die den Britpop-Veteranen zum Interview über das neue Album seines Musikprojekts Gorillaz trafen, nahmen den 49-Jährigen als müde und abgeschlafft wahr.

Ein griffiges Bild, wenn man das Ende des weißen Pop und seiner alternden Protagonisten beschwören wollte. Albarn ist übrigens der Erste, der einem dabei das Wort aus dem Mund nähme: Schon oft verdammte er die "X-Factor"-isierung vor allem britischer Popmusik und die Haltungslosigkeit der nachwachsenden Musikergeneration. Andererseits darf man am Ende eines anstrengenden Produktionsprozesses, der Albarn und seinen Gorillaz-Kompagnon, Zeichner und Designer Jamie Hewlett fast drei Jahre kostete, durchaus erschöpft sein. Und wer fühlte sich nicht allein von der Weltlage bedrückt und geplättet - die selbst den fantasievollsten Künstler mit dystopischer Irrealität ausbremst und überholt - kannste dir nicht ausdenken.

Daran gemessen ist "Humanz", das vierte Album der Gorillaz nach sieben Jahren Absenz, eine gelungene, interessante und dynamische Popplatte geworden.

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Gorillaz: Virtuelle Visionäre

Sie hat nur halt mit den Gorillaz nicht mehr viel zu tun. Oder zumindest nicht mit den Gorillaz, wie man sie bisher kannte. Nur noch vereinzelt, in Songs wie "Busted And Blue" und "Andromeda", die Albarn allein singt, ist der vernäselte, melancholisch-bedröhnt schlurfende Sound aus Rock, Hip-Hop, Reggae und Elektro präsent. Jener lässig schwingende, mit arabischen und afrikanischen Rhythmen versetzte, charmant weltläufig klingende Popsound, der die Gorillaz zur ersten globalisierten Klubmusikband westlicher Prägung machte, lange vor den aktuell gefeierten Grime- und Karibik-Ausflügen des Rappers Drake, dem sino-arabischen Techno von Fatima al Qadiri oder anderer mit Ethno-Kolorit gefärbter EDM-Beschallung.

Musik und politischer Inhalt gingen bei den Gorillaz stets Hand in Hand, perfektioniert hatte die Band sich schließlich 2010 mit ihrem Album "Plastic Beach", das mit agitatorischen Dancefloor-Hymnen wie "White Flag" oder "Stylo" sowie arabischen, afrikanischen und zum Movement gegen die Vermüllung der Ozeane aufrief. Auch was die multimediale Umsetzung ihrer Musik betraf, waren die Gorillaz Vorreiter, mit visuellen Clips, die inhaltlich aufeinander Bezug nahmen, virtuellen Pressekonferenzen und Liveauftritten, bei denen echte Musiker mit den Comic-Avataren interagierten. Zum neuen Album gibt es ein begehbares "Spirit House", eine audiovisuell ausgeklügelte Virtual-Reality-Umgebung, in der Clips und Charaktere erkundet werden können.

Mit solchen Pioniertaten hätte man es gut sein lassen können, doch in Albarn reifte die Idee eines politischen Gedankenspiels: Was, wenn wirklich eine absurde, demagogische Reality-TV-Persona wie Donald Trump US-Präsident würde? Dass es tatsächlich so kommt, lag weder für Albarn noch für einen Großteil der restlichen Weltbevölkerung im Bereich der Wahrscheinlichkeit. "Humanz", eine Commedia dell'Arte, ein Grand Guignol über mediale Abgründe und politische Endzeitszenarien, wie es dem Opernfan Albarn gefällt, muss daher mehr Bedeutungsschwere und Sehnsucht nach Erlösung schultern als erwartet und intendiert.

Aber die eine Antwort, den großen Trost, gibt es zurzeit nicht. Deshalb ist das zugleich begeisternde und verstörende an "Humanz", dass die Gorillaz ihr etabliertes Prinzip der Vielstimmigkeit hier so weit ins Extrem führen, bis sie als ästhetisch wie inhaltlich vorschreibende Subjekte nahezu verschwinden. Es sind die zahlreichen Feature-Gäste, die den einzelnen Songs Botschaft und Genre-Verortung geben. Wie auf einem Mixtape oder einer Playlist ergeben die einzelnen Teile nicht zwingend eine Summe; "Humanz" ist ein polyphones, von US-Produzent The Twilite Tone of D/P und Gorillaz-Intimus Remi Kabaka junior auf den neuesten Stand der gültigen Klub- und R&B-Sounds getrimmtes Kaleidoskop, das bunte und düstere Facetten einer sterbenden, verderbenden Welt zeigt. Hoffnungsschimmer, Lustfantasien und Liebesbeschwörungen ("We Got The Power", "Carnival") mischen sich mit bedrückenden Zustandsbeschreibungen.

US-Rapper Vince Staples berichtet in "Ascension" über Polizeigewalt, sein Kollege Danny Brown widmet sich mit der Neo-R&B-Sängerin Kelela in "Submission" den Fallstricken sexueller und emotionaler Unterwerfung, in "Saturnz Barz" singt der jamaikanische DJ Popcaan über alltäglichen Rassismus. Überdramatisch bis unfreiwillig komisch wird es zum Schluss in "Hallelujah Money", in dem der britische Dichter und Musiker Benjamin Clementine sich mit viel Pomp-Vibrato zur Trump-Karikatur aufpustet. Als weitere Gäste sind unter anderem Grace Jones, De La Soul, Mavis Staples, Pusha T, Savages-Sängerin Jehnny Beth und Newcomer wie Kali Uchis und Jamie Principle dabei.

Sie alle vereinen sich zu einer spannungsreichen, aber nicht homogenen Weltschmerz-Revue, die zwischen Party-Eskapismus und apokalyptischer Realität taumelt. Als Zeremonienmeister spricht Schauspieler Ben Mendelsohn verbindende Interludien, die wie Überleitungen zum Bühnenumbau am Theater wirken.

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Parlophone Label Group (Warner); 16,99 Euro

Albarn selbst beschränkt sich in "Busted And Blue" darauf, sich in Echokammern hineinzuträumen, in denen er, von Sphärenklängen umnebelt, verloren darum barmt, man möge ihn mit einem Suchscheinwerfer finden: "Like a satellite, and I can't get back without you." Sich in diesem Zustand sympathischer, sehr menschlicher Ratlosigkeit auf die Rolle des kuratierenden Gastgebers zurückzuziehen, scheint daher nur folgerichtig. Nur eine Bedingung stellte Albarn allen Beteiligten: Der Name Trump wurde aus jedem Text, in dem er vorkam, wieder herauseditiert. Er wolle dem "berühmtesten Mann auf Erden" nicht noch mehr Ruhm angedeihen lassen, sagte er "Billboard". So viel Ego-Bewusstsein haben die Gorillaz dann doch noch.



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Seite 1
.patou 27.04.2017
1.
Ich habe die ersten drei Gorillaz-Alben geliebt. Obwohl Albarn in fast jedem Interview als arroganter Sack rüberkommt, muss man ihm zugutehalten, dass er von den Britpop-Frontmännern der kreativste und neugierigste ist. Auch von seinem Projekt The Good, The Bad & The Queen hätte ich gern noch mehr gehört. Ich hatte zwar auch immer eine große Schwäche für Oasis, aber musikalisch herrschte dort ja ziemlich schnell Stillstand und auch die Nachfolgebands klingen noch immer ähnlich. Erstaunlich nach all den Fehden immerhin, dass Noel Gallagher auf dem neuen Gorillaz-Album vertreten ist. Mit "Humanz" tue ich mich schwer. Die Co-Musiker sind wie immer erlesen, aber thematisch erschöpft mich das Ganze etwas. Außerdem fehlen mir auch die Melodien, die einige der Vorgänger-Alben so unwiderstehlich gemacht haben. Ich glaube, ich werde mich wieder dem gerade erschienenen Album von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales widmen, das hier übrigens auch eine Besprechung verdient gehabt hätte. Cocker ist mir von den genannten Britpop-Heroen eh der liebste. :-)
team_frusciante 27.04.2017
2.
Zitat von .patouIch habe die ersten drei Gorillaz-Alben geliebt. Obwohl Albarn in fast jedem Interview als arroganter Sack rüberkommt, muss man ihm zugutehalten, dass er von den Britpop-Frontmännern der kreativste und neugierigste ist. Auch von seinem Projekt The Good, The Bad & The Queen hätte ich gern noch mehr gehört. Ich hatte zwar auch immer eine große Schwäche für Oasis, aber musikalisch herrschte dort ja ziemlich schnell Stillstand und auch die Nachfolgebands klingen noch immer ähnlich. Erstaunlich nach all den Fehden immerhin, dass Noel Gallagher auf dem neuen Gorillaz-Album vertreten ist. Mit "Humanz" tue ich mich schwer. Die Co-Musiker sind wie immer erlesen, aber thematisch erschöpft mich das Ganze etwas. Außerdem fehlen mir auch die Melodien, die einige der Vorgänger-Alben so unwiderstehlich gemacht haben. Ich glaube, ich werde mich wieder dem gerade erschienenen Album von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales widmen, das hier übrigens auch eine Besprechung verdient gehabt hätte. Cocker ist mir von den genannten Britpop-Heroen eh der liebste. :-)
Wenn ich mir das, was Gorillaz, Blur und Jarvis Cocker in den letzten Jahren so fabriziert haben, anhöre, wundert es mich doch etwas, dass Albarn und Cocker nach wie vor unter dem einen Genre "Britpop" einsortiert werden. Eine "Musikrichtung", die mehr so ein 60er-Revival in den 90ern war und schon damals der einen Band besser (Oasis, Supergrass), anderen wieder etwas schlechter gepasst hat (Radiohead und Blur ab 97, Pulp). Heute hat sich der Britpop auseinandergelebt. Die machen einfach alle nur noch: Musik.
.patou 27.04.2017
3.
Zitat von team_fruscianteWenn ich mir das, was Gorillaz, Blur und Jarvis Cocker in den letzten Jahren so fabriziert haben, anhöre, wundert es mich doch etwas, dass Albarn und Cocker nach wie vor unter dem einen Genre "Britpop" einsortiert werden. Eine "Musikrichtung", die mehr so ein 60er-Revival in den 90ern war und schon damals der einen Band besser (Oasis, Supergrass), anderen wieder etwas schlechter gepasst hat (Radiohead und Blur ab 97, Pulp). Heute hat sich der Britpop auseinandergelebt. Die machen einfach alle nur noch: Musik.
Natürlich hat der Output all dieser Musiker (außer den Projekten der Gallghers) seit vielen Jahren nichts mehr mit dem zu tun, was man im engeren Sinne mit dem Britpop der Mittneunziger assoziiert. Mir ging es angesichts der Tatsache, dass Albarn und Noel Gallagher auf "Humanz" das erste Mal zusammenarbeiten, auch weniger um eine musikalisch differenzierte Einordnung als um eine griffige, verbindende Bezeichnung für die seinerzeit populärsten britischen Bands. Mit "Britpop" assoziiert man halt meistens Oasis, Blur oder auch Suede. Man verzeihe mir die fehlende Präzision.
dr.eldontyrell 28.04.2017
4. Klasse Projekt!
Und ich bin total verknallt in Noodle...
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