Neues Album von Kanye West: Yeezus, nicht so laut!

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Kanye West: Trotzkopf of Pop Fotos
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Narzissmus trifft Profilneurose: Der US-Rapper Kanye West ist einer der wichtigsten und umstrittensten Musiker der letzten Jahre. Mit seinem wütenden neuen Album "Yeezus" will er über die Mechanismen des Popgeschäfts triumphieren - und scheitert an seinem Ego.

Er hat über 20 Millionen Platten verkauft, 21 Grammys gewonnen, er lebt mit Kim Kardashian, dem feuchten Traum aller Reality-Soap-Addicts zusammen, die ihm gerade eine Tochter geboren hat. Er brachte einen US-Präsidenten in Verlegenheit und provoziert dessen Nachfolger, ihn öffentlich "Knallkopf" zu nennen. Kanye West, 36, ist der schillerndste Popstar der vergangenen zehn Jahre, ein US-Magazin nannte ihn mokant-ehrfurchtsvoll "American Mozart". Was kann einer wie er noch wollen?

Anerkennung. Im Interview mit der "New York Times", dem einzigen, das West zur Veröffentlichung seines sechsten Albums "Yeezus" an diesem Dienstag gab, erzählte er von seinem Trauma, als Siebtklässler nicht ins Basketballteam der Schule aufgenommen worden zu sein. Der Pennäler aus Chicago trainierte hart, kam in die achte Klasse - und fand seinen Namen wieder nicht in der Teamaufstellung. Damals hatte West nicht den Mumm, den Coach zu konfrontieren, deshalb lasse er es heute umso heftiger an allen aus, die ihm nicht den gebührenden Respekt entgegenbringen. West mosert, meckert und stichelt - und am liebsten jammert er darüber, wie ungerecht ihn die Welt behandelt.

Bloß nicht auf YouTube

Das trieb ihn zu immer neuen kreativen Höchstleistungen. Sein letztes Album, "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" (2011), war ein opulentes Pop-Meisterwerk, das jede Genregrenze sprengte. Kanye West schien den Pop-Thron erobert zu haben. Zufrieden war er aber immer noch nicht. 80 Prozent des Albums seien perfekt gewesen, sagte er der "New York Times", 20 Prozent ein Zugeständnis, eine "Entschuldigung" für sein rüpelhaftes Verhalten in der Öffentlichkeit, das bereue er heute. Keine Kompromisse mehr, 100 Prozent Kanye, lautete das Motto für die Arbeit an "Yeezus".

Dazu gehörte auch, sich den Mechanismen der Popindustrie zu verweigern: Das Video zur ersten Single "New Slaves" ließ er an Pfingsten an die Hochhausfassaden einiger Weltstädte projizieren, darunter auch Berlin, danach zog er den Clip wieder aus dem Verkehr: Er wolle seine Musik auf YouTube nicht zusammen mit angeblich ähnlichen Künstlern sehen. Da er sich zurzeit auch im Kunstbetrieb tummelt, erklärte er das Stilprinzip des Minimalismus zum Ziel des Albums. Die CD enthält kein Booklet oder Covermotiv, nur ein neonroter Sticker hält die unbeschriftete Plastikhülle um den ebenso blanken Rohling zusammen. Die Plattenfirma erhielt die streng unter Verschluss gehaltene Platte erst am Tag der Veröffentlichung - eine Anti-Vermarktung, die die Erwartungshaltung natürlich erst richtig anheizte.

Rick Rubin, einst Gründer des legendären HipHop-Labels Def Jam, auf dem West heute seine Platten veröffentlicht, sorgte dafür, "Yeezus" von orchestralem Zierrat zu befreien. Auf das Cover eines der ersten Rap-Alben, das er produzierte, LL Cool J's "Radio" (1985), ließ er als Credit schreiben: "reduced by Rick Rubin". Später half er Pop-Größen wie Johnny Cash und Metallica dabei, ihren Sound aufs Wesentliche zu konzentrieren - und schuf so Millionenseller.

Kanyes körperlicher Angriff

Die frühen, rohen Def-Jam-Alben von LL Cool J oder Public Enemy sind die Blaupausen für "Yeezus", doch Wests Minimalismus ist kein Old-School-HipHop, sondern zeitgemäße Clubmusik, die Elemente früher Industrial- und Noise-Bands wie Ministry mit aggressivem Elektro-Sound aktueller DJs wie Skrillex verbindet - zu einer düsteren, enervierenden Lärmattacke. An vier Stücken waren die französischen Dance-Produzenten Daft Punk beteiligt. Mit HipHop hat "Yeezus" nur noch deshalb etwas zu tun, weil West besser rappen als singen kann.

Am Montag vergangener Woche stellte er das unversöhnlichste Werk seiner bisherigen Karriere dann doch noch der Presse und einigen prominenten Gästen in New York vor, darunter auch Jay-Z und Gattin Beyoncé. Die Journalisten mussten rund eine Stunde vor dem Hintereingang einer angesagten Kunstgalerie auf Einlass warten, obwohl die vermeintliche Exklusivität des Events keine war: Die karge, hallenartige Ladezone des Studios im ehemaligen Meat Packing District von Manhattan ist zur Straße hin offen, so dass jeder Passant an der vermeintlich geheimen Listening Session teilnehmen konnte.

Einmal ließ West, der am hinteren Ende der Halle hinter einem Pult Hof hielt, sein Album durchlaufen, die Lautstärke bis zur Schmerzgrenze aufgedreht, womit er jedes störende Geplauder unterband. Zu dieser körperlichen Attacke liefen im Hintergrund und auf den gegenüberliegenden Gebäuden bunt eingefärbte Videos von Kampfbombern und Bombenteppichen. Eine in ihrer Unverschämtheit sehr beeindruckende Machtdemonstration.

Papa war bei den Black Panthers

Mag "Yeezus" musikalisch durch Düsternis und Kompromisslosigkeit durchaus begeistern, so bleibt die Botschaft des Albums seltsam verschwommen: Nach außen gibt sich West, früher ein Popper mit bunten Polo-Shirts, seit einiger Zeit als rassen- und klassenbewusster Rebell mit schwarzer Lederkleidung und mürrischer Miene, der immer mal wieder fallen lässt, dass sein Vater Ray West ein bekanntes Mitglied der militanten Schwarzen-Bewegung Black Panther Party war.

Politische Motive finden sich reichlich auf "Yeezus", ob in der Geißelung von Konsumkultur und Markenterror, die vor allem die schwarze Bevölkerung der USA in Schach halte ("New Slaves") oder im Opener "On Sight", der mit einem elektronischen Störgeräusch beginnt und die kämpferische Zeile "A Monster about to come alive again" enthält. Im nächsten Stück, einer treibenden Glamrock-Hommage, stilisiert er sich zum "Black Skinhead", die Ballade "Blood On The Leaves", baut auf einem Sample des Billie-Holiday-Klassikers "Strange Fruit" auf, der Geschichte eines Lynchings. "Yeezus", erklärte er in einer atemlosen Rede vor dem New Yorker Listening-Event, sei sein von Gott gegebener Name, West sei nur sein Sklavenname.

Doch mehr als ein paar plakative Symbole sind nicht drin; der Großteil der Texte dreht sich um stereotype HipHop-Themen - schlampige Girls, dicke Autos, fette Egos. Und eine Breitseite gegen Konsumismus wie "New Slaves" wird allein dadurch zur hohlen Geste, dass West mit seinem eigenen Modelabel Pastelle oder teuren Nike-Sondermodellen selbst zum Markenfetischismus auffordert.

So effektvoll er sich auch zum Märtyrer des Pop stilisieren mag, er bleibt der kleine Trotzkopf, den der Coach partout nicht im Team haben will. Wests Dilemma: Die tiefsitzende Profilneurose ist Triebfeder und Hemmschuh zugleich. Oder um es mit James Brown, einem der Urväter Kanye Wests, zu sagen: "You're just talkin' loud and sayin' nothing".


Kanye West: "Yeezus" (Def Jam/Universal)

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insgesamt 19 Beiträge
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1. ungelogen...
Saminho 19.06.2013
...das wohl beschissenste hiphop-Album das ich jemals zu hören bekam. einfach nur schlecht
2.
thecali 19.06.2013
Kann jemand Kanye mal bitte wieder auf den Boden zurück holen? Ich fand ihn schon zu den Zeiten von "my beautiful dark twisted fantasy" zu abgehoben. Es ist trotzdem ein gutes Album, aber das ist kein Grund sich selbst zu einer Art Gott zu inszenieren. Es gibt viele musikalischere progressive Künstler mit Hiphop-background welche Kanye in ihren Produktionen klar in den Schatten stellen (Flying Lotus, Onra, Flume,...). Aber Kanye ist halt eine Marke.
3. optional
derigel3000 19.06.2013
"POP-Größen wie Johnny Cash und Metallica"? Ist dem SPON Autor die Hitze zu Kopf gestiegen, oder wie kommt er dazu, Cash und Metallica in die Pop-Sparte zu verorten?
4. ---------------------
tuscreen 19.06.2013
Der liebe Gott schütze uns vor Leuten, die meinen, irgendwann mal im Leben zu kurz gekommen zu sein, und die die Wut darüber jetzt an ihrer Umgebung austragen. Für sowas gibt's doch eigentlich Psychotherapeuten. Und nennen nicht die Scientologen sowas wie Mr. Wests Basketballepisode ein Engramm, das man mit lustigen Auditingsessions beseitigen kann? Vielleicht kann sich West da ja mal mit Will Smith kurzschließen, von Black Brother zu Black Brother sozusagen...... >=]
5. Das sollte
andialpha 19.06.2013
nun wirklich nicht auf der Hauptseite sein. Da gibts wirklich Wichtigeres. Der Typ is ein Fall fuer den Psychologen und die Musik ist einfach schlecht. Er hat halt einfach nur eine Mega Marketing Maschinerie und doofe Kids die das kaufen.
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