Neues Album von Lady Gaga Ich umarme euch, ihr Nerds!

Ist die so geboren worden - oder wurde sie doch zusammengeschraubt? Fest steht: Lady Gaga ist der einzige Popstar der Gegenwart. Sie sieht das Internet nicht als Gefahr fürs Popgeschäft, sondern als Geschenk. Auf "Born This Way" sendet sie zu Kirmestechno nun die Message aus: Gaga ist für alle da!

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Nick Knight/ Mariano Vivanco

Die schönste Geschichte rund um Lady Gagas neues Album "Born This Way" hat auf den ersten Blick nur bedingt mit Gaga selbst zu tun. Als sie den Song "Born This Way" zum ersten Mal vorstellt, bei den Grammy-Verleihungen im Februar, sitzt ein kleines Mädchen im kanadischen Winnipeg vorm Fernseher: Maria Aragon. Ihre Eltern sind aus den Philippinen eingewandert, die Familie hat nicht sonderlich viel Geld, das Mädchen ist ein großer Gaga-Fan.

Maria schaut sich an, wie Gaga sich in einem weißen Ei auf die Bühne bringen lässt und ihr neues Stück aufführt, ist begeistert und versucht sich an einer eigenen Version des Songs. Zwei Tage übt sie, immer nach der Schule, am dritten stellt sie den Song bei YouTube ein. Man sieht ein kleines Mädchen, das an einem Keyboard sitzt und "Born This Way" singt.

Es ist eine bezaubernde Coverversion, Gaga entdeckte sie einige Stunden später bei einem ihrer nächtlichen Streifzüge durchs Netz, sie twittert den Link in die Welt hinaus ("Ich konnte nicht aufhören zu weinen, als ich das gesehen habe. Deswegen mache ich Musik. Sie ist die Zukunft.") und stellt ihn auf ihre Facebook-Seite.

Am nächsten Morgen ist Maria, der Lady-Gaga-Fan, selbst ein kleiner Star. Sie wird ins Fernsehen eingeladen, und als Gaga kurze Zeit später in Toronto auftritt, holt sie das Mädchen auf die Bühne. Sie schlägt sich erstaunlich gut, vor rund 15.000 Zuschauern singen die beiden "Born This Way" im Duett. Bis heute haben 32 Millionen Menschen Maria Aragons Clip angeschaut, es heißt, sie verhandle über einen Plattenvertrag.

Zwischen Toronto und Teheran

Diese Geschichte erzählt dreierlei. Erstens: So funktioniert Pop heute. Lady Gaga nutzt höchst geschickt die Möglichkeiten der sozialen Netzwerke. Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ein Star ihres Kalibers dem Mädchen Anwälte wegen eines Verstoßes gegen das Urheberrecht auf den Hals gehetzt. Zweitens: Lady Gaga ist eine brillante Songwriterin. Ein Lied zu schreiben, das gleichzeitig Discoklopfer ist und von einer Zehnjährigen nach der Schule auswendig gelernt werden kann, heißt, die Kunst des Popsongs wirklich zu beherrschen. Drittens: Lady Gaga ist für alle da. Das ist es nämlich, was es heißt, ein Popstar zu sein.

Das ist in den vergangenen Monaten ja manchmal in Vergessenheit geraten: Da hatte eine Reihe schwuler Blogger beklagt, wer "Born This Way" singe, behaupte die Existenz eines Schwulen-Gens und ignoriere somit den wissenschaftlichen Stand der Forschung. Das mag sein - ist aber wiederum nur in der eigenen kleinen Nische ein gutes Argument, dort, wo man glaubt, Gaga sei eine als Popstar verkleidete Anwältin sozialer Anliegen. Ist sie aber nicht.

Dass ein Selbstermächtigungssong wie "Born This Way" für eine Zehnjährige mit dem gleichen Recht davon handelt, sich auf dem Schulhof nicht unterkriegen zu lassen und einer jungen Frau in Teheran womöglich noch eine ganz andere Geschichte erzählt, ist in dieser Sicht nicht vorgesehen.

Die Popwelt hatte den Glauben, dass es noch einmal einen wirklichen globalen Superstar geben könnte, in den Nullerjahren ja schon fast aufgegeben, alles schien in immer kleineren Nischen zu implodieren. Und nun gibt es gleich zwei neue Superstars: Justin Bieber und Lady Gaga.

Beide sind keine Castingstars, sondern haben sich vom Rand der Musikindustrie hineingeboxt in die große Maschine, und beide wissen, wie sich die sozialen Netzwerke für den Mainstream-Erfolg nutzen lassen. Ansonsten sind sie aber denkbar unterschiedlich. Wo Bieber süß und putzig ist, wirkt Gaga kalt und gefährlich. Wo Bieber einfach ein Junge ist, der singen will, baut sich Gaga ein riesiges Gebäude aus Mode und Kunst. Wo sich Bieber auf die Geschichte der schwarzen Musik bezieht, kommen fast alle Einflüsse von Gaga aus den Traditionslinien des weißen Pop: Glamrock, Bruce Springsteen, Hard Rock, Industrial, Trance, Electroclash.

Andy Warhol meets Ziggy Stardust

Wobei man bei Gaga das Sounddesign und die eigentlichen Songs auseinanderhalten muss. Der Kirmestechno-Eindruck ihrer Musik ist vor allem der Produktion geschuldet, den Klängen, die Gaga und ihre Produzenten ausgesucht haben. Darunter verbergen sich meist erstaunlich konservative, einfach aufgebaute Songs - wie bei "Born This Way", das ja eigentlich nur aus drei Akkorden besteht.

14 Songs umfasst das neue Album, drei sind schon als Single ausgekoppelt worden, "Born This Way", "Judas" und "The Edge of Glory" - sie als Kritiker gut oder schlecht zu finden, ist ein bisschen wie das Wetter gut oder schlecht finden. Sie sind einfach da, "Born This Way" wird die Menschheit wohl nie wieder verlassen, die einen finden das gut, die anderen nicht, "Judas" ist beim Publikum einigermaßen durchgefallen. Dass das Erscheinen dieses Album das große popkulturelle Moment des Jahres ist, dürfte im Ernst niemand bestreiten.

Was will Gaga der Welt mit dieser Platte sagen? Außer, dass es ihr bisher persönlichstes Album ist, was fast jeder Künstler fast immer über sein neuestes Werk sagt? Das Album sagt: mehr vom Gleichen, aber ein bisschen anders.

Was Lady Gaga in den vergangenen zwei Jahren zu einem so faszinierenden Superstar machte, war ja vor allem das Überraschungsmoment. Man konnte ihr dabei zuschauen, wie sie eine künstlerische Sprache entwickelte und ausbreitete, voll irrer Drehungen und Wendungen. Wer wäre auf die Idee gekommen, aus Anlass einiger Konzerte in England einer Teetasse zu Weltruhm zu verhelfen, einfach nur durch konsequentes Herumtragen? Wer hätte erwartet, überdrehten Dance-Pop mit Andy Warhol begründet zu sehen? Jedes Outfit übertraf das vorherige. Jeden Auftritt begleitete die Frage: Was plant die Irre jetzt?

Damit ist es nun vorbei. Die Sprache ist bekannt, die Welt spricht sie, die Erwartung, von Lady Gaga überrascht werden zu wollen, ist so groß, dass sie fast zwangsläufig auf Enttäuschung hinausläuft.

Oft ist Lady Gaga mit Madonna oder Grace Jones verglichen worden. Das hat eine gewisse Berechtigung. Viel mehr Gemeinsamkeiten hat sie allerdings mit David Bowie. Lady Gaga, dieses vollkommene Wesen, ist eine fertige Persönlichkeit, genau wie Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust es einmal war. Eine Lady, die den Rest der Welt auf Abstand hält und gleichzeitig "Gaga" ist, im Sinne von verrückt, unberechenbar. Und genau wie Bowie diese Kunstfigur irgendwann aufgab und in neue Rollen schlüpfte, wird auch Gaga sich verwandeln, eine neue Persönlichkeit annehmen. Mit der übernächsten Platte wahrscheinlich.

Bis dahin kommt man mit "Born This Way" gut zurecht.



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insgesamt 70 Beiträge
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ok-info 20.05.2011
1. Ein echter Nerd
will aber gar nicht umarmt werden.
kuriosos 20.05.2011
2. hm
nun ja aber nur wenn sie ihr steakostuem an hat... irgendwie fehlt mir hier so wenig die pointe.... was will uns der autor sagen? ich meine mal abgesehen vom offensichtlichen?
Hipster 20.05.2011
3. Um Himmels Willen ..
Zitat von sysopIst die so geboren worden - oder*wurde sie doch zusammengeschraubt? Fest steht: Lady Gaga ist der einzige Popstar der Gegenwart. Sie sieht das Internet nicht als Gefahr fürs Popgeschäft, sondern als Geschenk. Auf "Born This Way"*senden sie und*ihr Kirmestechno nun die Message aus: Gaga ist für alle da! http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,763673,00.html
.. nicht jeder psychisch auffällige Mensch ist automatisch ein Popstar. Deswegen wird mir der Grund für die massive Berichterstattung über diese Frau auf SPON auch auf ewig ein Rätsel bleiben ...
Dette 20.05.2011
4. .
Gaga ist Trash - nicht mher und nicht weniger. Muss sich ja auch verkleiden weil sie 'normal' Kacke aussieht. Gibt sich extravagant und reitet eben auf dieser Welle bis sie platt ist - die Welle.
vincenoir 20.05.2011
5. Bowie? Na ja...
Der Vergleich mit Bowie drängt sich in der Tat auf, allerdings nur, wenn man sich ganz auf die Inszenierung konzentriert. Ob "Born this way" die Jahrzehnte ebenso übersteht wie zum Beispiel "Life on Mars" oder "Rebel Rebel" - ich weiß ja nicht. Selbst in seinen schwachen Achtziger Jahren hat Bowie mit Songs wie "Let´s dance" noch Instant-Klassiker produziert...Aber mal sehen.
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