Neues Lena-Album Jetzt geht's zur Sache, Showgirl!

Lena? Ist doch durch. Oder nicht? Naja, höchstens mit ihrem Job als Showgirl von Stefan Raab. Mit selbstgeschriebenen Songs auf ihrem neuen Album "Stardust" will die 21-Jährige jetzt ihr eigenes Ding durchziehen. Und das klappt schon mal ganz gut. Abgesehen von ein paar Tränen.

Sandra Ludewig

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Leicht ist das alles nicht. Vor kurzem präsentierte Lena Meyer Landrut einigen Journalisten einige Songs ihres neuen Albums in sogenannten Wohnzimmer-Sessions. Erst in ihrer Wahlheimat Köln, dann in München, Hamburg und Berlin. Ein interessanter, aber auch unangenehmer Termin, und zwar für alle Beteiligten. Natürlich ging man erst mal gerne hin.

Warum? Weil Lena, wie sie jetzt kurz genannt wird, mehr Glück hat als andere Sternchen, die schon wieder verglühen, bevor sie richtig zu strahlen beginnen. Wer heute eine Casting-Show gewinnt, genießt die Aufmerksamkeit eines Massenpublikums vielleicht noch für ein paar Tage nach dem Spektakel. "DSDS", "X-Factor", "Voice of Germany", "Popstars", "Supertalent" - wer erinnert sich da noch an die letzten Gewinner oder einen Hit? Ohne Google. Na? Eben.

Lena hatte Glück, dass sie damals in Stefan Raabs Sendung ging. Und mit ihrer kantigen, komischen Art auffiel, im Gedächtnis blieb, irgendwie bezauberte. Lenas Erfolg, die rauschhaften Monate zwischen dem Gewinn des Eurovision-Vorentscheids, ihrem überraschenden Sieg in Oslo mit "Satellite", Wulff-Empfang am Flughafen Hannover und zwei Nummer-Eins-Alben, all das war ja nicht ihrer von Raab produzierten Einweg-Dudelfunkmusik zu verdanken, sondern ihrer Schnodderigkeit, ihrer Pippi-Langstrumpfigkeit, den Widerborsten eines Anti-Fräuleinwunders.

Und dann reichte ihre kratzbürstige Liebenswürdigkeit plötzlich nicht mehr aus, das Eurovisionspulver, zum zweiten Mal verschossen, zündete nicht mehr. Voreilig für ihre Tournee gebuchte Arenen blieben halbleer, und als braves Showgirl taugte Lena auch nicht. Legendär ist das zickige Interview mit Frank Elstner in der ARD-"Show für Deutschland" kurz vor ihrem zweiten Auftritt beim Grand Prix. Aber auch als Green-Room-Reporterin beim "Bundesvision Song Contest" machte sie keine gute Fernsehfigur. Oder besser: Sie fügte sich nicht in die Riege der gesichtslosen Labertaschen ein, die solche TV-Events mit ewig gleicher Optik (lange, dunkle Haare, debiles Dauerlächeln, ranschmeißerischer Duktus) bestreiten. Und deshalb war man erstens nicht böse, dass Lena Ende 2011 aus dem Fernsehen verschwand - und zweitens gespannt, sich anzuhören, was in der Zwischenzeit passiert ist.

Das Ergebnis erscheint am Freitag, heißt "Stardust" und ist Lenas drittes Album, das erste ohne Raab-Beteiligung. Lena ist sichtbar aufgewühlt und angespannt, als sie einige Songs dem Branchenpublikum im Wohnzimmer eines Berliner Mitte-Appartements vorspielt. Schon beim etwas verkrampften Polaroid-Schießen zur Begrüßung (jeder mal mit Lena im Arm) war ihre Nervosität spürbar. Sie, die nach den Ereignissen der letzten zwei Jahre eigentlich Vollprofi sein müsste, zeigte Nerven - und fing vor lauter Aufregung sogar kurz an zu weinen, als sie sich selbst und ihre neuen Lieder anmoderierte.

Da saß sie nun, lange Mädchenbeine in ultrakurzen Hot Pants, die Haare streng hochgesteckt, im züchtigen Blüschen - und um sie herum die Medienmeute, alle älter, alle irgendwie berührt davon, wie die Sängerin, die schon in größten Hallen vor Tausenden Menschen auftrat, plötzlich zerbröselte. Wenn dieser Moment eine Inszenierung war, um Kritikern die Schärfe zu nehmen, dann war es eine verdammt gute. Aber so viel Kalkül traut man ihr dann doch nicht zu. Und Schauspielkunst schon gar nicht.

Mini-Schritte zur Emanzipation

Eigentlich habe sie erst mal ihre Ruhe haben wollen, um in Köln ein Studium anzufangen, heißt es. An der Uni war sie dann aber genau einmal, um sich einzuschreiben. Dann klopfte schon wieder die Plattenfirma Universal an und fragte, ob sie nicht doch ein neues Album aufnehmen wolle. Lena sagte ja und traf sich für zwei kurze, aber offenbar heftige Tage mit der schwedischen Sängerin Linda Carlsson (alias Miss Li). Die Session gab wohl den Ausschlag, sich selbst als Songschreiberin zu versuchen. Die Show, das wurde ihr wohl bewusst, war vorbei. Mit der Entscheidung, als Sängerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen, dürfte aber auch die Erkenntnis gekommen sein, dass endlich die Musik überzeugen muss.

An den meisten der 12 Titel auf "Stardust" hat sie als Texterin oder Komponistin mitgewirkt, und das, ganz positiv gemeint, hört man. Die Neuerfindung der Musik findet hier natürlich nicht statt. "Stardust" ist ein Album voll gefälligem Radiopop wie die beiden Vorgänger. Doch Lena nimmt die Emanzipation zur Songwriterin mit kleinen, aber spürbaren Schritten in Angriff. Das merkt man schon allein daran, dass sie sich nicht mehr so stark wie früher hinter Manierismen wie ihrem exaltierten englischen Akzent versteckt.

Die Nummer-sicher-Single "Stardust", die von Rosi Golan geschrieben und vorab veröffentlicht wurde, gehört zu den schwächeren Stücken des Albums, das mit der womöglich intimen Liebeserklärung "To The Moon", dem schnellen "Bliss Bliss" und der Ballade "Goosebumps" durchaus Songs von internationalem Format enthält. Weg ist die Wurstigkeit raabscher Humpta-Produktion, für das unaufdringliche musikalische Gesamtbild sorgte der Hamburger Produzent Swen Meyer, der zuvor für Tomte, Kettcar und Tim Bendzko arbeitete. Es geht um Gefühle, auch die großen, um Heimweh und Sehnsucht nach… ja, nach was eigentlich?

Vielleicht einfach danach, nicht mehr als Casting-Sternchen gesehen zu werden, das nichts kann außer keck zu sein, sondern ernst genommen zu werden, zum Kreis derjenigen zu gehören, die sie selbst cool findet. Die Indie-Rocker zum Beispiel, die kürzlich beim Hamburger Reeperbahn-Festival auftraten. Dort wollte Lena auch glänzen, ihre neuen Songs bei einem Konzert vorstellen. Doch der Auftritt misslang, weil sie zu nervös war, schief sang, unsouverän wirkte. "Was war denn da los, Lena?", fragte die "Bild"-Zeitung in gespielter Besorgnis.

Das verpatzte Live-Debüt passt zum Gefühlsausbruch der Wohnzimmer-Session. Obwohl sie mehr als zufrieden sein kann mit ihrem ersten Akt der Selbstermächtigung, versagen die Nerven. Vielleicht, weil nun niemand mehr da ist, hinter dem sich Lena verstecken kann: Als echter Künstler macht man sich ja auch nackt. "Don't panic", möchte man ihr analog zum lustigen letzten Song ihrer Platte zurufen: wird schon. Und das Flattern gehört zum Geschäft all jener, die glücklicherweise keine Show-Roboter sind.



insgesamt 107 Beiträge
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Seite 1
snickerman 12.10.2012
1. optional
Das Interessanteste ist, als ich ein Lied im Radio hörte, welches mir sehr gut gefiel, ohne dass ich eine Ahnung hatte, wer da singt. Ich hatte Adele oder Lana del Rey oder irgendeine andere der zahlreichen guten neuen Stimmen im Verdacht, bin ja kein Experte. Ging ins Ohr. Und irgendwann sagte der Moderator, das sei Lena. Ich so: "DIE Lena? Ach!" Ich hatte schon gedacht, von der hört man nix mehr... Freut mich, dass ich mich geirrt habe!
Guardsman 12.10.2012
2.
Ich bin zumindest gespannt! Kann sehr gut werden, muss aber nicht. Fraeulein Meyer-Landrut (Mit Bindestrich, Herr Borcholte!) ist fuer beides gut ...
Marco_P. 12.10.2012
3. ich mag die ja gern ansehen,
weil hübsch und goldisch is' 'se ja. Aber am liebsten is 'se mir doch auf stumm, nix für ungut- Artikel net g'lesen, awwer die Bilder sind schee =)
mm71 12.10.2012
4.
Zitat von snickermanDas Interessanteste ist, als ich ein Lied im Radio hörte, welches mir sehr gut gefiel, ohne dass ich eine Ahnung hatte, wer da singt. Ich hatte Adele oder Lana del Rey oder irgendeine andere der zahlreichen guten neuen Stimmen im Verdacht, bin ja kein Experte. Ging ins Ohr. Und irgendwann sagte der Moderator, das sei Lena. Ich so: "DIE Lena? Ach!" Ich hatte schon gedacht, von der hört man nix mehr... Freut mich, dass ich mich geirrt habe!
Doch doch, neulich auf dem Reeperbahnfestival hörte man auch etwas von ihr. Allerdings nichts Gutes...
Guardsman 12.10.2012
5.
Zitat von snickermanDas Interessanteste ist, als ich ein Lied im Radio hörte, welches mir sehr gut gefiel, ohne dass ich eine Ahnung hatte, wer da singt. Ich hatte Adele oder Lana del Rey oder irgendeine andere der zahlreichen guten neuen Stimmen im Verdacht, bin ja kein Experte. Ging ins Ohr. Und irgendwann sagte der Moderator, das sei Lena. Ich so: "DIE Lena? Ach!" Ich hatte schon gedacht, von der hört man nix mehr... Freut mich, dass ich mich geirrt habe!
Na, dann scheint ihr Album ja gut zu sein! "Taken by a Stranger" war ja auch nicht wirklich schlecht - es wurde nur von vielen schlecht gemacht
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