Neues Britney-Spears-Album: So entspannt kann Exzess klingen

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Mit "Femme Fatale" ist das siebte Album von Britney Spears erschienen. Und worum geht's? Natürlich um Sex und Party. Doch auch wer keinen Spaß an enthemmtem Dance-Pop hat, muss sich eingestehen: Das ehemalige Kummer-Girl ist zu einem der größten Stars unserer Zeit gereift.

Britney Spears: Einfach immer besser Fotos
Randee St Nicholas

"Ich habe neun Leben wie ein Kätzchen", singt Britney Spears auf ihrem neuen Album "Femme Fatale". Sie selbst ist mittlerweile bei Leben Nummer vier angekommen. Nach Teen-Pop-Phase, Neuerfindung als Sexbombe und dem psychischen und physischen Zusammenbruch schaffte sie mit dem Album "Blackout" 2007 das Comeback. Songs wie "Gimme More" oder "Piece of Me" waren glorioser Pop, denen Star-Produzenten wie Danger Mouse zusätzlichen Witz und Irrsinn verliehen.

"Femme Fatale" beweist nun, dass diese Hochzeiten keine Ausnahme waren und Britney Spears drauf und dran ist, sich als beständiger Popstar mit verlässlich guten Hit-Singles zu etablieren. Da zu dunkleren Zeiten Wetten darauf abgeschlossen wurden, ob sie ihren 30. Geburtstag noch erleben würde, kann man das als eine der größten Überraschungen der jüngeren Pop-Geschichte werten.

"Femme Fatale" ist aber auch kein Meisterwerk. Dafür ist seine Song-Dramaturgie zu wirr, denn es fängt mit dem stärksten Song, der sich euphorischen überschlagenden Dance-Hymne "Till The World Ends", an und hört mit dem schwächsten, der schmierigen Urban-Nummer "Criminal", auf. Dazwischen findet sich "How I Roll", ein kleines Midtempo-Stück, das vom Autorenteam ihres Hits "Toxic" stammt. "How I Roll" bildet den Ruhepunkt des Albums, auch wenn es überaus verspielt und ein wenig überproduziert ist. An den Bombast von Disco-Knallern wie "I Wanna Go" oder "Gasoline" kommt es damit aber noch lange nicht heran, denn die stampfen in einer anderen Klasse. Dafür ist es aufregender als "Big Fat Bass" von will.i.am, der es wie bei seiner Stammband, den Black Eyed Peas, typisch wummern lässt.

Eine ausgelassene Nacht auf der Tanzfläche

Zu all dem Druck, den die Produzenten Lukasz Gottwald und Max Martin den Stücken verleihen, funktioniert Spears' Stimme als perfektes Gegengewicht. Mit der Abgeklärtheit eines Stars, der schon ganz andere Probleme hatte als einen verpassten Einsatz und ein paar Pfund zu viel auf den Hüften, singt sie die Stücke mit gutgelaunter Nachlässigkeit. Das passt zum einen zu den unbedeutenden Texten, die sich fast ausschließlich um Sex und Ausgehen drehen ("Your body is a paradise/And I need a vacation tonight"). Zum anderen entspricht das genau der Stimmung, die es für eine ausgelassene Nacht auf der Tanzfläche braucht.

So bildet "Femme Fatale" einen harten Kontrast zu "Bionic", dem letzten Album von Britneys ehemaliger "Micky Mouse Club"-Kollegin Christina Aguilera. Die brachte dafür hippe Musikerinnen wie M.I.A., Sia oder Ladytron zusammen. Doch das Album enttäuschte musikalisch und kommerziell. Gerade der Wille zu echter Kunst und hehrem Anspruch hatten ihm seine Unmittelbarkeit und Emotionalität genommen. Passenderweise hieß die Lead-Single "Not Myself Tonight". Darin beschrieb Aguilera einen Abend voller Exzesse, entschuldigte sich aber im selben Atemzug dafür - sie wäre ja nicht sie selbst gewesen.

Solche Gesten hat Britney Spears nicht mehr nötig. Mit dem öffentlichen Zusammenbruch hat sie sich aller Ansprüche an emotionale Zurückhaltung und künstlerische Integrität entledigt. Seitdem spielt sie wie befreit auf und singt Songs, an die sie offensichtlich keine anderen Anforderungen stellt, als dass sie Laune machen müssen. Das macht sich auch an den Themen bemerkbar, an denen sie ihre Alben orientiert. "Circus" oder "Femme Fatale" tragen in ihrer Anspruchslosigkeit etwas höchst Entspanntes in sich. Wie Kylie Minogue, die mit "Aphrodite" für ihr letztes Album auch keine eben frische Allegorie wählte, transportiert Spears vor allem Spaß an der Musik und ihrer Inszenierung.

Völlige Gedankenlosigkeit darf man Spears aber auch nicht unterstellen. Ihre Musik ist nicht allein ein Werk ihrer Autoren und Produzenten, denn die arbeiten auch für andere Stars wie Katy Perry, Pink oder Kelly Clarkson. Diese überragt Britney Spears deutlich - mit ihrer bewegten Geschichte, vor allem aber mit der Vielzahl ihrer Hits. Über ihre mittlerweile zwölf Jahre andauernde Charts-Karriere hinweg hat sie beständig wie kein anderer Pop-Act sonst grandiose Singles herausgebracht. Dahinter steckt kein Zufall, sondern ein musikalisches Gespür, und dem gebührt in seiner Konstanz Respekt.

Am 2. Dezember 2011 wird Britney Spears übrigens 30 Jahre alt.

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1. Beste Sängerin
Intelligenz_93 25.03.2011
Grandiouses Album - von einer der besten Sängerinnen der Welt. Eine Meisterleistung.
2. Grösster Star
sverris 25.03.2011
"Das ehemalige Kummer-Girl*ist*zu einem der größten Stars unserer Zeit gereift." Supernovamässig aufgeblasen. "Femme Fatale" ist aber auch kein Meisterwerk." Oha. "Femme Fatale" Fatal langweilig ja, siehe http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-66120-4.html
3. Grandios?
shanabanana 25.03.2011
Ich finde ihren neuen Song grauenhaft und das Video sogar zum fremdschämen.. Es ist einfach immer wieder die gleiche Masche, die von Mal zu Mal billiger wirkt. Wirklich schade, den es gab mal eine Zeit da habe ich ihre Musik gern gehört..
4.
davyjones 25.03.2011
...obwohl der erste es prägnanter auf den Punkt brachte. "Über ihre mittlerweile zwölf Jahre andauernde Charts-Karriere hinweg hat sie beständig wie kein anderer Pop-Act sonst grandiose Singles heraus gebracht"... kann nur als Witz verstanden werden.(ROFL)
5. Selten schlecht...
Art_Beecks 25.03.2011
Wie kann man diese Musik nur als gut oder "gereift" bezeichnen. Die Songs werden nicht von BS geschrieben und arrangiert, sie singt. Und der Gesang ist - dank Kompression und Vocoder - identisch mit den geklonten Frauenpopstimmen unserer Zeit. Hier ist er sogar so stark elektronisch verfremdet, dass er jeglicher persönlicher Note entsagt. Trash-Electro war in den 90ern gut, und mit so einer Platte wie diesen unfasslich unsäglichen Machwerk die Teenies zu beknüppeln, ist fast kriminell. Zumal die 12-18jährigen sich diesen Schund tatsächlich pausenlos reinziehen müssen. (wer nichts anderes kennt..) Entspannen kann ich bei BS nicht mehr, mir wird nur noch schlecht.
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