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16. Februar 2013, 09:20 Uhr

Saxofonist Peter Brötzmann

Brutale Musik für eine brutale Gesellschaft

Von Hans Hielscher

Als "Chaos-Bläser" und "Kaputt-Spieler" hassen ihn die einen - andere verehren ihn als wichtigen Neuerer des Jazz. Der Saxofonist Peter Brötzmann ist Protagonist einer neuen 5-CD-Box und eines gerade erschienenen Buches.

Unterschiedlichere Typen kann man sich kaum vorstellen. Der eine - Kontrabassist mit klassischer Ausbildung - führt ein weltweit bekanntes Label, dessen Klangqualität als "the most beautiful sound next to silence" geschätzt wird. Der andere - Saxofonist, der nie einen Lehrer hatte - hält Lautstärke für unerlässlich und produziert Platten mit Titeln wie "Machine Gun". Doch Manfred Eicher und Peter Brötzmann haben einst zusammen in einem Avantgarde-Trio musiziert. Lang ist's her! Und längst findet Brötzmann Eichers Musikauffassung fürchterlich. Der Münchner habe "kräftigen Gruppen bei seinen Produktionen für ECM die Eier abgeschnitten", spottet Brötzmann. Immerhin hält er Eichers ECM für "das einzige funktionierende Label".

Solche Episoden und Aussagen finden sich im Buch "Brötzmann - Gespräche". Der Bochumer Philosoph und Brötzmann-Fan Christoph J. Bauer unterhält sich mit dem umstrittenen Musiker. Doch statt einer Hagiografie entstand eine interessante Abhandlung über die Kunst- und Politik-Szene in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Brötzmann erzählt, wie er zum Free-Jazz kam, wie seine Musik in Deutschland, den USA und Japan aufgenommen wurde. Er schildert die Armut von Künstlern, die sich dem Mainstream verweigern, beantwortet Fragen zu Drogen und Sexualität im Musiker-Milieu. Brötzmanns Gespräche mit Bauer bieten lohnenden Lesestoff - auch für die vielen, die seine Musik nicht mögen.

Wilde Männer beleidigen das Publikum

Brötzmann, Jahrgang 1941, lernte als Student der Wuppertaler Werkkunstschule bei Künstlern der Fluxus-Bewegung. Nam June Paiks Erkenntnis, "dass es in der bildenden Kunst nichts an Material gibt, das man nicht benutzen kann", wollte er "auf die Musik anwenden". Das Saxofonspielen brachte er sich selbst bei. "Eine brutale Gesellschaft provoziert natürlich eine brutale Musik", erklärte Brötzmann und kreierte einen bis dahin ungehörten brachialen Sound. Der erschreckte das Publikum und selbst Kollegen. "Musik, die dich buchstäblich mit Hass auflädt", fühlte der Gitarrist Attila Zoller. "Ich möchte alles kurz und klein schlagen, wenn ich eine Weile Brötzmann gehört habe."

Zu den aufreizenden (Miss)Tönen kam die nachlässige Hippie-Kleidung der Free-Jazzer - eine Provokation in einer Zeit, in der das Modern Jazz Quartet im Smoking auftrat. In einem Bericht über das Berliner Jazzfest 1968 beschrieb DER SPIEGEL Brötzmanns Oktett als "achtköpfige Horde wilder Free-Jazz-Männer, die wegen ihres optisch beleidigenden Bühnenhabits von den Jazztagen relegiert wurden". Damals etablierte sich das Gegenfestival "Total Music-Meeting", das bis zu seinem Ende 1999 mit öffentlichen Geldern unterstützt wurde.

Heute gibt es nichts Vergleichbares mehr. Aber Brötzmann verfällt deshalb nicht in Alterswehmut. Eher weise reflektiert der Musiker über seine Karriere ohne Kompromisse, die doch noch die verdiente Würdigung fand: 2011 wurde der standhafte Musiker für sein Lebenswerk mit dem Deutschen Jazzpreis geehrt. Und der Veteran "brötzt" immer noch - wie seine energetische Spielweise in Musikantenkreisen genannt wird. Das belegt die 5-CD-Box "Long Story Short". Es sind Aufnahmen von einem Festival zu Ehren Brötzmanns im November 2011 im österreichischen Wels. Da musiziert der 70-Jährige in wechselnden Besetzungen mit 40 Weggefährten und Nachgeborenen aus der Free-Jazz-Fraktion, darunter den Saxofonisten Ken Vandermark und John Tchicai und Bill Laswell am E-Bass.

Das eindrucksvolle Cover der Box stammt übrigens von - Peter Brötzmann.


Buch:
Christoph J. Bauer: Brötzmann - Gespräche. Posth Verlag, Berlin; 184 Seiten; 19,99 Euro.

CD:
Peter Brötzmann: Long Story Short. 5-CD-Box; Trost Records; 49,99 Euro.

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