Bass im Jazz: Befreiung der Begleitmusiker

Von Hans Hielscher

Bass im Jazz: Hintermänner treten ins Rampenlicht Fotos
Membran Media

Wie ein Teufelsgeiger arbeitet er mit dem Bogen, spielt Adeles "Rolling in the Deep" oder den Gospel-Song "Joshua Fought the Battle of Jericho". Der Jazz-Kontrabassist Charnett Moffett entpuppt sich mit seinem Album als virtuoser Solist. Auch andere Künstler befreien sich von ihrer Rolle als Hintergrundmusiker.

In Patrick Süskinds Erfolgsstück "Der Kontrabass" beklagt der Protagonist, dass sein Instrument im Opernorchester untergehe. Er könne noch so beherzt spielen, die angehimmelte Sopranistin würde ihn nie wahrnehmen - vom Publikum ganz zu schweigen. Den Kollegen im Jazz geht es etwas besser, doch auch sie gehören zu den Begleitmusikern, die man in ihrer Zunft "Sideman" nennt.

Als so einer galt Charnett Moffett. Der amerikanische Bassist debütierte als 16-Jähriger in der Band von Wynton Marsalis und sorgte seitdem für das rhythmische Fundament bei Stars wie Ornette Coleman, Art Blakey, McCoy Tyner und zuletzt Melody Gardot. Auf über 200 Tonträgern ist Moffett dabei. Doch er musste 45 werden, ehe jetzt eine Plattenfirma dem Musiker die Chance bot, seine Virtuosität zu präsentieren. "The Bridge - Solo Bass Works" heißt das Album. Auf 20 Titeln - vom Gospel-Klassiker "Joshua Fought the Battle of Jericho" bis zu Adeles Pop-Hit "Rolling in the Deep" - spielt Moffett seine brillante Technik aus. Er zupft die vier Saiten seines Instrument, lässt sie gegen das Griffbrett schnellen; er greift Akkorde, arbeitet wie ein Teufelsgeiger mit dem Bogen. Verblüffend. Einen optischen Eindruck von Moffett vermitteln drei YouTube-Videos von seinem Auftritt Ende April bei Jazzahead in Bremen.

Balladenhafte Eigenkompositionen ohne Schnickschnack

Während der "Sideman" Moffett auf dem Kontrabass zaubert, überrascht ein bislang eher als Pädagoge bekannter Musiker auf dem E-Bass. Markus Setzer betreibt in einem Hinterhof in Hamburg-Ottensen eine "Bass Akademie"; er hat Lehrmaterial erarbeitet, schreibt Kolumnen für Fachmagazine und lädt bundesweit und in Nachbarländern zu Workshops ein. Deshalb nennen Schüler den 43-Jährigen "Basslehrer der Nation". Setzer hat nun ein Minialbum mit sechs balladenhaften Eigenkompositionen herausgebracht. Es sind ohne technischen Schnickschnack aufgenommene, ins Ohr gehende Melodien. Und die "Shades" genannte CD offenbart, dass auch der E-Bass viel mehr sein kann als ein Begleitinstrument aus der Rhythm Section.

"Wo ich aufwuchs, ist niemand Musiker, der nicht auch singt", sagte Richard Bona während eines Gastspiels beim Rheinland-pfälzischen Enjoy Jazz Festival 2009. Der Bassist ist in einem Dorf in Kamerun aufgewachsen, ehe er über Paris nach New York zog. Zu seinem Instrument kam Bona, als er eine Platte von Jaco Pastorius (1951-1987) hörte; in Bands von Joe Zawinul, Bobby McFerrin und Pat Metheny machte er Karriere. Manche Jazzer bedauern, dass der 45-Jährige heute vor allem singt - auch wenn er sich dabei auf dem Bass und anderen Instrumenten begleitet. Bonas neues Album enthält Latin Music, Afro-Pop und sogar einen Tango. Am jazzigsten ist sein Duo-Titel mit dem Gitarristen Sylvain Luc.

Immer im Jazz-Bereich geblieben ist Drew Gress, 53. Der US-Bassist hat in Bands von John Abercrombie, Don Byron und Ravi Coltrane gespielt. Die neue CD unter seinem eigenen Namen ist typisch für Alben von Jazz-Kontrabassisten: Sie spielen eigene Kompositionen mit einer von ihnen zusammengestellten Band und haben ein paar mehr Solo-Improvisationen als beim Sideman-Dasein in anderen Formationen. Doch als Solisten bleiben sie weiter eher im Hintergrund. Auf seinem Album "The Sky Inside" spielt Gress in einem Quintett mit dem Alt-Saxophonisten Tim Berne und dem Trompeter Ralph Alessi. Es ist moderner Jazz auf höchstem Niveau.


CDs:
Charnett Moffett: The Bridge - Solo Bass Works (Motema);
Markus Setzer: Shades (JBM-Music);
Richard Bona: Bonafied (Emarcy / Universal);
Drew Gress: The Sky Inside (Pirouet).

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insgesamt 21 Beiträge
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1.
abao 25.05.2013
[Zitat von sysop] Doch er musste 45 werden, ehe jetzt eine Plattenfirma dem Musiker die Chance bot, seine Virtuosität zu präsentieren.. Moffett hat seine erste Solo-Platte 1987 für Blue Note Label gemacht und The Bridge: Solo Bass Works ist schon seine zehnte Solo-Platte!!
2. Fragezeichen
spon-48t-823r 25.05.2013
tun sich immer wieder bei mir auf, wenn der SPON über JAZZ schreibt. Das sich der Bass aus der Begleiterrolle löst, ist spätestens seit Jacos Debut (1974) gegessen. Lockere 39 Jahre später fällt das dem SPON auch mal auf!? Warum betitelt man den Artikel nicht einfach "CD-Tipps"?
3. Warum denn in die Ferne schweifen?
oannes 25.05.2013
Es freut mich, dass man beim "Spiegel" jetzt auch schon gecheckt hat, dass der Bass zu mehr taugt, als rhytmisches Begleitinstrument zu sein. Wenn ihr jetzt auch noch realisiert, dass es auch in D sehr gute Musiker gibt, die auf diesem Instrument mehr spielen können, als rhytmisches "Bumm-Bumm", z. B. Jaques Bono, aus München, der seit Jahren mit seinem Bach- und Piatti-Preludien, als auch solistischen Eigenkompositionen brilliert, dann könnte ich fast meinen, ihr seid endlich aufgewacht.
4. Bezahlte Werbung für ein Album?
hexenzange 25.05.2013
Zwar liebe ich Jazz, aber als Kenner möchte ich mich nicht bezeichnen. Insofern liegt es mir fern, die Kompetenz von SPON in Sachen Jazz zu beurteilen. Dennoch verwundert es mich, warum hier eine lange zurückreichende Entwicklung zum letzten Schrei hochstilisiert wird.
5. ignoranz
holzverbrenner 25.05.2013
wer bei diesem Thema Mingus oder Scott la Faro über geht' ist ganz einfach inkompetent!
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