Hohe Wangen, wuscheliger Seitenscheitel, schmales Gesicht: Nate Ruess sieht aus wie der Prototyp eines modernen Popstars. Mit hoher, tragender Stimme versieht der Sänger der Band Fun. auch leichte Melodien mit Pathos, zu Keyboard-Klängen und kräftigen Gitarren, die auf dem aktuellen Album "Some Night" von Breakbeats untermalt werden. Der Song "We Are Young" wurde millionenfach heruntergeladen, seit mehr als einem halben Jahr hält sich der Über-Hit in den Top-Ten der Billboard-Charts. Wenn also einer wie Ruess heute einem Reporter der "New York Times" erzählt, er habe nie gedacht, dass er einmal einen Hit schreiben würde - dann kauft ihm das so richtig keiner ab.
Dabei sah es lange Zeit wirklich danach aus, als würde der ambitionierte Nathaniel Joseph Ruess sein Leben fernab der Charts verbringen. Seine erste Band - damals noch in Phoenix und nicht in Manhattan - hieß The Format. Sie hatte ihren Namen angeblich gewählt, um sich humorig vom formelhaften Hit-Fabrikantentum der Musikindustrie zu distanzieren. Alle Mitglieder stammten aus Arizona, dem "Grand Canyon State" im Südwesten der USA. Die Hauptstadt Phoenix: Langeweile vom Reißbrett. Die Nachbarstädte Mesa, Glendale, Gilbert: Orte ohne Gesicht, die überwiegend in der "Phoenix-Mesa Metropolitan Area" untergehen.
Als Jugendlicher, so erzählt er es heute, habe Ruess die Strokes bewundert. Wegen ihrer Musik, aber auch wegen ihres Stils: Schmal geschnittene Jeans, Lederjacken, der Look der Siebziger. Seine Begeisterung für diesen Stil teilten aber nicht viele in seiner Heimat, denn "wenn ich in engen Hosen die Straße in Phoenix entlanglief, riefen mir andere Jungs Schimpfwörter wie Schwuchtel hinterher", erzählte Ruess vor einigen Wochen dem Berliner "Tagesspiegel".
In alten The-Format-Videos hängen ihm die langen Haare über die Ohren, sein Gesicht wirkt rundlicher, weniger ausgezehrt. Die Band produzierte Power-Pop mit verspielten Klavierpassagen und scheppernden Becken, der Schlagzeuger blieb noch brav im Takt. Erst später fanden sich in den Songs Anleihen von den echten Größen der Siebziger - den poppig-leichten Songs von Fleetwood Mac, den tiefschürfenden Melodien eines Van Morrison. Zu hören waren aber auch schon die Ansätze der Melodik und Stimmgewalt, mit der Ruess heute Fun. zum Erfolg führt.
Mit "Glee" zum Erfolg
Nach dem Ende von The Format im Jahr 2008 wagte Ruess den Sprung von der staubigen Westküste nach Manhattan, wo er sich musikalisch besser aufgehoben wähnte, modisch natürlich sowieso. Dort nahm er zwei Bekannte aus alten Tour-Tagen mit The Format an Bord: Andrew Dost, der zuvor in Michigan bei der Indie-Band Anathallo Flügelhorn und Klavier spielte. Und Jack Antonoff, der Einzige mit Wurzeln in der New Yorker Region: Seine Band Steel Train stammt aus New Jersey. Fun. war geboren.
Das letzte fehlende Puzzlestück heißt Jeff Bhasker, bekannt als Hit-Produzent für die Rapper Kanye West und Jay-Z. Die pumpenden HipHop-Beats lieh er schon Alicia Keys für ihren Grammy-gekrönten Longplayer "The Element of Freedom", und auch bei Lana Del Reys Debutalbum "Born to Die" hatte er die Finger im Spiel.
Bhasker verpasste Fun. nach dem mäßig erfolgreichen Debütalbum "Aim and Ignite" aus dem Jahr 2009 ein gründliches Hit-Makeover - an dem auch Ruess wohl nicht unbeteiligt gewesen sein dürfte: Dem Fun.-Frontman wird eine regelrechte HipHop-Obsession nachgesagt. Nachdem "We Are Young" Anfang Dezember letzten Jahres in der sehr erfolgreichen US-Musical-Comedyserie "Glee" auftauchte, fanden sich innerhalb weniger Stunden etliche Coverversionen bei YouTube. Kurze Zeit später lief der Song als Hintergrundmusik in der Werbepause des Superbowl: Der Eroberung Amerikas stand nichts mehr im Weg.
Ruess trägt jetzt, mit Anfang 30, öfter mal Hemd und Sakko. In Musikvideos gibt er den Verführer oder kämpft sich durch den Bürgerkrieg. Alles um ihn scheint eine Spur größer geworden zu sein. Gehalten hat aber seine Liebe zu hautengen Jeans. Damit fing schließlich alles an.
usp
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