Pink-Floyd Drummer Mason "Mein Schlagzeugspiel ist brillant! Immer gewesen."

Im Konflikt der Pink-Floyd-Egos war er der neutrale Dritte, als Drummer aber unterschätzt. Im Interview spricht Nick Mason über Höhepunkte der Bandgeschichte, das neue Album - und die Frage, wie kitschig das Plattencover ist.

Von

AFP

SPIEGEL ONLINE: Herr Mason, warum haben Sie das Cover zu "The Endless River" nicht selbst gezeichnet?

Mason: Früher habe ich das mal gemacht, vor ungefähr einem halben Jahrhundert. Ich konnte das aber nicht so gut. Warum fragen Sie?

SPIEGEL ONLINE: Weil Selbstgezeichnetes vielleicht besser gewesen wäre als ein Mann aus dem Computer, der über eine Wolke rudert.

Mason: Das Motiv ist vielleicht wirklich ein wenig plakativ oder kitschig. Bei solchen Entscheidungen ist aber die Frage, was denn die Alternativen gewesen wären.

SPIEGEL ONLINE: Was wären denn die Alternativen gewesen?

Mason: Es gab Entwürfe von der Grafikdesign-Agentur Hipgnosis, sogar Damien Hurst hat einige Vorschläge gemacht. Nichts davon hat uns überzeugt. Es war aber auch nicht so wichtig.

Pink Floyd - "Marooned"

Marooned von Pink Floyd auf tape.tv.

SPIEGEL ONLINE: Nicht so wichtig? Ein Pink-Floyd-Cover?

Mason: Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die Siebzigerjahre vorbei sind. Und die Achtzigerjahre auch. Ich fürchte, viele Leute werden das Cover überhaupt nie zu Gesicht bekommen. Was ist ein Cover im Jahr 2014? Ein daumennagelgroßes Bildchen auf einem iPod.

SPIEGEL ONLINE: Das Album ist dem gestorbenen Pink-Floyd-Keyboarder Richard Wright gewidmet, "Summer 68" von dem Album "Atom Heart Mother" ist eines seiner Glanzstücke. Was hat der Titel "Autumn 68" damit zu tun?

Mason: Rick spielt darauf die Orgel in der Royal Albert Hall, auf unserer Tour 1968. Ich wusste nicht, dass diese Bänder überhaupt existieren. Er muss das während eines Soundchecks gespielt haben, irgendwann nachmittags. Es ist eine Improvisation auf die Endsequenz von "A Saucerful Of Secrets". David hat diese Bänder gefunden, es war das mit Abstand älteste Material, das wir verwendet haben. Und hat sich hervorragend gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Wird Wrights Beitrag zur Bandgeschichte genug gewürdigt?

Mason: Nein, und mein Beitrag übrigens auch nicht. Wenn Sie in einer Band sind, vor allem in einer Band mit großen Egos, dann ist einfach nie genug Bestätigung für alle da. Das ultimative Beispiel dafür sind die Beatles. Paul ist noch immer verstimmt, dass bei vielen Liedern, die er geschrieben hat Lennon/McCartney steht. 40 Prozent Lennon, 40 Prozent McCartney, bleiben 20 Prozent für George Harrison. Und der Schlagzeuger geht leer aus, wie immer. Ich bin der Ringo Starr von Pink Floyd, müssen Sie wissen.

SPIEGEL ONLINE: Dann wäre Wright sozusagen Harrison?

Mason: Ein Harrison, der langsam von John Lennon aus den Beatles herausgedrängt wurde. Das wollten wir mit diesem Album wiedergutmachen. Jemand meinte, wir hätten für "The Endless River" verdammt viele Keyboarder angestellt. Aber das stimmt nicht. Es ist alles von Rick. Ich liebte vor allem seine Art, das elektrische Rhodes Piano zu spielen. So klar, so deutlich. Leicht jazzig und beeinflusst von der Romantik. Wir haben diesen Stil früher als "Turkish Delight" bespöttelt, um ihn zu ärgern. Hat ihn aber nicht geärgert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Schlagzeugspiel…

Mason: …ist brillant! Immer gewesen. Brillant. Es könnte nicht besser sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehörten in den Sechzigerjahren zu den ersten Schlagzeugern, die auch elektronische Soundeffekte einsetzten. Wann haben Sie das Interesse daran verloren?

Mason: Nie. Elektronik darf durchaus zum Repertoire eines Schlagzeugers gehören. Ich bin aber kein großer Freund von House oder Techno. Ein Schlagzeug, gespielt mit Leidenschaft, kann nicht durch eine Maschine ersetzt werden. Erstens ist das Schlagzeug das letzte wirklich akustische Instrument. Und zweitens kann ein Drumcomputer keinen Fernseher aus dem Hotelzimmerfenster werfen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Schlagzeugspiel, auf das sie besonders stolz sind?

Mason: "Set The Controls For The Heart Of The Sun". Mit Abstand. Was weniger an meinem Spiel liegt … obwohl, das natürlich auch. Es gehört einfach zum Besten, was jemals für einen Schlagzeuger geschrieben wurde. So sublim, so dynamisch! Das andere Stück, an dem ich noch immer Freude habe, ist die erste Hälfte von "Comfortably Numb". Das ist so unglaublich sparsam. Es gibt nur eine Bass-Drum, und dann ist es einen ganzen Takt lang vollkommen leer. Das liebe ich. Es ist der Raum zwischen den Noten. Das, was nicht gespielt wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn "The Dark Side Of The Moon" heute veröffentlich würde, wäre es wieder ein solcher Erfolg?

Mason: Wenn wir für "X Factor" kandidieren würden, wie schätzen Sie unsere Chancen ein? Und käme "The Dark Side Of The Moon" heute heraus, dann wäre es bestenfalls für eine Minderheit interessant. Die Texte sind noch so aktuell wie 1973. Die Musik würde an einigen Stellen reichlich altmodisch klingen. Auch das Cover würde, wie gesagt, kaum jemand wahrnehmen. Da hätten wir auch einen Typen draufpacken können, der über Wolken rudert.

SPIEGEL ONLINE: Weil die große Zeit der Rockmusik vorbei ist?

Mason: Ich bin mir nicht sicher, ob das vorbei ist. Das sage ich nicht, weil die Welt so ist, wie sie ist. Sondern weil der Nachwuchs so ist, wie er ist. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich hege keinen Groll gegen Boybands. Aber es wird immer junge Leute geben, die anstelle von Tanzbewegungen auf der Bühne lieber Instrumente spielen. Übrigens sind deren musikalische Fähigkeiten wahrscheinlich denen meiner Generation überlegen. Mein Sohn spielt besser Schlagzeug als ich.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt verhältnismäßig junge Künstler, die ganze Alben von Pink Floyd nachspielen. Die Flaming Lips haben "The Dark Side Of The Moon" gecovert …

Mason: … und eine Reggae-Band hat daraus die "Dub Side Of The Moon" gemacht. Inzwischen gibt es sogar eine "Dubber Side Of The Moon"! Wundervoll. Unsere Musik als Reggae, wer hätte das gedacht? Ich nicht. Kennen Sie Luther Wright & The Wrongs?

SPIEGEL ONLINE: Eine Country-Band, die eine Bluegrass-Version von "The Wall" gemacht hat?

Mason: So nackt und schlicht. Ich habe erstmals gemerkt, was das eigentlich für gute Songs waren. Und dann gibt es noch Projekte wie die "Australian Pink Floyd Show". Da wird jeder Fehler nachgespielt, den ich jemals gemacht habe. Ich kann Ihnen versichern, dass das nicht angenehm ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr ehemaliger Kollege Roger Waters covert sich gerade selbst mit seiner "The Wall"-Show.

Mason: Und ist es nicht umwerfend? Wie er es schafft, diese Musik immer weiter zu intensivieren! Diese Liebe zum Detail! Eigentlich hätte ich bei jeder Show gerne Schlagzeug gespielt. Er ist ein so großartiger Songwriter. Ein Jammer, dass er der Band verloren gegangen ist. Oder die Band ihm. Wahrscheinlich wir uns.

SPIEGEL ONLINE: Für eine Wiedervereinigung stünden Sie zur Verfügung?

Mason: Oh, ich würde sofort mein Schlagzeug einpacken. Aber David und Roger sind glücklich so, wie es jetzt ist. Vor allem Roger würde sich vermutlich nicht überwinden können, wieder mit David zu arbeiten. Warum sollte er das tun? Der einzige Grund wäre das Geld. Ich sehe die beiden schon im Studio miteinander zanken. Und danach, auf Tournee? Jeder in einem eigenen Bus unterwegs, in seinem eigenen Trailer. Ohne Kontakt. Warum sollten wir das tun?

SPIEGEL ONLINE: Wegen des Geldes. Die Angebote sind astronomisch, wie man hört.

Mason: Ich vermute, dass wir alle auch ohne eine Reunion nicht verhungern werden. Deshalb wird das nichts. Vielleicht toure ich eines Tages alleine als Pink Floyd mit einer Schlagzeug-Version von "The Dark Side Of The Moon". Das wird sehr aufregend. Sichern Sie sich Tickets!

SPIEGEL ONLINE: Sie waren immer eher der Diplomat in der Band, oder?

Mason: Das war ich. Erstens bin ich der Schlagzeuger, und Schlagzeuger können nicht alleine arbeiten. Zweitens mochte ich David und Roger, hatte also ihre Probleme nicht. David fühlte sich von Roger unter Druck gesetzt, Roger fühlte sich von David unterfordert, solche Sachen. Das ging mich nie etwas an. Ich war weder unterfordert noch fordernd. Leider bin ich kein Mediator oder Friedensstifter. Ich bin einfach neutral. Und damit ungefähr so hilfreich wie die Schweiz.

SPIEGEL ONLINE: "The Endless River" hat schon bei den Vorbestellungen alle Rekorde gebrochen. Wundert Sie das?

Mason: Ja. Ich hatte erwartet, es würde sich in zwei Lager spalten. In Fans, die enttäuscht sind, weil nicht genügend Songs darauf sind, denen alles zu Retro geraten ist. Und Leute, die überhaupt keine Fans sind. Irgendwo da draußen soll es sie geben. Wir müssen sie finden. Und bestrafen.

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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
dillweed 08.11.2014
1.
Mason selbst scheint ja auch nicht unbedingt über das kleinste Ego zu verfügen, sein Licht stellt er auf jeden Fall nicht unter den Scheffel. Als er sein Schlagzeugspiel als brillant bezeichnet musste ich sofort an das letztens hier veröffentlichte Interview mit Jimmy Page denken, der Mann ist ja ebenso von sich überzeugt (sicherlich auch nicht ganz zu unrecht). Ich muss Mason aber auf jeden Fall beipflichten, "Set the Controls for the Heart of the Sun" entwickelt gerade durch dieses "sublime" Drumming eine geradezu meditative Atmosphäre, die Live-Aufnahme aus Pompeji kann ich mir immer wieder anhören, es nutzt sich nicht ab (ist übrigens auf Youtube zu finden in recht annehmbarer Qualität)...
jot-we 08.11.2014
2. the beat goes on ... and on ...and on ... [...]
Sehr schönes Interview. Hat grossen Spass gemacht, das zu lesen! (Etwas schade nur, dass die Jungs Musik für Leute produzieren, die Banalitäten, die auf kompliziert und intellektuell machen, in ihre teuren Anlagen schieben müssen, um sich Geschmack unterstellen zu können ... [oder eben für SPON-Pop-Kritiker, hehe:])
patsche2712 08.11.2014
3. Die...
...Sachen von Endless River, die ich bisher gehört habe, klingen genauso kitschig, wie das Cover aussieht. Ehrlich gesagt ist es ein wenig Etikettenschwindel, altes Ausschlussmterial als neues Album anzupreisen. Mein Fazit, Endless River braucht kein Mensch.
jagenauundso 08.11.2014
4. Genau
Ich fand Mason immer sehr sympathisch und dieses Interview unterstreicht das. In einem allerdings irrt er sich: das Zeitalter von guten Covern ist nicht vorbei. Nach wie vor kaufen viele Leute Alben auf Vinyl, soweit erhältlich. Unter anderem wegen toller Covergestaltung.
Untertainer 08.11.2014
5. Ich bin beeindruckt
Glänzende Antworten auf doofe Fragen!
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