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11. August 2018, 16:45 Uhr

Hip-Hop-Enttäuschung

Minaj bittet zum Porno-Monopoly

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Rap-Queen Nicki Minaj, Inbegriff der weiblichen Autonomie im Hip-Hop, enttäuscht mit ihrem neuen Album - und räumt den Thron für eine neue Generation, die sie selbst aufgebaut hat.

Wenn man eines von MySpace, ICQ oder AOL lernen konnte, dann dass die Welt ein verdammtes Haifischbecken ist. Vor allem für erfolgreiche Start-ups. Eben noch umjubelter Marktführer, bläst einem unvermittelt der Wind ins Gesicht: Die Geldgeber meckern, die Kunden fühlen sich verraten und zu allem Überfluss kommt meist noch jemand um die Ecke, der dasselbe macht wie man selbst - nur eben besser. Ein Kreuz, wirklich. Umso erstaunlicher, dass Nicki Minaj solche Probleme bisher nicht kannte.

Die 35-Jährige hat sich seit ihrem 2009 veröffentlichten Durchbruchs-Mixtape "Beam Me Up Scotty" ein gut geöltes Imperium aufgebaut. Verantwortlich dafür war ein krisensicherer Markenkern, nämlich sie selbst. Onika Maraj, wie Minaj bürgerlich heißt, verkörperte etwas, das in unübersichtlichen Zeiten wie diesen wirklich jeder braucht: Hoffnung auf eine bessere Realität.

Minaj kam im Alter von fünf Jahren aus Trinidad und Tobago mit ihrer Familie ins New Yorker Queens und arbeitete sich aus disparaten Umständen heraus an die Spitze des Hip-Hop. Aus eigener Kraft wohlgemerkt, indem sie ihre lyrische Schärfe mit einer Rap-Technik wie eine Dampfwalze paarte. Und, wichtiger: Sie beugte sich nie den Gepflogenheiten eines immer noch von Männern dominierten Geschäftszweigs.

Es lebe die weibliche Lust

Der branchentypischen Degradierung zum Sexobjekt beugte sie vor, indem sie die weibliche Lust von Beginn an zum Nukleus ihrer Musik machte. Süß und verletzlich wollte sie ebensowenig sein, sie verteilte lieber vertonte Schellen zu Trap-Beats. Mit dieser Mischung wurde sie zur erfolgreichsten Rapperin aller Zeiten, brachte von ihrem 2014 erschienenen dritten Album "The Pinkprint" ganze elf Songs in den US-Charts unter und ist die einzige Frau unter den zehn Rappern mit den dicksten Bankkontos. Kurzum: Minaj hatte jahrelang keine Fressfeinde und galt zurecht als Königin des Hip-Hop.

Das änderte sich im letzten Jahr allerdings rasant. Zuerst trat die ebenfalls aus New York stammende Cardi B auf den Plan, schoss mit ihrer Single "Bodak Yellow" auf Platz eins der US-Charts und legte mit "Invasion Of Privacy" ein brillantes Album nach. Zu gleichen Zeit veröffentlichte dann auch noch Cupcakke aus Chicago ihr drittes Album "Ephorize". Beide hatten ähnliche Themen und Attribute, klangen aber rauher, frischer und zeitgeistiger als die alte Königin. Minaj musste also liefern.

Und genau danach klingt "Queen" nun auch. In den 19 Songs lässt sie keine Gelegenheit aus, zumindest verbal zu beweisen, dass der Hip-Hop-Thron besetzt ist. Besonders deutlich im auf Überlänge operierenden "Chun Swae" mit der Rae-Sremmurd-Hälfte Swae Lee: "You're in the middle of Queen right now, thinking / I see why she called that shit Queen", rappt Minaj da. Ganz ehrlich? Nicht wirklich.

Und Eminem rappt wie gedoptes Rennpferd

Denn "Queen" verstolpert sich gleich zu Beginn. Nach dem etwas hüftsteifen Opener namens "Ganja Burns", der einen Diss in Richtung Kollegin Cardi B wegen deren früherer Tätigkeit als Stripperin enthält, folgt mit dem von Eminem-Einflüsterer Luis Resto produzierten "Majesty" (feat. Eminem & Labrinth) ein für Minajs viertes Album symptomatischer Song. Darin finden sich zwar viele gute Ideen, etwa ein unverschämt funky Basslauf und eine angenehm verspulte Songstruktur. Das Problem: Diese Feinheiten werden gleich doppelt verstellt. Erstens von einer Hookline, die von einer um 2008 erfolgreichen Indie-Band stammen könnte. Und zweitens von einem Eminem, der zur Mitte des Songs unvermittelt losrappt wie ein gedoptes Rennpferd.

Diese Bredouille zieht sich durch das gesamte Album: "Queen" werden Minajs hoch gesteckten Ansprüche zum Verhängnis. Die Platte, die im Vorfeld mehrfach verschoben wurde, solle ein zukünftiger Klassiker werden, sagte die Rapperin im Vorfeld, ein vielseitiges Werk, das all ihre Facetten zeigt. Das tut es auch - allerdings auf Kosten jeglicher Stringenz.

Darunter leiden vor allem die vereinzelt sehr guten Songs. "Barbie Dreams" strickt beispielsweise eine Art Generalabrechnung um ein infektiöses Notorious-B.I.G.-Sample herum, bei der Minaj mit cleveren Punchlines eine ganze Reihe männlicher Rapper und deren Qualität als Sexualpartner aufs Korn nimmt: "Drake worth a hundred milli / Always buying me shit / But I don't know if the pussy wet or if he crying and shit", rappt sie etwa über den kanadischen Superstar. Autsch.

Das ist mutig, humorvoll und spricht zudem die latente Misogynie der Szene an. Wird aber durch das folgende "Rich Sex" (feat. Lil' Wayne) gleich wieder entwertet, einer Trap-Walze, die textlich klingt, als würden die beiden eine Art Porno-Monopoly spielen.

An anderer Stelle fällt mit "Come See About Me" einer der persönlichsten Songs in Minajs Karriere erst gar nicht weiter ins Gewicht, weil er zwischen dem gestrig klingenden Interlude "2 Lit 2 Late" und der uninspirierten Bass-Meditation "Sir" (feat. Future) festklebt.

Nach etwas mehr als einer Stunde Spielzeit bleibt deshalb vor allem ein Eindruck hängen: Dass es an der Zeit ist, Minaj zu danken. Dafür, dass sie als eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit eine verkrustete Szene aufgebrochen hat. Dass sie für andere Künstlerinnen den Weg in Charts geebnet hat. Dass sie den Sex im Hip-Hop weiblich gemacht hat.

Denn mit "Queen" wird ihr jahrelanger Erfolg endgültig zur Hypothek. Der gewünschte Befreiungsschlag bleibt aus, Minaj räumt unfreiwillig den Thron für eine neue Generation, die sie letztendlich selbst aufgebaut hat. Das ist tragisch, klar. Aber nur folgerichtig. Ein Haifischbecken eben.

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