Neue Bläsermusik

Ob später Brahms oder junge Entdeckungen, diese Bläser können überraschen: Das Kammer-Duo Nicolai Pfeffer/ Felix Wahl sowie der Solo-Tubist Siegfried Jung bringen edle Hits und frisch polierte Juwelen zu Gehör.

Ira Weinrauch/ AVI

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Leise, einfach, aber nicht schlicht: Johannes Brahms' späte Kammermusikwerke faszinieren mit einem dichten Geflecht aus schwebenden Melodien und klanggewordener Melancholie. Als Brahms (1833-1897) seine beiden Duette für Klarinette und Klavier schrieb, schloss sich der Zirkel seines Schaffens. Vielleicht blickte er mit gerade mit diesen beiden bescheiden anmutenden Stücken aus dem Jahr 1894 zurück: abgeklärt, tiefsinnig, aber nicht matt. Es passiert eine ganze Menge.

Dass sowohl der Klarinettist Nikolai Pfeffer wie auch sein Partner am Klavier Felix Wahl Musikdozenten sind, mag man bei ihrem forschen Zugriff kaum glauben. Ihre Darstellung der beiden Kompositionen op. 120 klingt ganz und gar nicht akademisch trocken, eher spätromantisch beseelt, und sie erzählen musikalisch eloquent. Die Konzert-Literatur für Klarinette leidet keinen Mangel, aber die Kammermusik für das meist jubilierende Holzblasinstrument entzückt eher Spezialisten. Hier überzeugt die Interpretation auf Anhieb: Pfeffers klarer, selbstbewusster Ton entlockt dem nachdenklichen Duktus des f-moll-Werkes ebenso viel Kraftlinien wie dem optimistischen Schwung des kontrastierenden Duetts in Es-Dur.

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Im Bläser-Himmel: Mit Tuba und Klarinette

Purer Brahms eben

Erwartbar deutlich wirkt der Dur/moll-Gegensatz der beiden Spätwerke. Die f-moll-Sonate lotet in vier unterschiedlich komponierten Sätzen eine enorme emotionale Bandbreite aus. Nach einer düster-verhaltenen Einleitung schwingt sich die Klarinette, getragen vom kraftvoll auftrumpfenden Klavier, zu wilder Hoffnung auf. Doch es geht durch das Raue nicht wirklich zum Licht. Purer Brahms eben. Selbst das tänzerische, beschwingtere Allegretto des dritten Satzen verweht die nebligen Spuren nicht ganz, lediglich im flotten Vivace des Finales blitzen ein paar schüchterne Sonnenstrahlen auf.

Die setzen sich langsam, aber sicher in dem dreisätzigen Duett Es-Dur durch, das von Felix Wahls vielfarbig durchgestaltetem Pianospiel eben wie von Nicolai Pfeffers schillernder Klarinette geprägt ist. Man würde den hoch virtuosen Bläser gern einmal in einem Jazz-Kontext hören.

"Paesaggio" (italienisch für "Landschaft") heißt die höchst abwechslungsreiche CD von Siegfried Jung, Solo-Tubist im Orchester des Nationaltheaters Mannheim. Nachdem der Tubavirtuose Andreas Martin Hofmeir das Instrument unter anderem über seine Band LaBrassBanda zu neuer Popularität verhalf, hört nun ein breiteres Publikum gern zu: Vom Pop zur Klassik und zurück. Die Tuba kann mehr als nur Folk.

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Siegfried Jungs Kolleginnen und Kollegen vom Mannheimer Orchester unter Leitung von Walter Hilgers begleiten ihn auch auf seinen neuen stilistischen Ausflügen, und sie liefern ein feines Beispiel für die Vielfalt in Deutschland, wo es so viele Opernhäuser und Orchester gibt wie sonst nirgendwo auf der Welt. Demnächst entscheidet die Unesco, ob diese Tatsache es wert ist, von einem Welt-Kulturerbe zu sprechen. Go, Unesco, kann man da nur sagen!

Siegfried Jung, geboren im rumänischen Timisoara (früher Temeschwar), studierte sein Instrument in Weimar bei eben jenem Walter Hilgers, der hier den Stab am Pult der "Mannheimer" führt. Hilgers, heute ein international gefragter Dirigent, begann als Tubavirtuose wie Jung.

Wunderbar flexibel in Volkslied und Gebet

Und der startet hier ganz europäisch mit einem der seltenen Konzerte für Basstuba, hier vom klangseligen Engländer Ralph Vaughn Williams (1872-1958), wo Jung sogleich reiche Möglichkeiten findet, seine wendige und einfühlsame Technik zu zeigen. Immer voller Überraschungen und dezent im Ansatz, die luftige Melodieführung beglückt immer wieder über die kurze dreisätzige Distanz. Runder Volksliedton im dichten Zusammenspiel: So hatte sich das der Komponist wohl vorgestellt.

Die "Landscape" für Tuba, Streicher und Klavier vom schwedischen Komponisten Torbjörn Iwan Lundquist (1920-2000) mäandert da schon etwas freier und franst mitunter auch etwas aus. Doch wie schon bei Williams besticht der behutsame und dennoch stets betörende Ton von Jungs Basstuba, die sich erneut als flexibel und wunderbar sonor wie ein tiefer gelegtes Horn darstellt. Man folgt diesem Ton gern und lässt sich von der bisher kaum gehörten Musik ent- und verführen.

Auch die übrigen Tuba-Werke der CD, etwa das dreisätzige Divertimento von Willi März oder das famose "Gebet" ("Prayer") für Tuba, Harfe und Streicher von der deutschen Komponistin Andrea Csollany pflegen und präsentieren die Ausdrucksvielfalt des manchmal unterschätzen Instruments. Auch wenn sich "Prayer" schon hart der Grenze zur Meditations- und Wohlfühlmusik bewegt. Dennoch ein wohliges musikalisches Wetterleuchten - auch Landschaften haben ja Höhen, Tiefen und Ebenen.

Achja, auch Siegfried Jung gibt sein Wissen seit vielen Jahren als Dozent an Musikstudenten weiter und musiziert als gern gesehener Gast mit Orchestern in vielen Ländern Europas. Die deutsche Dichte der hochkarätigen Solisten als Musiklehrer: Auch sie ist ein solider Grund für den Standard der deutschen Orchesterkultur. Wäre schön, wenn die Unesco dies auf ihre Art honoriert.

insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
JaWeb 11.02.2018
1.
Danke für den Hinweis auf das Album von Siegfried Jung!
otto jaegermeyer 11.02.2018
2.
Danke auch für den Hinweis, dass Brahms "Duette" für Klarinette und Klavier komponiert hat. Ich kannte bisher nur die Sonaten. Ach ja, und die schnarchigen Musikdozenten an der Hochschule unterrichten pure Langeweile, stimmt natürlich. Pfeffrig können nur die Unverbildeten von der Straße, aus dem "Jazz-Kontext". Puh...
bcl 11.02.2018
3. Intonation?
Schade, dass Herr Pfeffer bei der Auswahl der Klarinette wohl mehr Gewicht auf das Aussehen als auf eine gute Intonation gelegt hat.
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