Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Klassik-Sinfonien: Roll over Beethoven

Von

Neue Harnoncourt-Aufnahmen: Beethoven, befreit Fotos
Corbis

Uff, noch mal die "Fünfte"? Der große Dirigent und Musik-Erforscher Nikolaus Harnoncourt widmet sich im hohen Alter noch einmal den Sinfonien Beethovens - und gibt sich dabei wie ein junger Wilder.

Wer dachte, dass Nikolaus Harnoncourt mit weit über 80 Jahren nur sein künstlerisches Erbe penibel verwaltet, wird von diesen erfrischenden Beethoven-Aufnahmen überrascht sein. Die vierte und fünfte Sinfonie, zum ersten Mal eingespielt mit seinem eigenen Concentus-Musicus-Orchester, aufgenommen in der weltberühmten Akustik-Kathedrale des Wiener Musikvereins, das lässt schon rein theoretisch Spitzenklasse erwarten. Dass dieser vermeintlich ausinterpretierte Beethoven allerdings so verstörend hypnotisch klingt, geht auf das Konto des gar nicht ältlichen Altmeisters Harnoncourt, der wild und entschlossen mit bekannten Beethoven-Stereotypen aufräumt.

"Keine Rede vom Schicksal, das an die Pforte pocht", sagt er im Covertext zur Fünften, "da wird im Gegenteil das Tor zur Freiheit aufgestoßen!" Gut gesagt, aber noch besser ausgeführt: Das Ensemble mit den Originalinstrumenten fetzt von Beginn an kontrolliert los, als gehe es um alles. Und wenn man wie Harnoncourt mit seinen Kräften haushalten muss - er hat für die kommenden Monate alle Bühnenaktivitäten aus Gesundheitsgründen abgesagt -, dann soll alles, was man noch zu verkünden hat, vom Allerfeinsten sein. Gebündelt, verschlankt, verdichtet: Nikolaus Harnoncourt präsentiert einen Beethoven, wie er trotz aller Originalinstrumente frischer und zeitgenössischer kaum klingen könnte.

Fast wie bei Currentzis

Fast hört sich das an wie bei seinem hippen jungen Kollegen Teodor Currentzis. Der griechische Dirigent mit Chef-Engagement an der Oper im russischen Perm wird zurzeit gefeiert wie kaum ein zweiter Newcomer in der internationalen Konzert- und Opernszene. Bei Konzerten wirft er als Zugabe gern mal "seinen" Beethoven in den Konzertsaal, auch völlig losgelöst aus dem sinfonischen Zusammenhang. Jüngst in Hamburg fetzten er und sein MusicAeterna-Team den jubelnden Schlusssatz jener Fünften als ein Statement temperamentvoller, mitreißender Klassik-Lesart herunter.

Auch Currentzis pflegt mit seinem Orchester die von Harnoncourt geprägte historisch informierte Interpretationsweise auf Originalinstrumenten. Mit trockenem, klarem Klang dringt Currentzis tief in die Struktur der Werke ein. Der unkonventionelle Maestro lebt den stürmisch drängenden Ansatz auch äußerlich, er lässt seine Musikerinnen und Musiker, soweit möglich, im Stehen spielen, platziert die Trompeten rechts auf der Bühne zwischen den Pauken, Rhythmus und Melodie marschieren gemeinsam für eine feste und doch luftig durchstrukturierte Anmutung. Da verdankt der junge Wilde Currentzis dem alten Wilden Harnoncourt eine Menge.

Noch einmal herausgefordert

Wahrscheinlich fühlte sich Harnoncourt in Sachen Beethoven noch einmal herausgefordert, denn eine ganze Reihe von exquisiten Einspielungen hatten die scheinbar bestens bekannten Standardwerke noch einmal aufregend und lebendig erleben lassen. Paavo Järvi und die Kammerphilharmonie Bremen oder Riccardo Chailly und das Gewandhausorchester Leipzig haben mit durchdachten und berührenden Interpretationen demonstriert, wie taufrisch und eigenwillig man Beethoven heute lesen und spielen kann. Ivan Fischer fand bei Beethovens vierter Sinfonie sogar so etwas wie Groove, einen Aspekt, den Harnoncourt in seiner Version im vierten Satz freilich ganz anders interpretiert.

Scheinbar mühelos gelingt es ihm, Beethoven seinen deutlichen Stempel zu verpassen. Dazu jedoch entwickelt er eine wie üblich völlig unromantische und deshalb umso eindrücklichere Beethoven-Vorstellung, von Tempo bis Tongebung, die er im lesenswerten Booklet zur CD formuliert. Man hört von Beginn an, es ist kein Beethoven fürs Studierzimmer, hier stürmt der Neuerer der Sinfonie hinaus in die Welt, er erobert und erleidet kein Schicksal, sondern formt es. Die Blechbläser im Finalsatz klangen selten so kompakt und daher umso triumphierender.

Anfang Mai 2015 entstanden Harnoncourts Aufnahmen in Wien, da hatte er noch eine enge Konzertplanung fürs nächste Jahr im Kalender. Umso härter traf Publikum und Musikszene die Mitteilung Harnoncourts, einen Tag vor seinem 86. Geburtstag, sich vom Konzertbetrieb aus gesundheitlichen Gründen ganz zurückziehen zu wollen. An das Publikum des Konzerts im Wiener Konzertverein richtete er einen handgeschriebenen Brief, der auf seiner Website wiedergegeben ist.

Anzeige
  • Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus Wien:
    Beethoven

    Sinfonien Nr. 4 & 5.

    Sony Classical; 17,99 Euro.

  • Bei Amazon bestellen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Korf 08.02.2016
Habe die CD jetzt vier mal gehört - absolut berauschend!
2. es gibt nur einen Wiener Beethoven
albert schulz 09.02.2016
Die Fünfte scheint es ihm angetan zu haben. Die Sechste ist aber besser.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: