Nina Simone Soul und Wut

Die Amerikanerin Nina Simone lieferte in den Sechzigerjahren die Songs zu den Rassenunruhen in den USA. Nun werden die Meisterwerke, die sie damals einspielte, in einer Box wieder aufgelegt.


Als man Ende der Achtzigerjahre beim Modehaus Chanel beschloss, einen TV-Clip für das Duftwasser Chanel-Nr-5 mit der alten und obskuren Nina-Simone-Nummer "My Baby Just Cares For Me" aufzupeppen, war die dafür verantwortliche Künstlerin eigentlich abgemeldet. Sie tingelte damals durch kleine Jazzklubs und das Auffälligste an vielen ihrer Auftritte waren die regelmäßigen Wutausbrüche auf der Bühne.

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Als dann aber 1987 - wie aus dem Nichts - dieser Parfum-Clip daherkam, rauschte "My Baby Just Cares For Me" europaweit in die Charts und rückte Nina Simone wieder ins Rampenlicht. Der Wirbel brachte ihr ein junges und neues Publikum, aber von dem Vermögen, das "My Baby Just Cares For Me" einspielte sah sie nichts, da sie die Urheberrechte an ihrem Debutalbum, von dem die Nummer stammte, vor langer Zeit nach schlechter Beratung für läppische dreitausend Dollar verkauft hatte.

Eine Geschichte, die sich letztlich perfekt einfügt in die turbulente Biografie dieser Großkünstlerin, die ihr Leben lang Niederlagen und Tiefschläge einstecken musste.

Die Zurückweisung verfolgte sie ein Leben lang

Die in North Carolina als Eunice Kathleen Waymon aufgewachsene Musikerin fiel früh als begabte Klavierspielerin auf. Zuhause gab es Blues und Gospel zu hören, aber dem Kind hatte es insbesondere die Klassik angetan. Sie war zwölf, als sie zum ersten Mal vor größerem Publikum spielte. Als ihre Eltern, die in der ersten Reihe saßen, einem weißen Paar Platz machten, weigerte sie sich weiterzuspielen, bis ihre Eltern ihre alten Plätze wieder hatten. Der Familie fehlte das Geld, ihr eine Ausbildung zu finanzieren, also organisierte ihr Musiklehrer eine Kollekte, um dem Kind den angemessenen Unterricht zu ermöglichen. Damals träumte sie noch davon, die erste schwarze Konzertpianistin der USA zu werden. Aber als sie dann bei einer Musikhochschule in Philadelphia vorspielte und - vermutlich wegen ihrer Hautfarbe - abgelehnt wurde, zerbrach ihre Lebensplanung.

Diese Zurückweisung verfolgte sie ein Leben lang. Sie nahm dann privat Klavierstunden, die sie mit Auftritten in Bars und Nachtklubs finanzierte. Damals verwandelte sich Eunice Kathleen Waymon in Nina Simone, ein Pseudonym, das sie sich zulegte, damit ihre Mutter nicht mitbekäme, dass sie die "Musik des Teufels", also Blues und Jazz, aufführte. In jenen Jahren entstand auch der Nina-Simone-Sound in dem Jazz, Blues, Soul, Pop und Klassik zueinander fanden. Gekrönt wurde dieser Mix durch ihre umwerfende Stimme.

Nina Simones Musik galt auch stets als "schwierig"

Der Erfolg kam schnell. Den Begriff "Jazz" lehnte Simone zwar ab, da er "von Weißen für schwarze Musik" ausgedacht worden sei, aber trotzdem hatte sie in dieser Szene großen Erfolg. Dass ihre Konzerte Ereignisse waren, sprach sich schnell rum. Das Angebot, ein Album zu machen, kam bald. Und mit ihrer Version von Gershwins "I Loves You, Porgy" landete sie auch umgehend einen Hit.

Glücklich machte sie das alles nicht. Weiterhin nahm sie Klavierstunden und träumte von Klassischer Musik. Plattenfirmen misstraute sie, und das Unterhaltungsgeschäft war ihr suspekt. Sie heiratete dann einen Ex-Polizisten, den Vater ihrer Tochter Lisa, der ihr Manager wurde und sie Zuhause verprügelte. Platten veröffentlichte sie damals in hoher Frequenz, darunter viele Mitschnitte ihrer oft spektakulären Konzerte. Ihr Programm bestand zwar überwiegend aus Coverversionen, aber Simone führte anderer Leute Songs so auf, dass sie zu ihren wurden. Bei allem Applaus für ihre Musik galt Nina Simone auch stets als "schwierig". Sie war aufbrausend und leicht reizbar. Einer ihrer Bodyguards scherzte später, dass er das Publikum vor ihr beschützt habe.

Damals, zu Beginn der Sechzigerjahre, als ihre Karriere Fahrt aufnahm, kam es in den USA zu schweren Rassenunruhen. Insbesondere der Bombenanschlag auf eine Kirche in Alabama, dem 1963 vier afroamerikanische Kinder zum Opfer fielen, erschütterte Nina Simone schwer. Bei ihren Konzerten kommentierte sie die Diskriminierungen immer wieder heftig. Als sie ihrem Mann sagte, dass sie sich bald ein Gewehr schnappen und in die Südstaaten fahren würde, um den nächstbesten Weißen umzulegen, machte der ihr klar, dass sie ihre Wut besser in ihren Songs zum Ausdruck bringen solle. Das tat sie. Sie engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung und lieferte den Soundtrack zu den Protesten.

Protestsongs so aktuell wie schon lange nicht mehr

Damals hatte sie einen neuen Plattenvertrag mit der Firma Philips abgeschlossen und gleich ihre erste Veröffentlichung dort, das Album "In Concert" illustrierte ihr Engagement. Neben Hits wie "I Loves You Porgy" findet sich da "Mississippi Goddam", ein glühender Protestsong.

Die sieben Alben, die sie in den folgenden Jahren für "Philips" einspielte, sind der Höhepunkt ihrer langen Karriere. Sie wurden nun restauriert und als Vinyl und CD-Box unter dem schlichten Titel "The Phillips Years" wieder aufgelegt. Extras gibt es nicht, nur die 74 grandiosen Songs, die sie für den Laden aufnahm und die längst zum Weltkulturerbe gehören. Geboten werden Protest-, Liebes- und immer wieder Klagelieder. Der Bogen, den sie da stilistisch schlägt, ist wahnwitzig: von Blues zu Gospel über Pop und Jazz und Soul zur Klassik. Und ihre Stimme klang nie elektrisierender. Das belegen Songs wie "Sinnerman", "Wild is the Wind", "Strange Fruit", "Mood Indigo", "I Put A Spell On You" und der von ihr verfasste Geniestreich "Four Woman". Sieben Alben, die die Künstlerin in sensationeller Form zeigen. Ohne einen einzigen Ausfall. Die geballte Wut und der Schmerz, die sie damals antrieben, vermitteln sich bis heute.

Weil die Bürgerrechtsbewegung damals aber irgendwie stecken blieb, verzweifelte Nina Simone. Den USA kehrte sie 1970 den Rücken; lebte auf Barbados, in Holland und schließlich in Frankreich. Sie kämpfte mit den US-Steuerbehörden, zahlungsunwilligen Plattenfirmen und einem Nervenleiden. Sie war siebzig, als sie einsam und zermürbt 2003 in Frankreich starb.

Ihre Musik ist auch in diesem Jahrtausend populär, sie surrt durch Hollywood-Blockbuster, Videospiele und Werbeclips.

Leider sind auch ihre Protestsongs so aktuell wie schon lange nicht mehr. Die Rassenunruhen dieser Tage in den USA erinnern an die frühen Sechzigerjahre. Diese Aktualität hätte Nina Simone nicht gefreut.



insgesamt 5 Beiträge
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Knossos 05.08.2016
1. In einer Gesellschaft,
die noch wüßte, was auf der einen Seite Unersättlichkeit und auf der anderen Anstand ist, würden Parteien, welche dieser Musikerin keinen Cent von den Einnahmen abtraten einen solchen Imageschaden erleiden, daß es wohlweislich zu der heute üblichen Radikalität des Einsackens erst gar nicht käme. Bei jener Sängerin, die eine sagenhafte Improvisation für Pink Floyds "Dark Side of the Moon" einspielte kam es Jahrzehnte später, nach entsprechendem Medienrummel immerhin noch zu einer bescheidenen Zahlung. Was muß man für eine Mentalität haben, wenn man bei enormem Gewinn -insbesondere bedürftigen-Künstlern keinen einzigen Penny zukommen läßt.
hopilein 05.08.2016
2.
""Bei jener Sängerin, die eine sagenhafte Improvisation für Pink Floyds "Dark Side of the Moon" einspielte"" Noch nie was von gehört könnten Sie bitte mitteilen auf welchen Album diese Version zu hören ist? Danke!!
chromakey 06.08.2016
3. so werden...
immer noch Künstler behandelt. Ich könnte ein Buch füllen mit Details aus Knebelverträgen, nicht eingehalteten "Handshake" Verträgen, Verweigerungen seitens Produzenten dem Künstler seinen GVL Anteil zu dokumentieren... und und und. Ein Freund von mir war ein Booker von Nina in den 80gern und bestätigte das manchmal irrationale Verhalten auf der einen Seite und ihre diametral herzensgute fantastische Künstlerseele auf der anderen Seite. Konsequenz, eigener Verlag und eigenes Label gründen.
Knossos 06.08.2016
4.
Zitat von hopilein""Bei jener Sängerin, die eine sagenhafte Improvisation für Pink Floyds "Dark Side of the Moon" einspielte"" Noch nie was von gehört könnten Sie bitte mitteilen auf welchen Album diese Version zu hören ist? Danke!!
"The Dark Side of the Moon" ist das Album. Das Stück in dem sich der Gesang befindet heißt "The Great Gig in the Sky" und die Dame heißt Clare Torry.
esther_gruenwald 09.08.2016
5. Simili
Der Great gig in the sky ist nun aber auch schon lange her. Ich denke, dass die Kunst heute schweigt. Sie überlässt das Feld einer raumgreifenden Simili-Kunst. In all ihren Sparten. | Das ist nicht bedauerlich. Es ist das, was noch möglich ist. Im Idealfall enthält die Simili-Kunst so viel Gift, dass sie ihre Konsumenten für immer von der Kunst entfernt. Sie werden bis ins Mark verdorben. Das ist ein ganz großes Vergnügen. Ich mag keine Himbeeren. Ich mag nur das Aroma von Himbeeren.
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