Nitin Sawhney Ein Musiker zwischen den Welten

BA, nicht nur Vielflieger wissen es, ist die Abkürzung für British Airways. Für Nitin Sawhney jedoch hat diese Buchstabenkombination noch eine andere Bedeutung. Für den aus Indien stammenden Musiker, Schauspieler und Drehbuchautoren heißt BA vor allem British Asian, Brite mit asiatischer Herkunft.

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Nitin Sawhney: "Beyond Skin"

Nitin Sawhney: "Beyond Skin"

Ein nicht einfacher Zustand für den 30-Jährigen. Seine Eltern kamen Anfang der siebziger Jahre aus Indien, brachten ihre Religion und ihre Traditionen mit in das fremde Land nach Streatham, einen miefigen Londoner Vorort. Dort wuchs Nitin als Engländer auf, dem die Bräuche und Ansichten seiner Eltern schnell fremd wurden, der sich andererseits aber auch mit den rassistischen Anhängern der rechtsradikalen Organisationen "National Front" oder der "British National Party" auseinander setzen musste, die ihn auf offener Straße und nur wegen seiner dunklen Hautfarbe beleidigten und bedrohten.

In der Schule wiederum lernte er, dass er aus einem "Entwicklungsland" stamme, einem "Subkontinent" in der "Dritten Welt". Vermittelt wurden ihm dort ausschließlich die kulturellen Errungenschaften der westlichen Nationen. Doch auch die in Indien lebenden Inder verachten ihre britischen Landsleute wegen ihrer Untreue zur strengen Hindu-Religion. Eine kulturelle, politische, ja persönliche Identität zu finden, scheint für den jungen "BA" unmöglich zu sein.

Mit seinem vierten Album "Beyond Skin" nimmt Sawhney nun eine Standortbestimmung vor. Sein Ausgangspunkt sind die ersten Atomwaffentests Indiens im Jahre 1998. Das Album beginnt mit den stolzen Worten des indischen Premierministers Vajpayee, dem Führer der fundamentalistischen Hindu-Partei BJP, der die Tests im Namen des Fortschritts preist. Es endet mit einem Statement des Atombombenschöpfers Robert Oppenheimer von 1945, der angesichts der verheerenden Wirkung seiner Entdeckung aus der Hindu-Bibel den Gott Vishnu zitiert: "Now I am become death, the destroyer of worlds".

"Das ganze Album", sagt Sawhney, "handelt von der Suche nach Zugehörigkeit und Orientierung und davon, wie Nationalismus, Regierungen und Machtstrukturen uns den Sinn für Identität genommen haben. Um das zu verdeutlichen, habe ich das Nuklearprogramm, das größte Übel überhaupt, als ironisches Symbol benutzt. Ironisch deshalb, weil es vom Westen verdammt wird und in Indien als Merkmal religiöser Macht dient." Untermalt wird diese kluge Zeitreise mit einer musikalischen Mixtur, die sich zu gleichen Teilen aus ruhigen, gediegenen Breakbeat-Flächen der Marke "4 Hero" und leidenschaftlicher, indisch geprägter Folklore zusammensetzt. Qawwali-Gesänge und Urdu-Verse vermengen sich mit Streichersätzen, gesampelten Jazz-Breaks aus den Siebzigern und jeder Menge Drum-and-Bass-Rhythmik. Sawhney selbst spielt dazu Gitarre, Keyboards und Percussion, während Musiker wie Devinder Singh, Nina Miranda, die bengalische Sängerin Jayante Bose oder die Soul-Vokalistin Sanchita Farruque mit ihren unterschiedlichen Talenten und Fähigkeiten für Spannung und Abwechslung im ohnehin schon farbenprächtigen Gemenge der insgesamt zwölf Stücke sorgen. Hypnotische Tänze wie "Homelands" oder elegische Balladen wie "Immigrant" schaffen Lebendigkeit, Freiraum und Tiefe. Musik, die sich für ihre Wirkung Zeit läßt, die zum Auf- und Durchatmen animiert.

So hebt sich diese ehrgeizige Unternehmung schon allein klanglich wohltuend von anderen Veröffentlichungen ab, die man zum "Nu Asian Kool", zum Output junger, kreativer Indobriten wie Talvin Singh, Cornershop oder Asian Dub Foundation rechnen muss. Stereotypen und eingefahrene Klangmuster missachtend, überquert das Multitalent mit seiner Musik nicht nur die Schwellen zweier gegensätzlicher Kulturen, er sprengt bei seiner Suche nach Individualität auch noch leichthändig ein paar popmusikalische Genregrenzen.

"Von Unterdrückung kommt Ausdruck", sagt Sawhney gerne, wenn er auf die Vielfalt seiner Kreativität angesprochen wird. Und: "Ich habe als Kind so viel rassistische Gewalt erlebt, dass ich diesen Zustand schon für normal gehalten habe. Inzwischen weiß ich, dass man Dinge auch ändern kann."

Nitin Sawhney: "Beyond Skin" (Pias Germa)



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