Nits: Wolle, die kratzt

Von Dominik Baur

Die Nits lieben kurze Titel. Nach "Omsk", "Henk", "Hat", "Urk" und "Ting" folgt jetzt also "Wool". Die holländische Band, die sich mit einer Ausnahme stets von den Charts fernhielt, hat ein neues Album herausgebracht - garantiert nicht chart-verdächtig. Zum Glück.

Als er noch klein war, stritt sich Henk Hofstede regelmäßig mit seiner Mutter. Grund: Das adrette C&A-Outfit, das er tragen musste. Heute ist Hofstede 48, und die Diskussionen sind die gleichen. Er kleidet sich schwarz, und Mutter Hofstede protestiert. Wenigstens bei seinen Fernsehauftritten solle er doch bitte mal Blue Jeans und ein adrettes Polo-Hemd tragen, wie sich das gehört - am besten von C&A. Schwamm drüber, Song drüber. Der Mutter-Sohn-Streit wird ein liedfüllendes Thema. "Walking with Maria" heißt das Ergebnis und ist auf "Wool", dem jüngsten Album der Nits, zu hören.

Henk Hofstede ist der Kopf der "Nits". "Nit" ist englisch und bedeutet "Nisse", was wiederum deutsch ist und bekanntlich "Läuseei" bedeutet. Seit über einem Vierteljahrhundert tingeln die Läuseeier aus Holland durch die europäischen Lande, unterhalten als immerwährender Geheimtipp ihre kleine, aber treue Fanschar mit einem äußerst eigenwilligen Mix aus britischem Sechziger-Pop, E-Musik und New Wave, lassen sich in keine Schublade sperren, verschließen sich jedem Trend, und nehmen ihn doch - meist ironisierend - auf und dann auf die Schippe. Nur einmal ist ihnen ein Ausrutscher passiert: 1987 landeten sie mit "In the Dutch Mountains" in den Charts und wurden international bekannt.

Ganz in dem eigenen, ständig dem Wandel unterworfenen Trend der Gruppe liegt auch "Wool". Vor drei Jahren galt die Band bereits als tot. Robert Jan Stips, der fast von Anfang an dabei war und die Nits prägte wie sonst nur Henk Hofstede, verließ die Band. Doch der harte Kern - Henk Hofstede und Drummer Rob Kloet - gab nicht auf. Verstärkt von Bassistin Arwen Linnemann und Keyboarderin Laetitia van Krieken brachten sie "Alankomaat" (1998) und "Wool" heraus. Der Sound hat sich nach Stips' Weggang jedoch stark verändert. Die Musik hat etwas weniger Fülle, etwas weniger Gitarre und etwas mehr Synthesizer.

Sie tröpfelt auf den Zuhörer herab wie Schnee, Regen oder Blätter - stilistische Requisiten, die Songwriter Hofstede in fast jedem zweiten Song fallen lässt. Ruhig ist die Musik und etwas schräg, wie man es von den niederländischen Eigenbrötlern gewohnt ist. Schwermütig und doch leicht, wenn auch vielleicht nicht für jeden mainstream-geeichten Gehörgang leicht verdaulich. Mal lässt sie einen vollkommen versinken wie im Flugzeugsitz "26 A (Clouds In The Sky)" oder einer traurigen, von orientalischen Klängen untermalten Amsterdamer Mafia-Ballade ("Crime and Punishment"), mal einfach auf der Woge des woll-weichen, meist jedoch kratzigen Nits-Sounds dahintreiben. "WOOL is warm, WOOL is comfort, WOOL is wonderful!" wirbt die Plattenfirma. Jedenfalls ist "Wool" hörenswert. Am besten sollte man das Album in der Nacht hören, empfiehlt Hofstede und hat Recht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite