Norah Jones: Wo die wilden Produzenten wohnen

Von Christoph Dallach

Nach Jahren biederer Caffè-Latte-Schlürf-Musik hat die Amerikanerin Norah Jones die erste spannende Platte ihrer Karriere aufgenommen. Regie führte der hippe Star-Produzent Danger Mouse.

Norah Jones: neue CD Little Broken Hearts: Wo die wilden Produzenten wohnen Fotos
AP

Für abenteuerscheue Norah-Jones-Fans ist bereits das Cover ihrer neuen Platte "… Little Broken Hearts" eine Warnung: Etwas zerzaust, ja ungewohnt verwegen schaut die Künstlerin aus der Wäsche. Cineasten, denen das Motiv, die Typografie und die Farben vertraut vorkommen, erinnern sich vielleicht an das Plakat zum Russ-Meyer-Kultfilm "Mudhoney" (1965). Der wilde Meister trashiger Sexploitation-Filme und die liebe Caffè-Latte-Pop-Säuselerin Norah Jones?

Schuld an dieser Verbindung ist der Amerikaner Brian Burton alias Danger Mouse. Der Musiker und Produzent verantwortet nämlich "… Little Broken Hearts", die neue und erste aufregende Norah-Jones-Platte. In seinem Studio in L.A. hing das Original-Plakat zu Russ Meyers "Mudhoney", woraufhin Norah Jones auf die Idee kam, es zur Platten-Hülle umzufunktionieren. So überraschend wie das Cover ist das Album dazu. Zwölf Songs über gebrochene Herzen, zertrümmerte Liebe und feindliche Beziehungsübernahmen, die Danger Mouse mit raffiniert minimalistischem Kunstpop-Gefrickel illustrierte, die mal nach Soundtrack klingen, mal nach Chanson-Pop, die mal mit knappen Beats versehen sind, mal mit Country-Rock Einsprengseln.

Langweilerin trifft Wunderknaben

Trotzdem bleibt die Frage, was die brave Norah Jones von dem unkonventionellen Klang-Zauberer Danger Mouse wollte. Mehr als vierzig Millionen Tonträger hat die 33 Jahre alte Tochter des weltberühmten Sitar-Spielers Ravi Shankar bereits verkauft und neun Grammys abgeräumt. Beweisen muss sie nichts mehr; aber vielleicht hat es sie einfach gewurmt, dass sie bei all ihren Erfolgen vielen Beobachtern stets nur als nette Langweilerin galt. Als Testlauf diente vermutlich das grandiose Danger-Mouse-Konzept-Album "Rome", auf dem neben Jack White auch sehr überraschend Norah Jones als Gastsängerin auftauchte und sehr angenehm auffiel. Die Entscheidung, die Zusammenarbeit fortzusetzen, war von Norah Jones' Seite aber auch nur mäßig gewagt, immerhin gilt Brian Burton, also Danger Mouse, neuerdings als aufregendster Produzent ungewöhnlicher Popklänge. Der 34-Jährige wurde berühmt-berüchtigt, als er vollkommen illegal Jay-Z mit den Beatles zusammenmixte. Einen eigenen legalen Turbo-Bestseller landete er als eine Hälfte des Duos Gnarls Barkley mit dem Hit "Crazy". Als Produzent punktete er mit Beck, Gorillaz und The Black Keys. Seit gut einem Jahr betreut Burton obendrein das neue U2-Album. Ja, selbst die Rolling Stones werden mit dem Wunderknaben immer wieder in Verbindung gebracht.

Spannend an der Norah-Jones-Platte ist vor allem, dass sie null nach Norah Jones klingt, sondern eigentlich nur nach Danger Mouse, wie ein Projekt, auf dem die Sängerin nur zu Gast ist. Danger Mouse gehört zu der Sorte Produzenten, die ihren Klienten einen Sound programmieren, der vor allem nach ihnen selbst klingt. Eine egozentrische Haltung, die einst das größenwahnsinnige Genie Phil Spector perfektionierte.

Dass Danger Mouse derzeit in Top-Form und überhaupt hochproduktiv ist, unterstreicht das ebenfalls gerade veröffentlichte Debüt-Album des kalifornischen Duos Electric Guest namens "Mondo", das er betreute. Es ist ein weiterer Beweis für seine Gabe, verspielte Popsongs zu zaubern.

Ob die Multimillionen alter Norah-Jones-Fans das Danger-Mouse-Experiment auch aufregend finden, ist allerdings eine andere Frage.

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