North Sea Jazzfestival Schöne Melody

Ein Festival der Frauen: Mit Melody Gardot und Lady Gaga spielten zwei der gegensätzlichsten Sängerinnen der Gegenwart beim größten Jazz-Event der Welt - und brachen mit allen Klischees.

Universal Music

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Es ist schon ein Statement, wenn auf einem Festival bestimmte Konzerte einen extra Aufschlag kosten, wenn man sie besuchen will. Auf dem diesjährigen North Sea Jazzfestival in Rotterdam waren die Auftritte prominenter Musiker wie Wayne Shorter, Branford Marsalis oder Cassandra Wilson im 3-Tages-Ticketpreis enthalten. Selbst US-Megastar Lady Gaga trat mit ihrem Duett-Partner Tony Bennett ohne Zuschlag auf.

Für Melody Gardot hingegen wurden die Besucher extra zur Kasse gebeten. Nicht nur das - ihr Konzert bildete am Sonntagabend quasi den krönenden Abschluss eines Musikwochenendes, wie es für Jazzfans in Europa kein zweites gibt. Die Botschaft von Festival-Direktor Jan Willem Luyken war klar: Hört, diese Frau ist etwas ganz Besonderes.

Gardot stellte in Rotterdam ihr neues Album "Currency Of Man" vor. Es ist ihr viertes Studioalbum und die Erwartungen waren hoch. Mit der Platte "My One and Only Thrill" aus dem Jahr 2009 wurde die heute 30-Jährige zum Shootingstar, ihr Songschreibertalent ist weltweit anerkannt und ihre sanfte Stimme wird vor allem von Fans in Europa sehr geschätzt.

Auf "Currency Of Man" widmet sich Gardot - wenn man so will - dem gesammelten Elend dieser Welt. Es handelt von Hunger, Obdachlosigkeit, Armut, fehlender Bildung, Rassismus. Entsprechend schroff klingt es. Die einzelnen Songs dauerten live in Rotterdam teilweise 15 Minuten und länger, um die eigentlichen Melodien entsponnen sich mitunter Klanggewitter aus Bläsersektion, Schlagzeug, Gitarre und Bass, die vor allem eins transportieren sollten: Dramatik.

Handys runter!

Die Zuhörer verstörte so viel Disharmonie. Sie wollten schöne Melodien hören, bekamen aber nur eine schöne Melody zu sehen. Vielen war der Bruch mit der lieblichen Gardot, die sie bislang kannten, zu groß. "Ich denke, dass es unsere Aufgabe als Künstler ist, unsere Brille aufzusetzen und die Welt genau zu betrachten. Und wir müssen uns fragen, ob wir das, was wir da sehen, einfach hinnehmen können", sagt Gardot. "Nachdem ich einige Zeit in Los Angeles verbracht hatte, wollte ich die Songs den Leuten widmen, die ich auf der Straße getroffen hatte und die ihr Leben am Rande der Gesellschaft fristen", so die Sängerin.

Doch so richtig authentisch wirkte das Ganze nicht. Da musste optisch und akustisch ziemlich nachgeholfen werden. Die Sängerin war ganz in Schwarz gekleidet, trug eine Sonnenbrille, was blasiert daher kam. Vor vielen Jahren hatte Gardot einen schweren Verkehrsunfall, seither leidet sie an einer Lichtempfindlichkeit. Doch die Bühne blieb weitgehend im Dunkeln und wurde nur spärlich von ein paar Spots beleuchtet, dass Accessoire wäre gar nicht von vonnöten gewesen. Aber es sollte wohl ausdrücken: Huhhuh, wir befinden uns auf der finsteren Seite der Gesellschaft... Gardot schluchzte und wimmerte gekünstelt, die neuen Songs mäanderten ziemlich eintönig dahin, und das Publikum goutierte den Auftritt erst dann so richtig, als mit "Our Love is Easy" das erste Lied aus "My One and Only Thrill" anklang.

Dabei hatten die Festivalbesucher den artifiziellen Auftritt eher bei Lady Gaga und Tony Bennett vermutet. Beide touren derzeit mit ihrem gemeinsamen Jazz-Album "Cheek to Cheek" durch Europa. Doch ihr Konzert war das Gegenteil von aufgesetzt: Es war der Beweis, dass Prominenz und Intimität sich nicht ausschließen. Es war ein Lehrstück darüber, dass jemand, der den Massengeschmack trifft, nicht automatisch oberflächlich ist. Und es war der Beleg, dass die 29-jährige Lady Gaga mit Jazz nicht erst in Berührung gekommen ist, als ihr Tony Bennett das erste Mal über den Weg lief.

Als sie Billy Strayhorns "Lush Life" anstimmte, nur begleitet vom Piano, kreischten in den ersten Reihen viele Lady-Gaga-Fans, die gekommen waren und wohl hofften, Songs wie "Poker Face" serviert zu bekommen. Sie reckten ihre Handys in die Luft und filmten jede Regung ihres Idols. Lady Gaga brach ab, ermahnte das Publikum ernst, Handys jetzt mal runterzunehmen, das Kreischen einzustellen und dem Lied zuzuhören.

"Auf einen Strayhorn-Song muss man sich einlassen", so die Künstlerin. Fortan war ehrfürchtige Ruhe und Momente der großen Emotionen erfassten das Publikum. Für die einen ist sie "die größte Jazz-Stimme des 21. Jahrhunderts", andere waren sich sicher, dass Lady Gaga künftig dem Pop abschwört und nur noch Jazz macht.

Schön wär's.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
tlatz 13.07.2015
1.
---Zitat--- Die Sängerin war ganz in Schwarz gekleidet, trug eine Sonnenbrille, was blasiert daher kam. ---Zitatende--- Bei allem Respekt, einer Frau, die nach einem schweren Unfall eine Lichtempfindlichkeit hat vorzuwerfen, sie sähe blasiert aus, weil sie Sonnenbrille trägt ist doch etwas unhöflich, oder?
sekundo 13.07.2015
2.
dass melody gardot nach tapferem kampf in der lage ist, ohne gehhilfe eine bühne zu betreten, ist wunderbar. dass die bühne dunkel wirkte ist ihrer lichtempfindlichkeit nach einem schweren unfall geschuldet.
AndreHa 13.07.2015
3.
Nur wer wirklich keine Ahnung hat, ist erstaunt darüber, was Lady Gaga hier abgeliefert hat. Ich bin es nicht. Sie war schon immer eine ausgezeichnete Sängerin.
thomas.meyer 13.07.2015
4.
Mich würde interessieren, wer das Festival gesponsert hat. In Deutschland habe ich außer bei Jazz Baltica nichts vergleichbares gefunden,
sekundo 13.07.2015
5. das macht
Zitat von AndreHaNur wer wirklich keine Ahnung hat, ist erstaunt darüber, was Lady Gaga hier abgeliefert hat. Ich bin es nicht. Sie war schon immer eine ausgezeichnete Sängerin.
eben die außergewöhnliche qualität der amerikanischen künstler aus. vince gill singt ein duett mit diana krall, lady gaga interpretiert cole porter. man stelle sich peter maffay vor, der couplets von friedrich hollaender darbietet oder jan-joseph liefers der an kurt weill scheitert.
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