Pop von Nova Heart Depression auf Chinesisch

Als MTV-Moderatorin kam Helen Feng einst aus den USA zurück, heute ist sie die Galionsfigur der chinesischen Indie-Szene. Als Nova Heart veröffentlicht sie ein Pop-Album, dem die permanente Verunsicherung eines Landes anzuhören ist.

Sebastian Mayer

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"In China gibt es im Moment wahnsinnig viele depressive Menschen", sagt Helen Feng. Die Ursache dafür sei, anders als in den USA, nicht soziale Vereinsamung, sondern der Verlust persönlicher Perspektive.

Feng kann den Vergleich ziehen, denn die Sängerin, Produzentin und Performance-Künstlerin wurde in China geboren, zog aber mit ihren Eltern als Kind in die USA. 2002 kehrte Helen Feng als Moderatorin für MTV China zurück nach Peking, verlor aber bald die Lust an der oberflächlichen, von taiwanesischem Pop dominierten Mainstream-Szene und stürzte sich in den Underground: Hier die Indie-Rockband Ziyo, dort ein Elektronik-Projekt, nun schließlich ihr Debüt-Album als Nova Heart.

Über das spricht sie in einem Berliner Büro zum Interview, ihr Englisch hat den leicht mokanten, mit zahlreichen "like"-Einschüben gewürzten Duktus amerikanischer Studenten. Schnell und ein bisschen atemlos spricht sie, als hätte sie keine Zeit, all das zu formulieren, was ihr im Kopf herumspukt: Wirtschaft, Geopolitik, amerikanischer Imperialismus, Chinas beschwerliche Suche nach einem Dritten Weg.

Das klingt dann so: "China ist lange Zeit ein säkulares Land gewesen. Dann sollte man an die Partei glauben, aber die Partei entpuppte sich als Lüge. Dann wollten wir an das Geld glauben, aber auch das ist eine Lüge. Nichts ist richtig, alles scheint falsch, und im Gegensatz zu anderen Gesellschaften gibt es keine Religion, die eine gewisse Sicherheit vorgaukelt."

Gefeiert als asiatische Blondie

Hin- und hergerissen zwischen westlichem Hedonismus und Stolz auf chinesische Traditionen, zwischen energischer Aufbruchsbewegung und quälender Paralyse, wirkt Helen Feng wie eine perfekte Verkörperung chinesischer Kunst.

Patti Smiths alte Proto-Punkhymne "Dancing Barefoot" verwandelt Feng in ein bleiches, ratterndes Elektro-Gespenst: "Some strange music draws me in/ Makes me come on like some heroine". Tatsächlich entfaltet auch Fengs Musik einen süßlich-seltsamen Charme, verströmt Verruchtes und Verbotenes. In China wird Feng, wegen Nova Hearts Discofunk-Sound, aber auch wegen ihrer hitzigen, sexuell aufgeladenen Live-Auftritte und ihrem lasziven englischen Gesang, als asiatische Blondie gefeiert.

Andere Künstler würden die Instabilität des Landes vielleicht für ein revolutionäres Aufbegehren nutzen wie einst der einzige auch international bekannte Rockstar Chinas, Cui Jian, der 1989, nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, mit aufrührerischen Hymnen wie "Nothing To My Name" oder "A Piece Of Red Cloth" zum Symbol der damals ganz neuen "Yaogun"-Bewegung wurde, so heißt Rock'n'Roll auf Chinesisch. Zu dieser ersten Welle von Rockbands gehörten auch Tang Dynasty, Panther und die Frauengruppe Cobra.

Doch das Regime ist nicht zimperlich, wenn es um offen politische Kunst geht. Cui Jian musste jahrelange Repressionen über sich ergehen lassen, ohnehin muss in China jeder Songtext einer Behörde zur Kontrolle vorgelegt werden.

Die meisten Musiker verhüllen ihre Botschaften daher in blumige Metaphern und Wortspiele. Auch Helen Feng ist sicher, dass ihre Texte "viel zu stumpfsinnig" wirkten, um Verdacht zu erregen. "Worte", sagt sie mit der ihr eigenen Apodiktik, seien eh nur "Propaganda. Sounds sind Ideen".

"Rockmusik ist nur noch ein Witz"

Wahrscheinlich ist ihr Album "Nova Heart" deshalb ein sehr international klingendes Werk mit sinisterem, simmerndem Wave-Pop geworden, als Inspiration diente unter anderem der minimalistische, unterschwellig spannungsreiche Sound der Elektronik-Band Chromatics.

Rockmusik jedenfalls ist für sie durch: "Sie hat heute nichts Rebellisches mehr, sie ist nur noch ein Witz". Und Rockmusiker seien heute wie Museumsstücke. Die wahre revolutionäre Kraft liege bei Internet-Kreativen: "Was immer die schnellste und prominenteste Form der Kommunikation ist, hat die Macht, Dinge zu verändern", so Feng, "Musik hatte diese Macht auch einmal, Platten waren in der Lage, etwas zu transportieren, die Kombination von Ideen und Gefühlen war sehr, sehr wirkmächtig."

Aber diese kulturelle Macht habe Rockmusik sei seit den Achtzigerjahren verloren. Ein trübsinniger Gedanke, der durchaus zur melancholischen Tonalität von Nova Heart passt. Warum dann überhaupt noch Musik machen? Vielleicht, weil das mit der freien Internet-Kommunikation in China ja so eine Sache ist.

Jedenfalls muss man sich in Nova Hearts Musik vor allem hineinfühlen, wenn man etwas über den Zustand der chinesischen Seele erfahren will. Es gehe ihr darum, ihre eigenen Ängste und Dämonen, aber auch die der Menschen in China zu erkunden, erklärt sie.

Gleichzeitig suche sie selbst noch nach einem tieferen Sinn ihrer künstlerischen Aktivität: "Ich mache das alles nicht nur, um meine Ego-Bedürfnisse zu befriedigen, aber woher das alles kommt und wo es hingeht: Keine Ahnung! Ich weiß nur, dass ich die richtige Form gefunden habe. Die bringe ich jetzt auf die Bühne und fordere mein Publikum heraus, mir mit ihrer Reaktion darauf zu sagen, was ich fühlen soll."

Ein wenn schon nicht rebellischer, dann doch immerhin demokratischer Akt.

"Nova Heart" ist bei Staatsakt erschienen. Am Dienstag spielt Helen Feng mit ihrer Band in Berlin (Lido).



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