Oasis in Köln: Popstars der kleinen Leute

Von Eric Pfeil, Köln

Weil sich Gitarrist Noel Gallagher durch eine Fanattacke drei Rippen brach, musste das Oasis-Konzert in Köln verschoben werden. Doch dann begeisterten die Britpopper ihre treuen Anhänger doch noch.

Es gibt törichte Zeitgenossen, die sind der Meinung, Oasis-Konzerte seien in etwa so langweilig wie sonntägliche Fußgängerzonen. Was um aller Welt, fragen diese Menschen, soll so interessant sein an ein paar nicht mehr ganz so jungen Männern mit Plattensammler-Frisuren, die einfach nur umherstehen und mürben Kneipenrock spielen?

Doch diesen Kritikern fehlt freilich jeder Sinn für den lässigen No Nonsens-Minimalismus dieser Band, die sich nie zum im Musikgeschäft verbreiteten Animateursgehabe hat hinreißen lassen. Die sich nie rangeschmissen oder mit ihrem Publikum gemein gemacht hat - und die trotzdem immer noch mit Stolz die Band der kleinen Leute geblieben ist. Warum das so ist, das kann man an diesem Freitagabend im Rahmen eines Radiokonzerts im Kölner Gloria erleben.

Liam Gallagher von Oasis (Archivaufnahme): Die laut Eigenaussage "größte Band der Welt" auf kleinstem Raum
REUTERS

Liam Gallagher von Oasis (Archivaufnahme): Die laut Eigenaussage "größte Band der Welt" auf kleinstem Raum

Es wurde im Vorfeld ein ziemliches Brimborium um dieses Konzert veranstaltet: die laut Eigenaussage "größte Band der Welt" auf kleinstem Raum - eine überaus reizvolle Vorstellung. Die Akkreditierungswünsche der Journalisten würden von der Band selbst geprüft, hieß es.

Im Saal hat sich ein illustres Volk schon in zünftige Stimmung gebechert: Mittdreißiger mit dem Union Jack auf dem Leibchen, Jungs und Mädchen mit Oasis-Shirts aus allen Phasen der Band und etliche schon leicht angejahrte Herren, die versuchen, möglichst stark wie Liam Gallagher auszusehen - oder zumindest wie jemand, der schon mal fünf Minuten auf Liam Gallaghers Lederjacke aufpassen durfte. "O-a-sis! O-a-sis!" brüllt alles, und wer sich je gefragt haben sollte, warum die Band nur auf diesen dämlichen Namen kommen konnte, weiß es heute: Man kann ihn wahnsinnig gut betrunken skandieren.

Als um punkt neun Uhr die Lichter ausgehen, bricht ein unfassbarer Tumult los: volle Bierbecher fliegen plötzlich durch die Luft, alles wogt hin und her, Fahnen werden entrollt, und jemand scheint ein prallgefülltes Fußballstadion in den Club getrieben zu haben. Eine fast rührend anachronistische Aggressivität liegt über dem Raum.

Die Band eröffnet mit "Rock'n'Roll Star", dem dröhnenden Anfangsstück des ersten Albums von 1994. Die Gallagher-Brüder sehen aus wie zwei krawallwillige Osterinselfiguren: Noel Gallagher guckt wie der blanke Hohn; Liam, diese menschliche Installation der Arroganz, hat das Gesicht zu einer einzigen Provokation geballt: Man möchte ihm nur ungern einen Kratzer in seine Beatles-Plattensammlung machen. "It's just Rock'n'Roll" singt er, den Körper seitlich verdreht wie eine schiefe Skulptur aus der TV-Sendung "Menschen stellen längst vergessene Satzzeichen nach", dann rasselt er kurz mit dem Schellenkranz, klemmt ihn sich in den Mund und verbringt den Rest des Songs damit auf der Bühne zu stehen und überheblich ins Rund zu starren. Dies ist seit Jahren sein bester Bühnentrick, auch heute wird er ihn noch einige Male vorführen.

Alle großen Hits sind Unbeugsamkeitserklärungen

Fast zwanzig Minuten lang halten Oasis die hohe Energie dieses Anfangs. "Layla", "The Shock Of Lightning" und "Cigarettes & Alcohol" – all diese Songs verdichten äußerst effektiv die drei prägenden Einflüsse der Band - die Beatles, die Sex Pistols und, nun ja, Status Quo – zum unschlagbaren Wildlederschuh-Rock, den so wuchtig nur Oasis beherrschen. Die Stimmung kocht, und die Band dankt es mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit: Liam guckt extra oft arrogant ins Publikum und macht Firlefanz mit seinem Schellenkranz; sein Bruder Noel grient, als ihm gerade wieder ein paar gute Prominentenbeleidigungen eingefallen waren.

Und doch hat all das hier etwas äußerst Herzliches. Man merkt das sehr gut in der zweiten Konzerthälfte - bei der selbsterkenntnisschwangeren Anachronismus-Hymne "I'm Outta Time", bei "Supersonic", bei "Champagne Supernova" und natürlich bei "Don't Look Back In Anger": Alle großen Oasis-Songs sind mitreißende Standhaftigkeitsvergewisserungen und Unbeugsamkeitserklärungen. Und verkörpern kann diese Songs nur Liam Gallagher, der Mann, der gerade wieder stundenlang ins Publikum starrt. Wenn seine Fans ihm zujubeln, wie er da steht mit zurückgeworfenem Kopf, dann feiern sie ihn als Stellvertreter der eigenen Unkorrumpierbarkeit. Die Beatles, Oasis, womöglich seine Familie und natürlich er selbst – alles andere ist diesem Mann alberner Firlefanz.

Selbst beim Beatles-Cover "I Am The Walrus", das seit Jahren traditionell jedes Oasis-Konzert abschließt, hat man das Gefühl, Gallagher würde den LSD-befeuerten Dada-Text John Lennons zu einem Statement des Trotzes und der Widerspenstigkeit transzendieren: "I am the eggman, they are the eggmen/I am the walrus, goo goo g'joob".

Gut möglich, dass er nicht der Eiermann und auch nicht das Walross ist. Aber er bleibt der Popstar der kleinen Leute. Und der König eines weltabgewandten Reiches namens Britpopland.

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