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Öffentliches Wagner-Viewing: Bermudas in Bayreuth

Von Birgit Frank

Fanmeilen-Feeling in Bayreuth: Rund 15.000 Menschen verfolgten am Sonntag in sengender Hitze das erste Public Viewing der Wagner-Festspiele. Mit Sandstrand, Cocktails und kurzen Hosen erlebte man die "Meistersinger" aus ganz neuer Perspektive.

Jedes Jahr kann Moritz Küssner sie von seinem Fenster aus sehen: Nur 200 Meter von seiner Wohnung entfernt ziehen Abendkleider und Smokings auf den Grünen Hügel. An diesem Sonntag gehört Moritz Küssner selbst dazu. Zumindest ein bisschen. Mit Sonnenhut, Decke, Kuchen und Ehefrau ist er zum Bayreuther Festplatz gefahren, zur "Siemens Festspielnacht". Kurz vor Beginn der Übertragung aus dem Festspielhaus breiten sie ihre Decke auf dem steinigen Boden aus. Zwanzig Minuten später wird der Platz wegen des Andrangs vorübergehend geschlossen, mit 15.000 Menschen ist die Grenze erreicht.

Über den Tag gerechnet besuchen rund 35.000 das Public Viewing in Bayreuth. Wagners "Meistersinger von Nürnberg", die im letzten Jahr uraufgeführte, nur leicht modernisierte Inszenierung seiner Urenkelin Katharina.

Katharina war es auch, die den Festspielen das erste Public Viewing ihrer Geschichte bescherte. Gegen das Murren vieler Kritiker setzte sie das Fanmeilen-Feeling durch, sogar im Internet konnte man die "Meistersinger" verfolgen, allerdings gegen eine gesalzene Gebühr von 49 Euro.

Auf dem geteerten Festplatz hingegen gab es Wagner auf einer neun mal zehn Meter großen Videoleinwand umsonst und draußen. Die Götter schienen gnädig gestimmt, denn der Himmel wirkt wie frisch geputzt, die Sonne brannte, zeitweise herrschten Temperaturen von über 30 Grad. Der eine oder andere der 1974 Festspielhaus-Besucher, der Unsummen für eine knapp sechsstündige Sitzung auf kargen Holzstühlen berappt hatte, dürfte da auf dem Weg zum Grünen Hügel sehnsüchtig gen Videoleinwand geblickt haben.

Rockkonzert-Atmosphäre bei 30 Grad

Die Menschenmasse vor der Leinwand ist in zwei Lager unterteilt: Es gibt die Mitte, direkt vor der Leinwand bis zum Ende des Platzes; hier ist man ganz Fan. Die Menschen sitzen auf mitgebrachten Klappstühlen, sehen und hören gebannt zu. Der zweite Teil der Menge bildet den äußeren Ring, der von zahlreichen Gastronomieständen begrenzt wird. Hier wird gegessen, gesonnt und gelacht. Rockkonzert-Atmosphäre in Bayreuth.

Moritz und Stephanie Küssner sitzen im äußeren Bereich, in dem Kinder herumrennen und Erwachsene plaudern. Der 32-jährige Bayreuther lauscht der Musik in karierten Bermuda-Shorts und wackelt mit den nackten Zehen. Als die Sänger auf der Leinwand immer mehr werden, gleitet sein Blick neidisch zu einer Frau, die neben ihm auf einem Klappstuhl sitzt. Sie hat den Text der "Meistersinger" auf dem Schoß, wie viele, und liest mit. Ton und Kamera waren den Umständen entsprechend akzeptabel, vielfach wären jedoch Untertitel angebracht gewesen, vielleicht ein Lerneffekt fürs nächste Mal.

Es ist nicht Moritz Küssners erste Wagner-Oper, er war sogar schon einmal im Festspielhaus, bei einer Generalprobe. "Mir hätte auch eine Viertelstunde gereicht", sagt er, "ich wollte nur einmal drin sein." Er ist kein Opern-Fan. Aber er geht oft im Park beim Festspielhaus joggen und sieht die Menschen, die in der Hoffnung auf eine Karte dort übernachten.

In der ersten Pause, nach 90 Minuten, werden die Verkaufsstände gestürmt. Es ist heiß, viele haben das Mitgebrachte schon ausgetrunken. "Ich gehe erst später", vereinbart Küssner mit seiner Frau. "Nach der Pause muss ich nicht mehr anstehen."

Drei Chordamen im Klappstuhl

Getränke kaufen, wenn der zweite Akt schon begonnen hat - das käme für die drei Damen rund hundert Meter entfernt nie in Frage. Sie sitzen auf Klappstühlen in der andächtig ruhigen Mitte des Platzes. Die Freundinnen lieben Wagner, sind an diesem Sonntag aus dem bayerischen Marktleuthen eine knappe Autostunde entfernt angereist. Alle drei singen im Chor, sind häufig in der Oper. "Die Akustik ist wider Erwarten gut", sagt Marianne Sack. "Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, herzukommen."

Die Chordamen sind gut auf den Tag vorbereitet, haben Kopfbedeckungen und Schirme dabei. Über festliche Kleidung haben sie sich allerdings keine Gedanken gemacht: Sandalen, T-Shirt, Sommerbluse, wie fast alle. "Ich wusste ja, dass hier eher Picknick- als Opernstimmung ist", sagt Anneliese Heine. Trotzdem: Während der Musik wird geschwiegen und auch nicht getuschelt, ganz so als wäre man drinnen, im ehrwürdigen Festspielhaus.

Zu Beginn des zweiten Akts knallt die Sonne auf ihre rechte Seite. Um sich zu schützen, zieht Anneliese Heine ihren breiten weißen Sonnenhut tief ins Gesicht, die Schulter deckt sie mit einem türkisfarbenen Regenschirm mit bunten Kringeln ab.

Auf der Leinwand wird es unterdessen romantisch: Der junge Ritter Walther von Stolzing trifft seine Angebetete, sie singen zärtlich. In dem schmalen Zwischenraum von Regenschirm und Sonnenhut tauchen plötzlich die großen Brillengläser von Anneliese Heine auf. Die 61-Jährige richtet ihren kritischen Blick auf zwei Kinder, die sich kreischend durch die Menge jagen. Ihr Lärm übertönt die sanft gesungenen Laute. Doch schnell schwillt die Musik an, folgt wieder das, was die Chordamen den "Wagner-Vorteil" nennen: Wagner ist oft laut. "Das hört man trotz Gerede."

Sonnenbrand trotz Strohhut

Die Liebenden auf der Leinwand und auch die folgende Prügelei beeindrucken Moritz Küssner auf seiner grünen Decke nicht sonderlich. Er amüsiert sich über die Topffrisuren einiger Sänger. "Der erste Akt hat mir musikalisch besser gefallen", sagt er. Neben dem Pärchen stehen leere Gläser, sie haben Cocktails getrunken. Wer will, kann sie sogar im Liegestuhl am extra aufgeschütteten Sandstrand schlürfen. Alkoholfreie Cocktails werden am Festplatz besonders gut verkauft. Für Alkohol ist es den meisten zu heiß - am Ende des zweiten Aktes gibt es bereits 18 Zuschauer, die wegen zuviel Sonne behandelt werden mussten.

Auch Moritz Küssner hat schon Sonnenbrand im Gesicht, trotz Strohhut. Unschlüssig blickt sich das Paar in der Pause an. Seine Frau würde gerne gehen, ihr Mann ist unsicher. Ihn hält nicht Wagner, sondern der Lokalpatriotismus. "Ich hoffe, dass später noch Leute da sind, wenn die Künstler aus dem Festspielhaus herunterkommen. Damit die auch sehen, was hier los ist."

Die Küssners entscheiden gegen die Oper und für ein Abendessen. Nach dreieinhalb Stunden Wagner - mit Pause - verlassen sie den Platz. Obwohl Moritz Küssner "die Katharina" auch gerne gesehen hätte. Katharina Wagner, wahrscheinliche Nachfolgerin ihres Vaters in der Festspielleitung, hat in Bayreuth keinen Nachnamen. Wagner gibt es nur einen. Und tatsächlich wird seine Urenkelin nach Ende der Aufführung um kurz vor 23 Uhr zum Public Viewing kommen.

Den drei Chordamen ist keine Ermüdung anzumerken. "Sagenhaft" sei der zweite Akt gewesen. Im dritten Akt, den Katharina für die Aufführung in diesem Jahr noch einmal modifiziert hat, zweifeln sie an der Inszenierung: Marianne Sack kritisiert den nackten Mann auf der Bühne. "Aber es war großartig gesungen". Die Wagner-Fans in ihren Stühlen blicken zufrieden auf die Menschenmasse in kurzen Hosen. Sie freuen sich an der Volksfest-Stimmung, an "dem Event". Und sie warten auf die Künstler, die wenige Minuten später eintreffen und sich den zweiten Applaus des Abends abholen.

Katharina Wagner steht im Abendkleid auf der Bühne und bringt das auf den Punkt, was bei Public Viewings am Wichtigsten ist - egal ob Fußball oder Oper: "Gott sei dank war das Wetter schön."

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