Oldtime-Jazz Kids, auf zum Frühschoppen!

Wann waren Sie zuletzt beim Dixieland-Konzert? Könnte sein, dass es da gar nicht so vergreist zugeht, wie man denken könnte. Junge Musikerinnen wie Nicole Johänntgen beleben den Oldtimer-Jazz.

Daniel Bernet

Die Jazz-Saxofonistin Nicole Johänntgen spielt mit Hingabe auch Funk und Rock. "Ich bin offen für alle Einflüsse", sagt die aus dem Saarland stammende Wahlschweizerin. Neue Impulse suchte sie in der ersten Jahreshälfte 2016 in New York - ein Stipendium der Stadt Zürich ermöglichte der 35-Jährigen den Trip. In der Weltmetropole des Jazz jammte Johänntgen mit Mainstream- und Avantgarde-Jazzern.

Nachhaltigstes Erlebnis ihres Amerika-Aufenthalts wurde jedoch ein Abstecher nach New Orleans. Denn in der Geburtsstadt des Jazz traf Johänntgen, abseits von Nostalgiker-Wallfahrstorten, wie der "Preservation Hall", junge Musiker, die neben den traditionellen Blasinstrumenten elektrische Gitarren und Keyboards nutzen, die in ihre Stücke auch Blues- und Pop-Klänge einbringen und mitreißende Calypso-Rhythmen spielen.

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Nicole Johänntgen:
Henry

Auf der Website der Künstlerin bestellen, Recorded by Tim Stambaugh; 20,99 Euro.

Mit dem Posaunisten Jo Ramm, dem Sousaphon-Spieler Steven Glenn und dem Schlagzeuger Paul Thibodeaux nahm Johänntgen daraufhin eine Platte auf. Es wurde eine gelungene Kombination von New Orleans Jazz mit zeitgenössischen Sounds. Dass sie bei der Suche nach Neuem die entscheidende Anregung in der Vergangenheit fand, war für Johänntgen überraschend. Dabei passiert das immer wieder.

Ein Beispiel sind die Samples von Jazz-Ikonen, die Hip-Hop-Künstler für ihre Produktionen entdecken. So basierte schon Ende der Achtzigerjahre der Hit "Talking All That Jazz" der HipHop-Gruppe Stetsasonic auf einem Sample des Jazz-Trompeters Donald Byrd (bei dem sich auch Public Enemy und Nas bedient haben).

Die Titel "Feeling Good" und "I Put A Spell On You" der Jazzerin Nina Simone nutzten die Rapper Jay Z und Kanye West für eigene Produktionen. Vor einigen Jahren bedankte sich J Dilla auf einer Gala in Washington bei Herbie Hancock für "inventing HipHop".

"'Ne Rentnerband spielt Dixieland"

Herbie Hancock und Nina Simone mögen Leute von heute inspirieren; aber traditioneller Jazz? "Weiter auseinander als eine Dixieland-Matinee auf einem Flussdampfer oder eine Latenight-Improvisation auf einem Laptop können zwei Spielhaltungen kaum sein", schreibt Wolf Kampmann in seinem kürzlich erschienenen Buch "Jazz - eine Geschichte von 1900 bis Übermorgen". Der Experte findet, dass beide Richtungen, "dennoch für sich das Prädikat 'Jazz' reklamieren" können.

Tatsächlich fühlt sich der traditionelle Jazz ausgegrenzt. Anders als Pop-Gruppen werden Oldtime-Bands nicht zu Jazzfestivals eingeladen. "Die soziale Funktion des Dixieland-Jazz heute", heißt es in Reclams Jazzlexikon, "ist die einer geselligen Unterhaltungsmusik mit geringem künstlerischen Anspruch und Verzicht auf Innovation."

Eine einst orginelle Stilart degenerierte zum Soundtrack für Frühschoppen-Spießer. Überwiegend Amateure intonieren immer wieder Ohrwürmer wie "Ice Cream" und "When The Saints Go Marching In". Schon vor vier Jahrzehnten besang Udo Lindenberg eine "Rentnerband", die "seit 20 Jahren Dixieland" spielt.

Freier Eintritt lockte einst Leute unter 20

Immerhin hatte Lindenberg als Junge in einer Oldtime-Jazz-Kapelle getrommelt. Auch Klaus Doldinger begann seine Karriere als Klarinettist bei der Düsseldorfer Formation Feetwarmers; ACT-Label-Chef Siegfried Loch verfiel dem Jazz, als er als Teenager Sidney Bechet hörte. Keine Frage: Traditioneller Jazz konnte in der Vergangenheit eine Art Einstiegsdroge sein. Und heute? Zum Dixieland-Festival in Dresden in der Himmelfahrt-Woche pilgern Jahr für Jahr bis zu 500.000 Menschen. Sind die alle taub für künstlerischen Anspruch und Innovation?

Der 1971 am Hamburger Großneumarkt eröffnete "Cotton Club" bietet als einziger Jazz-Spielort in Europa an sieben Tagen in der Woche Livemusik - traditionellen Jazz und Verwandtes. An einem Montagabend spielt eine fünfköpfige Bluesband aus Bremen für vielleicht zwei Dutzend Besucher. Die haben 8 Euro Eintritt bezahlt; also bleibt den Musikern nur eine Minigage. Aber die sind Amateure und spielen eh aus Spaß an der Freud.

Über die Jahre wurden Musiker und Gäste im "Cotton Club" immer älter; deshalb gewährte Eigentümer Dieter Roloff lange Zeit Besuchern unter 20 freien Eintritt. Das sei heute nicht mehr nötig, sagt der 73-Jährige. Etliche Gäste, die als Kinder von ihren Eltern mitgeschleppt wurden, kämen nun von alleine.

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Echoes of Swing:
BIX. A Tribute to Bix Beiderbecke

Act; 17,99 Euro.

Spricht Oldtime-Jazz also doch Jüngere an? Offenbar dann, wenn er sich nicht in Traditionspflege verkapselt. Mit den Instrumenten der New Orleans- und Dixieland-Bands covert die Hamburger Blaskapelle "Die Meute" Deep-House- und Techno-Tracks. Die groovende Brassband aus elf Jungprofis hat gut zu tun und wird zu internationalen Festivals wie dem Salzburger "Jazz & The City" eingeladen - vor Kurzem spielte sie beim Berliner Reunion-Konzert des Hip-Hop-Duos Icke & Er mit. Die Band Echoes of Swing lässt unterdessen die Musik des Trompeters Bix Beiderbecke (1903 - 1931) mit frischen Ideen neu aufleben.

Und Nicole Johänntgen? Sie freut sich über die Resonanz auf ihre CD "Henry" mit den Musikern aus New Orleans. "Club-Betreiber, die früher auf Anfragen nie geantwortet haben, wollen die Band im Sommer engagieren."



insgesamt 2 Beiträge
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hjanko 23.12.2016
1. Warum auch nicht?
Hallo, eigentlich komme ich musikalisch vom Rock, habe dann Funk und Soul, der mich allerdings schon in den 60igern begeistert hatte, für mich (wieder) entdeckt und so langsam meinen Musikgeschmack mehr und mehr ausgeweitet. In den 70igern war ich auch etliche Male in der Stuttgarter Dixieland Hall und habe dort unter anderem Chris barber mit band gesehen. Musikalisch war das nur eine kurze Episode, die aber nie negativ belegt war. In den 80igern waren es die englischen Bands Blue Rhondo a la Turk (https://www.amazon.co.uk/Chewing-Fat-Blue-Rondo-Turk/dp/B00JVSIGJY) oder die bekannteren Matt Bianco, Working Week, Pigpag mit, in meinen Ohren, tanzbarem Jazz, den Jazz insgesamt am Leben erhalten hatten. Für Jazz Puristen war das nix, denn Jazz musste ja wohl unzugänglich bleiben, warum auch immer. Mit dem KlingKlangKlong von Mangeldorff, Dauner etc,konnte ich nichts anfangen. Das das tolle Musiker sind, ok, aber warum müssen die mich Quälen? Da war dann Dixieland und auch der von vielen unterschätzte Big Band Sound (Brassed Off) mit den marching bands. Mich wundert es nicht, dass jüngere Musiker viel kreatives aus diesen wurzeln holen, denn da ist ja auch viel da. Meine Lieblingskünstler (ohne Reihenfolge): Prince, Iggy Pop, James Brown, Talking Heads, Johnny Cash, The Temptations, The Rolling Stones, The Who, Funkadelic/Parliament, Jack White, Nick Cave, The Cure. Weihnachten geh ich mit Schwiegermama zu Tchaikovsky - und ich freu mich darauf.
soistdasalso 03.01.2017
2. east st. louis toodle-o
ich denke dass es einfach eine frage der positionierung ist. die ambitionierten jüngeren musiker die richtung pre-bebop gehen wollen, können sich ja den entsprechenden seit jahren sehr angesagten swingszenen anschliessen, entweder als neoswing-hop oder als band für die jitterbug-/lindy hop tanzszene oder richtung brass, wofür es auch seit jahren eine wachsende szene, eigene festivals etc.. gibt. diese szenen sind gut mit djs, labels, produzenten, vertrieben, remixern etc. verflochten. wenn ich mit meiner dixieband seit 25 jahren am wochenende den biergarten am stadtrand oder den seit 40 jahren gleichen traditionsschuppen beschalle, muss ich mich auch nicht wundern, dass montreux nicht anruft.. ich versteh auch gar nicht, warum man zu einem club gehören möchte, der einen nicht dabei haben will. nur weil das auch irgendwie unter jazz firmiert? wenn es ja offensichtlich auch grosse dixie-festivals gibt und genug leute die daran freude im biergarten haben etc. dann ist doch alles gut. ein rockmusiker ist doch auch nicht beleidigt, wenn er nicht zu einem festival eingeladen wird, wo sie gerne freejazz, modal und hardbop bevorzugen, obwohl er eventuell ähnlich komplex strukturierte musik spielt. is halt einfach ne andere baustelle.
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