Experimentalmusik Träumen Androiden von Schweinerock?

Als Oneohtrix Point Never wurde Daniel Lopatin zum Star elektronischer Noise-Musik. Mit "Age Of" hat er sich nun an einem Musical für das posthumane Zeitalter versucht - und dabei seinen Pop-Appeal entdeckt.

Atiba Jefferson

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Seinen ersten Popstar-Moment erlebte Daniel Lopatin vor ziemlich genau zwei Jahren. Damals begleitete er die Sängerin Anohni auf ihrer Tournee zum Album "Hopelessness", das er zusammen mit dem House-Musiker Hudson Mohawke produziert hatte. Viel zu sehen war von den beiden Elektronik-Spezialisten beim Konzert nicht, die beiden standen im Hintergrund an ihren Geräten und überließen Anohni und ihren expressiven Video-Visuals die Bühne.

Doch nach der Premieren-Show in der Armory an der New Yorker Park Avenue kam R&B-Star Usher auf Lopatin zu und gab sich als Fan zu erkennen. "Ich sagte: 'Oh, danke, aber du meinst wahrscheinlich den anderen Typen, ich bin der, der diesen verrückten Lärm macht.'" Aber Usher meinte es ernst und fragte, ob Lopatin ihm nicht mal einen Song schreiben könnte.

"Naja, es sollte dann doch nicht sein", erzählt der 35-Jährige beim Interview in Berlin. Der Song, den er Usher schließlich anbot, findet sich jetzt auf dem Album "Age Of", das Lopatin unter seinem Künstlernamen Oneohtrix Point Never veröffentlicht hat. "The Station" beginnt mit einem geloopten Basslauf, der an die Red Hot Chili Peppers erinnert, dazu singt Lopatin Trauriges mit verzerrter Autotune-Stimme.

Nach und nach kommt ein elektronisches Rauschen dazu, eine Schweinerock-Gitarre bratzt sich in die geisterhafte Atmosphäre des Tracks hinein, und am Ende löst sich jede Songstruktur in einem ambienten Science-Fiction-Film-Soundtrack aus den Siebzigern auf. Für Ushers Karriere wäre es "ein Pulp-Fiction-Moment" gewesen, meint Lopatin, also eine radikale Neuausrichtung. Für den Noise-Musiker aus Massachussetts ist es eines seiner bisher zugänglichsten und wärmsten Musikstücke, fast schon ein Popsong.

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Oneohtrix Point Never: Erntezeit für Sound-Extremisten

Disruption beschreibt am besten, was Lopatin seit rund zehn Jahren als Oneohtrix Point Never betreibt: Er bedient sich aus Elementen elektronischer Minimal- und Ambient-Musik ebenso wie aus Hip-Hop, Pop oder Rock - und konfrontiert Momente irritierender Kitschigkeit mit nervenzerrendem Lärm, verstörenden Samples, Dialogfetzen, Werbejingles. Seinen Durchbruch bei der Kritik hatte er 2010 und 2011 mit den Alben "Returnal" und "Replica", inzwischen veröffentlicht er auf dem renommierten britischen Warp-Label und arbeitet mit Pop-Künstlern wie FKA Twigs, Iggy Pop und David Byrne zusammen.

Mit dem Soundtrack zu dem Safdie-Brothers-Thriller "Good Time" machte er sich 2017 auch einen Namen als Filmmusik-Komponist. Dabei verweigert sich Lopatins Sound eigentlich stets jeder leichten Konsumierbarkeit: Statt auf Rhythmik und Repetition zu setzen, wie in seinem Genre üblich, attackiert er jede Anmutung von Harmonie mit Glitches, Unterbrechungen, Verwischungen, Störgeräuschen sowie Temperatur- und Tempowechseln. Zumindest war das bisher so.

Inspiration "2001 - Odyssee im Weltraum"

Mit "Age Of" betritt Lopatin neues Terrain. Erstmals gab er dem willkürlich krausen Strom aus Klang-Kontrasten und aus dem Äther geangelten Sounds eine Struktur und suchte sich Unterstützung von Sängern und befreundeten Avantgarde-Musikern wie Anohni, Prurient und der Cellistin Kelsey Lu. Sogar einen Co-Produzenten ließ er zu, den britischen Post-R&B-Barden James Blake. Sein derart kollaboratives achtes Album als Oneohtrix Point Never ist der Versuch einer Rock-Oper, ein Musical für das posthumane Zeitalter. Inspiriert von Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" und François Rabelais' anarchischem Renaissance-Werk "Gargantua und Pantagruel", von Stevie Wonder, Todd Rundgren, Pink Floyds Prog-Rock und der Robin Williams-Komödie "Toys", entstand ein Epochen und Genres transzendierendes Konzeptalbum, das mindestens so camp und kurios ist wie das Cover-Motiv von Lopatins Lieblingskünstler Jim Shaw: "The Great Whatsit" heißt die Fotografie dreier im Sixties-Stil gekleideter Frauen, die neugierig in ein gralhaft leuchtendes MacBook starren. WTF?

Die Geschichte, die sich Lopatin dazu ausgedacht hat, geht genau andersherum: Der Computer starrt und staunt zurück. "Ich stellte mir künstliche Intelligenzen vor, die so fortgeschritten sind, dass sie Antworten auf alle Fragen haben. Sie sind so schlau, dass sie sich danach sehnen, dumm zu sein. Also träumen sie den ganzen Tag von uns Menschen. Wie in einer heuristischen Versuchsanordnung lauschen sie im Äther dem Chaos aller jemals von uns aufgenommenen Dinge. Das ergibt natürlich keinen Sinn, es ist wie dieses Gemälde aus Googles Deep Dream, totaler Wahnsinn, Hieronymus Bosch!"

Die KI, erklärt der ehemalige Philosophie-Student Lopatin, versuche also, all die erträumten Menschen-Fetische, Hoffnungen und Sehnsüchte in ein an Nietzsches "Zarathustra" angelehntes Muster aus Zeitaltern: "Ecco", "Harvest", Excess" und "Bondage" - von der Entdeckung der Kommunikation und Merkantilismus zu Maßlosigkeit und Unfreiheit, ein Kreislauf des humanen Scheiterns, der sich endlos wiederholt.

Nervige Großstadt und das KI-Experiment

So viel Vergnügen hat der erklärte Poststrukturalist Lopatin an seinem Worldbuilding-Experiment, dass er das Deutungsspiel der fiktiven KI selbst zu spielen begann: "Wenn ich mit meiner Frau durch New York laufe, zeigen wir ständig auf Dinge und ordnen sie ein: Ein geknacktes Fahrradschloss auf dem Boden: Bondage! Grüne Wiesen und malerische Berge auf einem Werbeplakat: Ernte! Und natürlich ist der Exzess allgegenwärtig in der City."

Weil ihn die Stadt nervte, zog er sich zum Schreiben der "Age Of"-Songs in die Einsamkeit einer Blockhütte im Wald zurück, wie es unter sensiblen Musikern üblich geworden ist. Aber diese Bon-Iver-Nummer, sagt er, "ist totaler Bullshit. Das Einzige, was du da draußen findest, sind deine eigenen Neurosen."

Den pseudo-philosophischen Überbau braucht es denn auch nicht, um "Age Of" als Meisterstück intelligenter elektronischer Popmusik zu genießen. Es gibt schroffe Noise-Collagen wie "Warning" oder "We'll Take It" ebenso zu bestaunen wie zarte R&B-artige Balladen wie "Black Snow" oder "Still Stuff That Doesn't Happen" mit reichlich barockem Cembalo-Einsatz. Durchs hymnische "Toys 2", einer Meditation über Schauspieler, die nach ihrem Tod als Avatare in Sequels auferstehen, geistert gar die sattsam bekannte Melodie von "My Heart Will Go On". Genau Lopatins Humor.

In einer Art Krisenmodus

In welchem Zeitalter wir aktuell leben, interessiert ihn letztlich nicht. "In den letzten Jahren haben wir uns aus naheliegenden Gründen in einer Art Krisenmodus eingerichtet: Plötzlich singen alle Lobeshymnen auf die Geschichte und versuchen herauszufinden, was uns hierhergebracht hat und welche Ära gerade anbricht. Es gibt diese irre Sentimentalität, dieses Bedürfnis, unsere Erfahrungen in einen größeren, generellen Zusammenhang einzuordnen. Das ist doch albern! Wir sollten uns lieber mit der Gegenwart beschäftigen", sagt er.

Im Moment genießt Daniel Lopatin mit seiner idiosynkratischen Collage-Technik die größte Aufmerksamkeit seiner bisherigen Karriere, weit über die Filterblase der Elektro- und Noise-Szene hinaus. Im Mai, zwei Jahre nach seiner Begegnung mit Usher, trat Lopatin erneut in der Armory auf, diesmal mit seiner eigenen Bühnenshow"Myriad", einer Visualisierung der "Age Of"-Songs als Multimedia-Musical. Oneohtrix Point Nevers Eintritt ins Ernte-Zeitalter.



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calexico1 07.06.2018
1. Sehr interessante Musik...
Aufgrund des sehr euphorisch verfassten Berichts, konnte ich nicht widerstehen und habe mir das Album bei Spotify mal angehört. Fazit: Ich bin sehr begeistert! Bin gespannt, ob sich dieser Eindruck nach mehreren Durchläufen hält. Wenn ja, wird das wohl einer meiner nächsten Vinylkäufe sein
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