Oper des Britpoppers: Albarn inszeniert Albarn

Aus Manchester berichtet Felix Bayer

Der Britpop ist hin, lang lebe die Oper? Blur- und Gorillaz-Sänger Damon Albarn inszeniert in Manchester ein großes Musiktheater über Mystik und englische Geschichte. Im Zentrum steht der klampfende Meister selbst - trotz seines eitlen Auftritts riss der Stilmix die Leute mit.

Damon Albarn: Gorillaz-Boss als Opern-Autor Fotos
AP

Als Mitte der neunziger Jahre britische Gitarrenbands die Popwelt dominierten, war es der BBC einen Beitrag in den Hauptnachrichten wert, dass die Bands Blur und Oasis am gleichen Tag eine Single herausbrachten: Es war der "Battle of Britpop" um die Nummer eins der Charts. 16 Jahre später spielt Oasis-Sänger Liam Gallagher treudoofen Sixties-Pop mit der Band Beady Eye - Damon Albarn, Anführer von Blur und den Gorillaz, hingegen hat seine zweite Oper fertig.

Dieses Werk, das am Freitagabend Premiere im Palace Theatre beim Manchester International Festival hatte, handelt von dem britischen Mathematiker und Mystiker John Dee, dessen Ruf als Wissenschaftler im 16. Jahrhundert so groß war, dass er zum Berater der englischen Königin Elizabeth I. wurde: Er erstellte ihr Horoskope und berechnete sogar den idealen Tag der Krönung. Doch im Laufe der Zeit steigerte sich Dee immer mehr in okkulte Ideen hinein, die schließlich sein Leben zerstörten.

Damon Albarn hat sich für "Dr Dee" in die hermetische Philosophie eingearbeitet, in die Astrologie, die Geschichte der englischen Reformation, die Musik der Renaissance - nicht die typischen Hausaufgaben eines Popstars. Albarn ist sich dessen bewusst, auch weil er dafür oft genug als eitler Klugscheißer angefeindet wird. Seine Ambitionen lässt er sich dadurch nicht verleiden.

Britische Zitate: Georgskreuz, Punk und Monty Python

"Dr Dee" trägt den Untertitel "An English Opera", und nachdem ein ominöser Rabe hereingeflattert gekommen ist, laufen einige archetypisch englische Figuren eine schiefe Ebene entlang: Ein Mädchen trägt einen weißen Luftballon mit dem roten Georgskreuz, ein Punk torkelt vorbei und stürzt nach hinten von der Bühne, ein Geschäftsmann mit Schirm und Melone tut es ihm nach einem John-Cleese-artigen Silly Walk nach.

Bald stellt sich die Ebene heraus als das Dach einer wie ein Übungskeller für Bandproben eingerichteten Hütte mit einer kuriosen Mischung von Musikern: Der legendäre Afrobeat-Schlagzeuger Tony Allen und Mamadou Diabate, der die afrikanische Harfe Kora bedient, haben Platz genommen neben Musikern, die Renaissance-Instrumente wie Gambe oder Laute spielen. Und am Rand, auf einem Treppenabsatz, hockt Damon Albarn selbst, Akustikgitarre in der Hand. Die Hütte wird hochgefahren, auf der eigentlichen Bühne kann das Schauspiel beginnen, das Albarn als eine Art Erzähler kommentiert.

Bei seiner ersten Oper, "Monkey: Journey to the West" nach einem chinesischen Roman, hatte sich Albarn noch im Hintergrund gehalten, doch bei "Dr Dee" ist er sehr präsent. Seine Erzählerkommentare trägt er in melancholischen Folksongs vor, die er mal ganz minimal und mit brüchiger Stimme zur Akustikgitarre singt, mal von der Afro-Renaissance-Band begleiten lässt und die manchmal übergehen in den Orchesterklang, zu dem der klassische Operngesang zum Einsatz kommt.

Unter den Opernsängern beeindruckt besonders der Countertenor Christopher Robson, der den Alchemisten Edward Kelley spielt und mit seiner Falsettstimme und seinen Versprechen, mit den Engeln sprechen zu können, den Wissenschaftler Dr. John Dee immer tiefer in die Welten der Mystik hineinlockt. John Dee selbst ist eine weitgehend stumme Rolle, in der Schauspieler Bertie Carvel allerdings einen grandiosen Auftritt hat, als er mit einem atemlosen Geometrie-Monolog klarmacht, dass Mathematik und Mystik auch schon für den Wissenschaftler Dee zusammengehörten.

Albarn hängt mit seinem wilden Stilmix Gallagher ab

Das an Faust und Mephisto erinnernde Verhältnis zwischen John Dee und Edward Kelley bietet den stärksten Handlungsfaden in dem Stück - die Erzählung gipfelt darin, dass Kelley göttliche Stimmen empfängt, die Dee auffordern, seine Frau mit dem Alchemisten zu teilen, was dieser widerstrebend tut. Ansonsten steht das Erzählerische eher zurück gegenüber sehr eindrucksvollen Bildern, wie dem von der Krönung Elizabeths, die fortan schützend über John Dee schwebt - und zwar ganz real.

Die Inszenierung von Regisseur Rufus Norris ist also aufwendig und ausgesprochen gelungen, man wird auch ohne größere Vorkenntnisse in englischer Geschichte ergriffen von dem Schicksal des unglücklichen Wissenschaftlers. Doch das, was "Dr Dee" besonders macht, sind nicht so sehr die Projektionen und die beweglichen Leporello-Vorhänge. Es ist die Tatsache, dass hier die Mischung von Folk, afrikanischen Rhythmen, Renaissance- und Orchestermusik vollkommen selbstverständlich gelingt. So selbstverständlich, dass man nicht überrascht ist, wie Albarn auf seinem Treppchen mitwippt, als spielten die BBC-Philharmoniker einen fröhlichen Popsong.

Dem Star des Abends gehört dann auch das Finale des Stückes, was diejenigen bestärken wird, die Albarn Eitelkeit vorwerfen. Sehr erleichtert und mit einem kleinen Hüpfer nahm er dann am Freitagabend den großen Beifall des Premierenpublikums entgegen; sein Stolz auf sich selbst war ihm anzusehen, aber eben auch berechtigt. Denn "Dr Dee" ist ein Triumph der Überambitioniertheit, der gelingen konnte, weil Damon Albarn das melodische Talent hat, um die verschiedenen Elemente zusammenzuführen.

Derweil sitzt Albarns alter Rivale Liam Gallagher da und studiert die Hosensäume von Mods in den Sechzigern.

"Dr Dee. An English Opera" von Damon Albarn, Palace Theatre, Manchester, läuft noch bis 9.7., alle Infos unter www.mif.co.uk

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