Opern-Enigma Kleiber Der mysteriöse Maestro

Er redete noch seltener als er dirigierte: Schon zu Lebzeiten stemmte sich Carlos Kleiber gegen jeden Versuch einer Biographie, auch seine Angehörigen schweigen beharrlich. Wegbegleiter Michael Gielen fürchtet nun, dass das Erbe des "Jahrhundert-Maestros" in Vergessenheit gerät.


Nein, der Herr Direktor will nicht über Carlos Kleiber reden, nicht dieser, auch nicht jener. Überhaupt will kaum jemand über ihn reden, zumindest nicht jene, die ihm eng verbunden waren. Und wenn einer was sagt, dann ist es ziemlich kalkulierbar. Nur das Beste, als Künstler, versteht sich. Der "Jahrhundert-Maestro" gehört zu den beliebtesten Etiketten. Ein Genie, beispiellos. Carlos Kleiber, der Pult-Torero, ist zweieinhalb Jahre nach seinem Tod genau das, was er zeitlebens war: ein Mysterium.

Star-Dirigent Kleiber in Aktion: Pult-Torero, Jahrhundert-Maestro, Dämon
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Star-Dirigent Kleiber in Aktion: Pult-Torero, Jahrhundert-Maestro, Dämon

Jüngst hat wieder ein Autor kapituliert. Jens Malte Fischer, ein kluger Mahler-Biograph, gesteht in einer Exegese des kleiberschen Schaffens die Unmöglichkeit einer Biographie ein. "Carlos Kleiber - der skrupulöse Exzentriker" heißt das Büchlein, dass die musikalische Methode des Mannes präzise seziert. Im Oktober erscheint mit "Carlos Kleiber - eine Biographie" des Literaturwissenschaftlers Alexander Werner der nächste Versuch einer Annäherung.

Exzentriker - das ist noch so ein Etikett, aber immerhin eines, das zumindest den ewigen Superlativ umschifft. Andere nannten Kleibers Begabung gar "dämonisch". Die Flüssigkeit seiner Bewegungen, frei von Rucken und Zucken, grenzte an Artistik. Selbst die notorisch ironiefreie Datenbank Munzinger berichtet von "medialen musikalischen Kräften, die eine geradezu hypnotische Wirkung" beim Publikum entfaltet hätten.

Nur ein Dutzend Einspielungen binnen fünfzig Jahren hinterließ er. Zahllose Gerüchte kursieren über Macken, Schrullen, Neurosen: Kleiber, der Autonarr; Kleiber, der Schrecken aller Veranstalter; Kleiber, ein Mann von wahnwitziger Entschlusslosigkeit, der heute zu und morgen absagte; Kleiber, der einzige Sohn eines Dirigenten von Weltrang, der den Vater noch übertraf.

Beharrlich schweigt der engste Kreis. Er selbst mied die Öffentlichkeit wie die geliebte strausssche "Fledermaus" das Tageslicht. Die Essenz eines Telefonates mit seinem Sohn: "Ich rede nicht mit Ihnen." Natürlich muss niemand über seinen verstorbenen Vater reden. Aber allein der Grund für das Schweigen wäre interessant gewesen. Schon in den achtziger Jahren machte sich ein amerikanischer Journalist auf, eine Biographie des Wahl-Münchners mit österreichischen und argentinischen Papieren anzufertigen, der 1930 in Berlin zur Welt kam. Der Maestro untersagte es ihm mitsamt juristischem Beistand. Zahllose Briefe wurden geschrieben, doch die Erben besitzen nun mal das Recht am Wort des Vaters. Und so werden Kleibers Pretiosen, stilistisch mitunter brillant, wohl für immer der Öffentlichkeit vorenthalten bleiben.

Was ist geblieben von Kleiber außer den paar Platten? Der Ruf als enigmatischer Wundermann mit maliziösen Zügen, der einen Konzertsaal buchstäblich zum Glühen bringen konnte? Sicher. Die echten Enthusiasten, wenn auch zahlenmäßig überschaubar, preisen Werk und Wirken: Bei einer Abstimmung des "tamino-klassikforums", dessen Exegeten Scherzi und Tempi mit ähnlicher Hingabe diskutieren wie die Fußballgemeinde die Bundes-Torwart-Frage, rauschte Kleibers "Don Carlos" trotz seines quasi nicht vorhandenen Repertoires vor Bernstein, Furtwängler & Co. als Sieger ins Ziel.

Schatten über dem Andenken

Doch was wird mit seinem Erbe geschehen? Etliche Tondokumente schlummern in bayerischen Archiven, noch aus jener Zeit, als Kleiber an der Staatsoper wirkte. Frei zugänglich werden sie der Rechtslage wegen wohl erst in ein paar Jahrzehnten sein. Allmählich legen sich Schatten über das Andenken des Mannes, der nie mehr als ein Gastdirigent sein wollte - und der einst die "Zeit" anlässlich einer Tristan-Aufführung jubilieren ließ: "Furioseres hat man auf Erden nie gehört."

Er selbst hat ja alles dafür getan. Auftritte in Intervallen von hohen Feiertagen. Niemals ein Interview. Einmal bat er während einer Konzertreise eine Journalistin auf sein Hotelzimmer. Die anderthalb Stunden des Treffens bestanden im Wesentlichen darin, dass der Maestro seine Kreditkarte suchte. Zuhörer bei den Proben waren unerwünscht. "Natürlich wusste er, dass sein Marktwert auch damit stieg", sagt ein weltbekannter Kollege, der ihn einmal sehr gut kannte. Es ist Michael Gielen, 80, der der Neuen Musik wie nur wenige andere Dirigenten den Weg bereitete.

Es sei doch selbstverständlich, dass er über Kleiber rede, meint Gielen. Sie waren Jugendfreunde, lernten sich in Argentinien am Teatro Colon kennen. Gielen war der Korrepetitor Erich Kleibers, Carlos' Vater, einer der prägenden Dirigenten der Vorkriegszeit. Die Familie Gielen emigrierte wie die Kleibers nach Argentinien. Erich Kleiber wollte keinen zweiten Musiker in der Familie dulden. Ein Chemie-Studium des Sohnes in Zürich war die Folge, doch Carlos tat, so Gielen, "alles, nur nicht Chemie studieren."

"So wie Papito kann ich es nicht"

Rasch sei ihm die Begabung Kleibers klar geworden. Gielen verachtet die Beliebigkeit des Geschäfts, die Austauschbarkeit von Inszenierungen mit ihrem konfektionierten Klang. Womöglich fürchtet er, dass der alte Freund in Vergessenheit geraten könnte. Deshalb spricht er über diesen Mann, der nicht funktionieren wollte, wie es der Betrieb erwartete. Über seine Musik und das Seelenleben, über die "tiefe Neurose, die aber lebenswichtig war".

Unentrinnbar stand er im Schatten des Vaters: "Ich glaube, dass dieser große Vater das Unglück gewesen ist, dieser nichtbewältigte Ödipus-Komplex." Einmal brachte er Gielen eine Aufnahme des Vaters mit. "Sie war exzellent", sagt Gielen. Doch immer wenn es um den Vater ging, war dessen Aufnahme automatisch besser als die eigene: "So wie Papito kann ich es nicht. Das glaubte er immer."

Die verhängnisvollen Verästelungen der eigenen Vita und die Macht der Musik - nie habe sich Kleiber gegen beides schützen können. Gielen berichtet von einer Tristan-Aufführung in Stuttgart, während der Kleiber sich ständig übergab. Es waren Tristans Fieberphantasien, die den Dirigenten mitnahmen. Die Musiker reichten ihm Taschentücher. Er dirigierte mit einer Hand. "Carlos hatte Angst, wirklich wahnsinnig zu werden. Ich glaube, dass er sich deshalb immer mehr zurückgezogen hat", sagt Gielen.

Nachts am Grab von Karajan

Kleiber erlitt die Musik mehr als er sie genoss. Die Trennung zwischen Geschäft und Kunst fiel ihm schwer, er hätte sie wohl gerne beherrscht. Deshalb bewunderte er Herbert von Karajan. Aber manchmal ging die Verehrung anderer Kollegen so weit, dass ihn sein sonst so präzises Gehör betrog: "Einmal" sagt Gielen, "kam er mit einer Furtwängler-Einspielung aus Mailand. Der Ring. Und er sagte: 'Hör' dir das an. Es ist phantastisch.' Und dann habe ich mir das angehört - es war ganz große Scheiße! Von Furtwängler und vom Orchester. Carlos hatte sich das alles nur eingebildet." Und dann erzählt Gielen noch die Episode von den Salzburger Osterfestspielen, als die Generalsekretärin der Bayrischen Akademie der Schönen Künste in der Nacht zum Grab von Karajan fuhr. Dort warf eine hagere Gestalt ihren Schatten: Carlos Kleiber.

Wunsch und Wirklichkeit verschwammen oft - Anzeichen von Unsicherheit? Die Münchner Abendgesellschaft verschmähte er, dirigierte aber zum Jubiläum seines Freundes Leo Kirch. Einmal verriet er seinen Tageablauf: Morgens, wenn es ihm gut ging, verließ er das Haus (ein Reihenhaus, keine Villa) zum Joggen und holte dann die Zeitung. Dann frühstückte er. Und schaute dann, was das Fernsehprogramm so hergab.

In früheren Jahren habe das manische Abhören von Aufnahmen den Tag gefüllt, sagt Gielen: Kleiber musste wissen, was die anderen machten. Er selber wollte immer nur das tun, was der Vater vorgab: "Er dirigierte nie etwas, was der Vater nicht legitimiert hatte", sagt Gielen. In Schottland sollte er den "Wozzeck" von Alban Berg dirigieren. Kleiber sagte ab, weigerte sich aber, dem Ersatzmann die Partitur zu übergeben. Es war die mit den Notizen des Vaters, der den "Wozzeck" einst uraufgeführt hatte.

Gerüchte, Anekdoten, Bruchstücke - auch die Montage ergibt kein schlüssiges Bild. Kürzlich kursierten Berichte, wonach sich auch ein italienischer Autor daran mache, demnächst ein Buch über Kleiber zu publizieren. Der Titel: "Carlos Kleiber - angelo o demone?" Der Dämon, noch so ein Etikett. Gielen kann damit nichts anfangen: "Er war sein eigener Dämon. Nicht der Dämon der anderen."



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