Nazi-Tattoo-Streit Staatsopern-Chef nennt Wagner-Clan "verlogen"

Rufschädigung, Verlogenheit, Geschichtsvergessenheit: Nach der Absage des russischen Opernsängers Jewgeni Nikitin wegen seiner Nazi-Tattoos findet dessen Arbeitgeber, der Intendant der Bayerischen Staatsoper Nikolaus Bachler, scharfe Worte für das Verhalten der Familie Wagner.

Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper: Giftpfeile in Richtung grüner Hügel
dapd

Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper: Giftpfeile in Richtung grüner Hügel


Hamburg/München - Er sehe im Fall Nikitin "mehr ein Problem Bayreuths und der Wagner-Familie als eines des Sängers", erklärte Bachler am Montag in München. "Dass die Torheit eines 16-jährigen Rocksängers, der diese längst bereut und versucht hat, ungeschehen zu machen, ausgerechnet nun von der Wagner-Familie geahndet wird, finde ich verlogen."

Nikitin hatte am Wochenende wenige Tage vor seiner geplanten Premiere bei den Bayreuther Festspielen seinen Auftritt abgesagt und die Tattoos aus seiner Jugendzeit einen "großen Fehler" genannt. Er trägt unter anderem ein teils verdecktes Hakenkreuz-Tattoo auf seiner Brust, über das er sich eine andere bunte Tätowierung stechen ließ.

Das ausschließlich Richard Wagner gewidmete Festival in Bayreuth war in der NS-Zeit eng mit den damaligen Nazi-Größen verbandelt. Wagner, der sich immer wieder antisemitisch geäußert hatte, war der Lieblingskomponist Adolf Hitlers.

Keine Reue in den letzten 50 Jahren?

Bachler kritisierte nun, wenn die Festspielleitung schon den Entschluss gefasst habe, "den Sänger aus der Produktion zu nehmen, hätte man auch eine andere Vorgangsweise wählen können. Eine gemeinsame Pressekonferenz wäre wohl ein angemesseneres Mittel gewesen, als Nikitin zum Rücktritt zu nötigen und somit den Ruf des Sängers zu beschädigen", erklärte der Intendant der Bayerischen Staatsoper.

Bachler fügte mit Blick auf die Familie Wagner hinzu, man zeige "offenbar mit dem Finger auf jemanden anderen, weil man mit der eigenen Geschichte ein Problem hat". Nikitin habe in seinen Aussagen den Vorfall nicht nur bedauert, sondern auch Reue gezeigt. "Eine Reue, die ich von der Familie Wagner in den letzten 50 Jahren nie vernommen habe."

Der Dirigent der Bayreuther Festspiele, Christian Thielemann, vertrat derweil in der Berliner Zeitung "B.Z." vom Montag die Auffassung, ein Hakenkreuz "geht niemals, nicht nur in Bayreuth". "Das geht auch in Australien nicht", sagte Thielemann. "Ich mag es auch auf der Bühne nicht sehen, keine Hakenkreuze, keine Stiefel, keine Mäntel. Ich hab' die Schnauze voll von diesem Personal."

twi/afp



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