Opernspektakel Wie man den Ring beherrscht

Die Theatertruppe La Fura dels Baus war immer für einen Skandal gut, doch über die Operninszenierungen der Regie-Rabauken jubeln alle. Ihren "Ring" aus Valencia gibt es jetzt auf DVD - so macht Wagner sogar Popfans Spaß.

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Opernspektakel: Wie man den Ring beherrscht
Richard Wagners "Ring des Nibelungen" in die Langeweile zu reiten, das passiert mitunter auch Regie-Granden. Manche werfen, wie Lars von Trier in Bayreuth, aus Furcht vorm Scheitern lieber rechtzeitig das Handtuch. Wie man die Operntetralogie jedoch furios beherrschen und sogar im weitesten Sinne spaßig über die Bühne jagen kann, demonstrierte das spanische Theaterkollektiv La Fura dels Baus 2009 mit seiner Inszenierung in Valencia: Selten jubelten Publikum und Kritik so einig.

Was selten genug beim "Ring" passiert: Niemand patzte, weder Regie noch Sänger noch Orchester noch Dirigent. Das alles gibt es nun nach und nach auf DVD - und wer sich nur einen "Ring" anschaffen will, dem fällt die Wahl nun leichter. "Das Rheingold" und "Die Walküre" (jeweils Naxos) sind bereits erschienen.

Viel transportiert das Regieteam über großformatige Video-Projektionen, auch das verstärkt den Bildeindruck via TV-Schirm: Der zum "Walküren"-Start galoppierende Wälsungen-Wolf markiert drastisch sowohl die Drachtentöter-Abstammung wie auch die Horrorfilm-Ikonografie der Werwölfe. Schon sind wir beim Pop. Später konterkarieren die auf Baukränen herumschwebenden Götter die Bilderflut mit charmantem Witz. Siegmund und Sieglinde hingegen müssen als Wolfsnachfahren durch eine ironisch und karg gestylte Waldhöhle robben. Das alles, aufgepeppt durch flott fließende Szenenregie und optimale Schnitte, macht aus dem Bühnenspiel zumindest ansatzweise so etwas wie einen fernsehgerechten Spielfilm - und lässt das einst so altbackene Abfilmen von Theaterproduktionen weit hinter sich.

Letzte Skandalzuckungen des Randale-Ensembles

Was die anfangs anarchische Fura-dels-Baus-Truppe seit 1979 so auf die Bühne stellte, schockierte oft mit physisch attackierenden Darstellungen und sprengte durch Stilbrüche und aggressives Spiel jede Menge Theaterkonventionen. Die Darsteller scheuten weder Verletzungen noch Anstrengungen, es flossen Blut und Schweiß - und beim Publikum manchmal auch Tränen der Entrüstung. Noch 2005, als sie mit ihrer eher mäßigen Marquis-de-Sade-Porno-Show in Hamburg auf Kampnagel gastierten, trommelte ein Teil der Lokalpresse für ein Einschreiten des Staatsanwaltes. Doch das waren schon die letzten Skandalzuckungen des Randale-Ensembles, das sich inzwischen eher als Kulturbewahrer denn als Zertrümmerer begriff.

Gerade die Oper beschäftigte La Fura dels Baus in den vergangenen Jahren. Produktionen wie Ligetis "Le Grand Macabre" in Brüssel, Mozarts "Zauberflöte" bei der Ruhrtriennale oder Berlioz' "Die Trojaner" für mehrere Bühnen demonstrierten den geschmackssicheren Zugriff, mit dem die Furas inzwischen die Klassiker durchkneten. Ihre rasende Respektlosigkeit ist einer Mainstream-Ästhetik gewichen.

Ein Wotan zum Knuddeln

So sind es die opulenten Bilder, die diesen "Ring" zum Pop-kompatiblen Renner machen: Die aus Menschen gebaute und als artistisches Schauwerk konzipierte Walhalla-Burg im "Rheingold" verpackt die Fixierung Wotans auf zerbrechliche Güter in zirzensischer Form - ein packendes Kunststück, aber auch eines, das eher seine Wirkung als den Gehalt zelebriert. Ein Hauch Cirque du Soleil weht über das Schlussbild des ersten "Ring"-Teils.

Doch gerade auf DVD wirken die Details dieser artistischen Regie-Komponente umso beeindruckender, denn durch Großaufnahmen erschließen sich Einzelheiten, wie man sie bei einem Theatereindruck nie wahrnehmen könnte. So die Details von Brünnhildes Verbannung am Schluss der "Walküre": eine Mischung aus echtem Feuerzauber und einem Kraftakt der vielköpfigen Fura-Truppe - da ist das Kollektiv in seinem Element.

Umso schöner, da auch das Übrige stimmt: Zubin Mehtas elastisches Dirigat führt das Orchester der Oper Valencia nie an seine Grenzen, und auch das enorm homogene Sängerensemble begeistert. Schon allein der wuchtige Wotan von Bassist Juha Uusitalo macht Spaß - ein Göttervater zum Knuddeln. Machtvoll und dennoch beinahe verschmitzt wirkt er, auf der Bühne wie im Interview der "Making of"-Sektion.

Die Extra-O-Töne der Sänger dienen dazu, die Protagonisten dem Publikum ein wenig näher zu bringen; ihre Aussagen sind brav und erwartbar. Einzig Carlus Padrissa, der Bühnenmeister der Furas, sagt ein wenig mehr zu den Intentionen der Regie. Doch vieles erklärt sich in dieser Bilderflut eh von selbst: Noch eine der Stärken dieser Produktion.


DVDs Richard Wagner: "Das Rheingold" und "Die Walküre": Infos siehe Kasten oben links.



insgesamt 5 Beiträge
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fabchief, 13.01.2010
1. bestimmt sehenswert
Ich habe die Fura dels Baus zwei mal gesehen: Einmal in Nürnberg und einmal in Ungar auf dem Sziget Festival. Beides ausgeklügelte sehr raumgreifende Produktionen. Den Furas gelingt es deutlich besser als anderen Gruppen mit dem zur Verfügung stehenden Raum umzugehen und ihn auch voll auszunützen. War beide male sehr sehenswert. Unvergessen natürlich auch noch die Olypiaeröffnung in Barcelona. Eine Materialschlacht ohnegleichen ist das ganze zwar auch, aber das ist kein negativer Punkt.
infoseek, 13.01.2010
2. Nur geil
Ich bin rein zufällig bei einer der gelegentlichen Zapp-Orgien, die letztlich nur dazu dienen, mich davon zu überzeugen, dass das Programm so schlecht wie eh und je ist, über einen Kanal gestolpert, der anscheinend irgendeine wie so häufig mit Wagner-Zitaten untermalte SF-Billigproduktion zeigte. Ein kurzer Anfall von Neugier hinderte mich ein paar Minuten am Weiterzappen. Als es mit Wagner immer weiter ging und mir auch Zweifel kamen, ob das tatsächlich ein SF-Streifen sei, ergab ein Blick ins Internet: Wagner, Rheingold, Valencia 2009. Valencia? Wagner? Germanischer Opernbombast in der spanischen Provinz? Aber da ich nichts gegen Wagner habe, ganz im Gegenteil, wollte ich mir jetzt doch mal eine Weile ansehen, was die Iberer sich so darunter vorstellten. Mein Erstaunen stieg mit jeder Minute. Wie geil ist das denn? Die Bilder ein Augenschmaus, die Darsteller schauspielerisch und sängerisch beeindruckend, ein hochprofessionelles Orchester, erstklassig geführt. Und immer wieder waren witzige Zitate zu entdecken - so erinnerte der dicke Wotan unverkennbar an den schwebenden Herzog aus "Dune". Aber erst als im Abspann "La Fura dels Baus" auftauchte, wurde mir klar, dass da keineswegs der Zufall am Werk war, sondern einschlägig bekannte Fachleute, die ganz offensichtlich wieder mal ein Meisterstück abgeliefert hatten. Nur seltsam, dass ich bis dahin nichts von dieser Produktion gehört oder gelesen hatte. Leider hatte ich nur noch die letzte halbe Stunde erwischt. Umso erfreulicher, dass es das jetzt auf DVD gibt. Her damit - sofort!
Dulandi, 13.01.2010
3. Siegfried und Götterdämmerung
Entgegen der Info im SPIEGEL ist Siegfried und Die Götterdämmerung ebenfalls schon erschienen! Alle Teile gibt´s auch auf BluRay!
kurtfromlourdes 13.01.2010
4. Baus for Bayreuth!
Die sollten mal den Parsifal in Bayreuth machen. Aber vielleicht kann man dort nur ran, wenn man es wie Schlingensief macht und/oder sich mit Katharina verlobt, oder selbst Katharina ist. (P.S: Wer sich nicht an den Schlingensief erinnert, kann die Kritik bei www.richard-wagner.com lesen)
tylerdurdenvolland 14.01.2010
5. ..
Da ich SPON und Spiegel ja sonst fast stets kritisiere, hier also auch mal ein Wort des Lobes. Diese wunderbaren Inszenierungen bekannter zu machen ist verdienstvoll! Es ist wirklich unsäglich welchen Mist hierzulande die Schlingensieffs produzieren dürfen. Anscheinend kommt heutzutage in Bayreuth dann am besten an, wenn man von der Materie nichts versteht und alles was man an Halbbildung im Kopf hat, hier und dort auf die Bühne schiebt. Naja, bei dem Publikum dort, passt es das Niveau wohl auch zumeist. Wagner Kenner machen halt die Augen zu und die Ohren auf.....
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