Opernstiftungs-Chef Schindhelm "Berlin ist pubertär"

Michael Schindhelm, Chef der Berliner Opernstiftung, scheidet in wenigen Tagen aus dem Amt. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die halbstarke Hauptstadt, den Opernsozialismus und seine Freundschaft mit Angela Merkel


SPIEGEL ONLINE: Herr Schindhelm, Sie haben sich selbst einmal als "Kofi Annan der Opern" bezeichnet. Woran ist Ihre Friedensmission in der Hauptstadt gescheitert?

Noch-Stiftungschef Schindhelm: "Es herrscht Angst vorm Erwachsensein"
DPA

Noch-Stiftungschef Schindhelm: "Es herrscht Angst vorm Erwachsensein"

Schindhelm: Wahrscheinlich war es notwendig, dass hier jemand erst einmal scheitert. Einer musste die Lawine lostreten, damit allen – in der Politik und in den Opern selbst – klar wird, worum es geht. Derjenige, der das auf den Punkt bringen musste, kann schwerlich derjenige sein, der in Zukunft die Geschicke der Opernstiftung leitet.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen sich als eine Art Katalysator?

Schindhelm: Ja, wenn Sie so wollen. In der Konstruktion der Opernstiftung wurden sehr viele Kompromisse geschlossen, die nicht funktionieren konnten. Um den Intendanten der drei Berliner Opernhäuser nicht weh zu tun, wurde kein Generalintendant berufen, sondern ein Direktor, der nicht mit genügend Macht ausgestattet wurde. Das ist nun wenigstens allen bewusst.

SPIEGEL ONLINE: Verklären Sie nicht Ihr Scheitern, wenn Sie es als eigentlichen Sinn Ihres Berliner Engagements umdeuten?

Schindhelm: Wenn Sie von Verklärung sprechen, gestatten Sie mir, von Romantik zu sprechen. Als ich mich vor gut zwei Jahren entschieden hatte, nach Berlin zurück zukommen, steckte auch ein Stück Romantik darin. Für mich, der so lange außerhalb Deutschlands gelebt hatte, war da eine gewisse Sehnsucht, einmal wieder zurückzukehren nach Deutschland, um zu sehen, ob das für mich eigentlich noch geht. Wie weit weg ich wirklich war, habe ich erst begriffen, als ich hier angekommen bin.

SPIEGEL ONLINE: Man könnte diese Herangehensweise auch naiv nennen.

Schindhelm: Zum Romantiker gehört auch, dass er sich die Dinge idealer vorstellt, als sie tatsächlich sind. Ich hatte die Vorstellung, dass es so eine allgemeine Überzeugung in dieser Stadt gibt, die drei Opernhäuser retten zu müssen. Ich hatte geglaubt, man werde mir, dem Generaldirektor, in dieser Situation den Rücken stärken. Am Ende hat sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, heute zuständig für die Kultur, demonstrativ von mir abgesetzt. So kann ein Reformprozess nicht gelingen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Sache nicht viel simpler: Berlin hat drei Opernhäuser, kann sie sich aber nicht leisten. Nur traut sich niemand, den finalen Schnitt zu machen und eine Oper zu schließen.

Schindhelm: Ich halte es nach wie vor für möglich, drei Opern zu halten. Ich glaube, dass es machbar ist, mit ungefähr 100 Millionen Euro die Aufgabe zu erfüllen, metropolitane Oper an drei Standorten zu präsentieren. Natürlich wäre es das Beste, die Staatsoper Unter den Linden an den Bund zu übertragen. Würde der Bund sie übernehmen, würde dem Land und der Opernstiftung ein Brocken von 36 Millionen Euro jährlich an Zuwendungen erspart bleiben. Vor Jahren, nach der Wiedervereinigung, hatte Berlin die Chance, diese Oper dem Bund zu übertragen. Aber Berlin hat sich damals überschätzt. Das liegt wohl daran, dass die Stadt immer noch unfertig, halbstark, pubertär ist. Ich denke, dass die Losung für Berlin letztendlich lauten müsste: "Forever young!"

SPIEGEL ONLINE: Also nicht: "Arm, aber sexy!", wie Wowereit sagte?

Schindhelm: "Forever young!", das heißt, hier herrscht eine große Angst vor dem Erwachsensein. Dieses Lebensgefühl teilt übrigens der Regierende Bürgermeister mit Frank Castorf oder Claus Peymann. Ich glaube, dass man jenseits dieser Personifizierungen sagen kann: Erwachsen ist die Provinz, also die anderen Bundesländer. Metropolen aber sind nur dann sexy, wenn sie pubertär bleiben. Wenn sie es nicht mehr sind, funktionieren sie auch nicht als Metropolen.

SPIEGEL ONLINE: Aus der Sicht vieler Bundesbürger ist Berlin nicht nur pubertär, es leistet sich einfach auch zu viele Opernhäuser und macht zu viele Schulden.

Schindhelm: Die Sicht auf Berlin hat sich geändert. Ein Großteil der Deutschen ist heute stolz darauf, Berlin zu haben. Man spürt doch förmlich die Verschmelzung dieser Hauptstadt mit dem Image des ganzen Landes. Ein Regierender Bürgermeister in Berlin ist allerdings etwas anderes als ein Bürgermeister in Düsseldorf oder München. Er muss bis zu einem gewissen Grade Existentialist sein, etwas, was man Herrn Wowereit nicht ohne weiteres ansieht. Es wäre infantil anzunehmen, dass es im nächsten Jahrzehnt tatsächlich möglich wäre, dass Berlin seine Schulden los wird und all seine Hausaufgaben erledigt.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für die Kultur?

Schindhelm: Umbrüche als Normalfall zu begreifen, das Loslassen zu lernen. Ich habe 1990/91 viele Kollegen aus dem Westen erlebt, die damals das hohe C der Depression über die angeblich katastrophalen kulturpolitischen Verhältnisse angestimmt haben, dass kein Geld da sei. Wenn ich mir vergegenwärtige, was seitdem an Einsparungen realisiert worden ist und dass trotzdem noch Großartiges in diesen Theatern und Opern läuft, muss ich schon sagen: Irgendetwas hat damals nicht ganz gestimmt.

SPIEGEL ONLINE: Da war die Welt der Westdeutschen noch in Ordnung.

Schindhelm: Wir als Künstler haben uns sehr an diese gelernte Hilflosigkeit gewöhnt, an das ständige Einfordern von Geld und Ressourcen. Manche glauben, schon die Verteidigung des Status quo sei ein revolutionärer Akt.

SPIEGEL ONLINE: Auch bei der Opern-Reform? Vor allem die Deutsche Oper scheint nicht mehr so zu halten.

Schindhelm: Ich will keine Schließung. Ich glaube, dass es nur durch eine radikale Verringerung der Quantität möglich ist, das Niveau dieser Oper wirklich zu bewahren oder sogar zu erhöhen. Wenn die Deutsche Oper – wie derzeit – zu weniger als 70 Prozent ausgelastet ist, ist das Angebot offensichtlich nicht so attraktiv. Also müssen wir dieses Haus von der riesigen Last einer großen Quantität von Aufführungen befreien, um jede einzelne Vorstellung wertvoller machen zu können. Wir haben doch in Berlin in gewisser Weise "Opern-Sozialismus". Mit Ausnahme der Staatsoper Unter den Linden, wo die Preise zum Teil sehr hoch sind und die Vorstellungen trotzdem viel besser ausgelastet, haben wir ja niedrige Preise, viele Vergünstigungen und trotzdem keine hohen Auslastungen.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum nicht die Deutsche Oper einfach aufgeben?

Schindhelm: Die Deutsche Oper hat auf Grund ihrer Infrastruktur ein modernes Opernhaus mit großen technischen Möglichkeiten, zum Beispiel, um die Bühne herum auch andere Bühnenbilder aufzubauen, so wie viele große Opernhäuser in Westeuropa. Das geht in keinem anderen Betrieb in Berlin, es wäre eine Sünde, dies einfach aufzugeben. Eine Schließung würde außerdem eine Schieflage innerhalb der städtischen Kultur insgesamt bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Sind wir da nicht bei einem Kernproblem der Berliner Kulturpolitik – beim ständigen Verrechnen von Ost und West?

Schindhelm: In der Tat, ich hätte diese Art der Ost-West-Vorhaltungen nicht mehr für möglich gehalten. Allein die Tatsache, dass ich mein Büro Unter den Linden bezogen habe, also im Ostteil der Stadt, hat mich in den Augen vieler, die im Westen zum Kulturbetrieb gehören, zu einem gestempelt, der jetzt mit den anderen Ossis daran arbeitet, die Deutsche Oper abzuwürgen. Dabei muss es im Interesse der Deutschen Oper sein, sich zu reformieren.

SPIEGEL ONLINE: Es ist aus der Sicht der Westler nur der getarnte Vergeltungsschlag für die Abwicklung im Osten?

Schindhelm: Es gibt die Erwartung: Wer aus der DDR kommt, hat eine skeptische Haltung gegenüber dem Westen. Es begegnen mir aber nach wie vor genauso viele Leute im Osten, die sich im Wettbewerb mit ihren Nachbarn darum befinden, wer dem anderen die größten Leiden zugefügt und wer die größten Opfer gebracht hat. Das ist unser spezifischer DDR-Beitrag zur Misere der deutschen Innerlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sind in Berlin die Westler die Verlierer der Einheit?

Schindhelm: Kein Zweifel. Nehmen Sie das Rathaus Schöneberg: Es ist – auch für mich – die Ikone der Freiheit. Ich habe jahrelang in seiner Nähe gewohnt und bin oft sonntags extra dort vorbeigegangen, wenn die berühmte Freiheitsglocke geläutet hat. Eine der Uhren am Schöneberger Rathaus steht übrigens schon seit Monaten auf kurz nach zwölf. Das sage ich nicht nur als Anekdote, sondern es beschreibt, wie ein solches Symbol in Vergessenheit geraten ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie treffen sich regelmäßig mit Ihrer langjährigen Bekannten Angela Merkel, mit der Sie einst zusammen bei der Akademie der Wissenschaften gearbeitet haben. Herrscht da noch so ein ostdeutsches Wir-Gefühl, wenn man zusammensitzt?

Schindhelm: Es gibt eine gewisse Kameradschaft. Sie hat viel mit persönlicher Sympathie zu tun, mit den Erfahrungen bei Reformen, übrigens auch mit der Bereitschaft, ein romantisches Verhältnis zur Realität zu bewahren. Das gilt meiner Meinung nach auch für die Bundeskanzlerin, die im übrigen gerne den Erzromantiker Wagner hört. Wer so ernsthaft Politik betreibt und sich den Dingen so aussetzt wie sie, wer unter solchen Umständen Bundeskanzlerin wird wie sie, der kann das alles ohne Romantik gar nicht.

Das Interview führten Stefan Berg und Joachim Kronsbein.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.