Operntalent Anna Prohaska Oper frei Schnauze

Klassik kann aufregend und sexy sein - das beweist eine junge Sopranistin, die in ihrer Freizeit am liebsten Metal hört. Nun eröffnet Anna Prohaska die Salzburger Festspiele.

dapd

Von Laura Hamdorf


Die Klischee-Opernsängerin ist eine füllige Mittfünfzigerin, die hölzern über die Bühne stolziert und sich bemüht, ihrer Rolle - gerne ein blutjunges Unschuldslamm - gerecht zu werden. Bei so viel Künstlichkeit nehmen zwei Dinge Schaden: die Authentizität und das Durchschnittsalter des Publikums.

Einen ganz anderen Auftritt legt eine 28-Jährige mit wirren, schwarzen Locken auf der Opernbühne hin: Anna Prohaska schmachtet, strahlt, strotzt vor Kraft. Zu Schuberts melancholischem Lied "Des Fischers Liebesglück" aus ihrem Debütalbum "Sirène" gibt es ein Video bei YouTube, in dem sie ihren Partnerdarsteller küsst - hemmungslos und leidenschaftlich. Privat hört sie russischen Folk-Metal, und sie verkündet trotzig: "Ich singe so, wie mir die Schnauze gewachsen ist."

Am 28. Juli eröffnet Prohaska nun die Salzburger Festspiele. In Alban Bergs "Lulu"-Suite peitscht sie, unterstützt von den Wiener Philharmonikern, ihren Koloratursopran durch die atonale Harmonik. Mit schriller Kopfstimme wird sie zur Furie, im nächsten Moment klingt sie schmeichelnd, färbt sich warm in tieferer Lage. Nicht ohne ein listiges Lächeln im Gesicht. Sie singt nicht einfach Lulu, sondern sie wird zur Lulu, zur männermordenden Egozentrikerin.

Ebenfalls zu sehen ist Prohaska in Mozarts Oper "Così fan tutte", darin spielt sie das Hausmädchen Despina. Eine Rolle, die wiederum sehr viel schauspielerischen Einsatz zulässt: Despina hält alle zum Narren, manipuliert und ermuntert die Welt zur Sorglosigkeit.

Jeans statt Geburtstagskuchen-Kleid

Anna Prohaska ist davon überzeugt, dass Oper dem Schauspiel viel näher ist, als viele glauben: "Schauspielerei ist in der Oper ebenso wichtig wie Gesang. Mir hilft das Spielen besonders in technisch schwierig zu singenden Partien, weil es mich ablenkt und alles plötzlich besser funktioniert."

Mit der klassischen Operndiva hat sie nur eines gemeinsam: Sie genießt es, manchmal professionell frisiert zu werden. "Aber zu viel Make-up und Geburtstagskuchen-Kleid - das bin ich nicht. Ich bin weder perfektionistisch in der Wahl meines Bühnenoutfits noch verbringe ich viel Zeit mit privatem Styling", sagt sie. Am liebsten trägt sie Jeans.

Im Mai ist ihr Debütalbum "Sirène" erschienen. Eine Reihe von Sopranliedern, die davon handeln, wie Meerjungfrauen Männer betören und vom Weg abbringen. Darin zeigt Prohaska stimmliche Facetten, die lasziv, mädchenhaft und energisch sind. Sie beweist, dass Klassik sexy ist - findet mit dieser Ansicht aber nicht ausschließlich Anklang: "Das Albumcover wurde schon als 'softpornografisch' bezeichnet. Dabei geht es in der Werbung viel schlimmer zu. Auf der CD geht es um Meerjungfrauen, da kann ich keinen Kartoffelsack tragen." Das Foto zeigt sie in einem langen Seidenkleid, mit Rehblick und zerwühlter Lockenmähne - ein Hauch unschuldiger Erotik, zweifellos. Aber das passt auch zur Thematik der Lieder.

Hang zu Rollen mit Dickkopf

Nach Abschluss ihres Studiums an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin hat sie bereits in allen drei Berliner Opernensembles gesungen - derzeit ist sie fest an der Staatsoper engagiert. Für ihr geringes Alter kann sie deshalb schon ein beträchtliches Maß an Opernerfahrung vorweisen. Seit ihrem Debüt an der Komischen Oper im Jahr 2002 manövriert sie sich durch den Rollen-Dschungel: von der energischen Zofe Blonde aus Mozarts "Entführung aus dem Serail" bis zur eitlen Poppea in Händels "Agrippina" - sie bevorzugt starke, charaktervolle Figuren.

"Bisher hatte ich großes Glück mit meinen Rollen. Es würde mir schwer fallen, ein kleines Püppchen oder Kammerkätzchen zu spielen, das würde ich vermutlich automatisch ironisieren. Am liebsten spiele ich Rollen mit Bruch oder doppeltem Boden", sagt sie. Für die durchtriebene "Despina", die sie in Salzburg verkörpert, trifft das zu.

Aufgewachsen ist sie in Wien, schon damals hatte ihre Familie ein Ferienhaus in der Nähe von Salzburg, in das sie zu den Festspielen zurückkehrt. "Salzburg ist Familientradition", sagt sie. 1946 dirigierte ihr Großvater Felix Prohaska bei den Festspielen Mendelssohns Violinkonzert - und bekannte sich damit als einer der ersten Dirigenten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zum Werk eines jüdischen Komponisten.

Anna Prohaska setzt nun auch ein Zeichen. Sie will dem konservativen Salzburger Publikum beweisen, dass klassische Musik jugendlich und Oper authentisch sein darf.


Salzburger Festspiele. Eröffnung am 28.7. mit Werken von Alban Berg und Gustav Mahler. Premiere von Così fan tutte am 5. 8.



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Seite 1
Skalla-Grímr 16.07.2011
1. Äpfel-Birnen-Vergleich
---Zitat--- Die Klischee-Opernsängerin ist eine füllige Mittfünfzigerin, die hölzern über die Bühne stolziert und sich bemüht, ihrer Rolle - gerne ein blutjunges Unschuldslamm - gerecht zu werden. Bei so viel Künstlichkeit nehmen zwei Dinge Schaden: die Authentizität und das Durchschnittsalter des Publikums. Einen ganz anderen Auftritt legt eine 28-Jährige mit wirren, schwarzen Locken auf der Opernbühne hin: Anna Prohaska schmachtet, strahlt, strotzt vor Kraft. Zu Schuberts melancholischem Lied "Des Fischers Liebesglück" aus ihrem Debütalbum "Sirène" gibt es ein Video bei YouTube, in dem sie ihren Partnerdarsteller küsst - hemmungslos und leidenschaftlich. Privat hört sie russischen Folk-Metal, und sie verkündet trotzig: "Ich singe so, wie mir die Schnauze gewachsen ist." ---Zitatende--- Schade, dass für die Autorin Äußerlichkeiten bei der Musik so wichtig sind. Das benannte Klischee mit den "fülligen Mittfünfzigerinnen", die eine viel jüngere Figur darstellen sollen, liegt daran, dass bestimmte Partien (Brünnhilde, Isolde) für junge Sängerinnen, die in Partien wie Blonde, Despina oder mit Schubert-Liedern glänzen, leicht eine völlige Überforderung darstellen können und für dieses Alter meistens nicht empfohlen werden. Wenn Prohaska mit ihren knapp dreißig Jahren eine dramatische Wagner-Sopranpartie übernimmt, dann reden wir weiter. Bis dahin werden wohl noch die "fülligen Mittfünfzigerinnen" weiterhin gebraucht.
motormouth 16.07.2011
2. ...
*gähn* Wird jetzt versucht, die nächste künstlich hochzujazzen? Dasch und Netrebko bringen wohl kommerziell nicht mehr?
sicury 16.07.2011
3. selten
habe ich einen so oberflächlichen, an die hauspostillen und "gartenlaubenleserinnen" gemahnenden artikel gelesen, der sich bar jeglicher tieferer kenntnis zeigt. wie kann man eine junge stimme - die sich zu recht in den kreisen ihrer angemessenen rollen bewegt - auch nur in einem atemzug mit dem opernalltag stellen? wie mein vorgänger schon schrieb, einmal jetzt die "turandot" (hallo, ihr 50jährigen sängerinnen, wir reiben uns die hände) und das wars mit der stime für alle zeiten. nur weil sie jung, hübsch und schwarze haare hat ... mein gott, was für ein niveau!
Tysknaden 16.07.2011
4. Was ist daran neu?
Die Masche kennen wir doch von der Anna Netrebko. Insgesamt ist der Trend wie in der Popmusik: Das Gesicht auf dem Cover, das Image des Interpreten/ der Interpretin sind wichtiger als die sängerische Fähigkeit. Und auch diese grausigen Crossovers werden immer mehr.
Tuxeedo 16.07.2011
5. war mal
Zitat von Skalla-GrímrSchade, dass für die Autorin Äußerlichkeiten bei der Musik so wichtig sind. Das benannte Klischee mit den "fülligen Mittfünfzigerinnen", die eine viel jüngere Figur darstellen sollen, liegt daran, dass bestimmte Partien (Brünnhilde, Isolde) für junge Sängerinnen, die in Partien wie Blonde, Despina oder mit Schubert-Liedern glänzen, leicht eine völlige Überforderung darstellen können und für dieses Alter meistens nicht empfohlen werden. Wenn Prohaska mit ihren knapp dreißig Jahren eine dramatische Wagner-Sopranpartie übernimmt, dann reden wir weiter. Bis dahin werden wohl noch die "fülligen Mittfünfzigerinnen" weiterhin gebraucht.
Genauer gesagt - vollkommen jenseits ihrer Möglichkeiten liegen. Aus einer Despina wird nie eine Brünhilde, das sind komplett unterschiedliche Stimmfächer. Und was das Klischee angeht - stimmt, das sitzt zwar immer noch in vielen Köpfen, aber nur bei Leuten, die eher ahnungslos sind. Opernsängerinnen sind heute in der Regel selten dick, ich empfehle mal z.B. einen Blick auf Angela Denoke, die dürfte etwa in dem angesprochenen Alter sein, ist gertenschlank - und singt die ganz "dicken Brocken".
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