Komponist Walter Braunfels Im Angesicht des Todes

Walter Braunfels war lange Zeit vergessen. Schwer verständlich bei so machtvollen Opern und Orchesterliedern. Jetzt gibt es Neueinspielungen, die den Komponisten als eigenwilliges Genie feiern.

Candy Welz

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Dass man heute bei "Die Vögel" nicht mehr ausschließlich an Daphne du Maurier und Alfred Hitchcock denkt, ist das Verdienst von musikalischen Schatzgräbern, die sich seit Ende des vorigen Jahrhunderts um das musikalische Schaffen von Walter Braunfels (1882-1954) kümmern. Seine bunt schillernde Oper um die gefiederten Tiere nach der antiken Komödie von Aristophanes schrieb Braunfels schon 1920, und sie war nach der Uraufführung unter dem Dirigat von Bruno Walter in München ein großer Erfolg für den Komponisten.

Seine filigrane, harmonisch einfallsreiche Musik wurde mit Richard Strauss verglichen, sein Schaffensdrang in Gestalt von Orchesterwerken, Konzerten und Kammermusik etablierte ihn anschließend als feste Größe im deutschen Musikleben der Zwanzigerjahre. Mit der Machtübernahme der Nazis verschwand Walter Braunfels (er war jüdischer Herkunft) wie so viele Künstler aus der Öffentlichkeit, seine Musik durfte nicht mehr aufgeführt werden.

Braunfels blieb in Deutschland, komponierte weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er rehabilitiert, Konrad Adenauer persönlich trug ihm die Gründung und Leitung der Kölner Musikhochschule an, doch Braunfels' Musik fand kein Publikum mehr. In Zeiten des Aufbruchs in Elektronik, Atonalität und Serialität hatte seine schimmernden Harmonien keinen Platz. Er galt als hoffnungslos altmodisch.

Nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Mode

1996 schien sich das Blatt zu wenden, als auf Decca erstmalig eine Gesamtaufnahme von "Die Vögel" erschien, Lothar Zagrosek dirigierte das Deutsche Symphonieorchester Berlin. Direkt aus Walter Braunfels' Arbeit an dieser Oper stammen einige Orchesterlieder, die er unter dem Eindruck von Gustav Mahler ("Das Lied von der Erde") geschrieben hatte, die aber in der Oper keinen Platz fanden.

Traumatisiert von der Gewalt und dem Sterben, das Braunfels als Soldat im Ersten Weltkrieg erleben musste, erweiterte Braunfels seine Skizzen. Zur direkt aus der Aristophanes-Oper entsprungenen "Nachtigall" fügte er melancholische Stücke wie "Auf ein Soldatengrab" nach einem Gedicht von Hermann Hesse hinzu. Die Inhalte und Melodien sprengten, das war Braunfels klar, den intimen Rahmen des klassischen Liedgesanges, er wollte die Wirkung des großen Orchesters.

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An vielen Stellen blitzt eine Beziehung zu Richard Strauss' "Vier letzte Lieder" auf, in denen es ja ebenfalls um Tod und Vergänglichkeit geht. Braunfels arbeitet mit fülligem Klang, doch immer wieder stellt er den Ensemble-Breitseiten überraschende Momente von kammermusikalischer Intimität gegenüber.

Die rumänische Sopranistin Valentina Farcas, international bühnenerfahren im Opern- und Konzertbereich, erspürt mit blitzender Koloratur die Struktur des "Prolog der Nachtigall", eines der beiden Lieder, die in "Die Vögel" keinen Platz mehr fanden, aber es auf jeden Fall wert waren, in dieser besonders gestalten Form erhalten zu bleiben.

Das Pendant, den "Abschied vom Walde", lässt Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt als kräftigen Gegensatz aufscheinen. Sein lyrisches, seidenweiches Timbre harmoniert mit Text und Orchestrierung, die Braunfels als Meister des effizienten, nie zu breit auftrumpfenden Arrangements ausweisen. Die "Zwei Hölderlin-Gesänge" und der Hesse-Text "Auf ein Soldatengrab" finden mit dem ebenfalls Wagner-erfahrenen Bariton Michael Volle einen empfindungsstarken Interpreten, dem es gelingt, Braunfels' Betroffenheit und Trauer in Szene zu setzen.

Beide Wagner-Recken werden sich 2017 bei den Bayreuther Festspielen wiedertreffen, wenn sie in der neuen Barry-Kosky-Inszenierung von "Die Meistersinger von Nürnberg" den Stolzing (Vogt) und den Hans Sachs (Volle) singen.

Hansjörg Albrecht beweist als Dirigent der Staatskapelle Weimar wiederum sein Händchen fürs Außergewöhnliche. So einfühlsam wie er die fast vergessene Musik des Komponisten Hans Rott entfaltete, so sorgsam geht er mit den Braunfels-Partituren um. Er hat dann zum Schluss auch noch seinen Spaß mit den abgründigen Variationen auf die Mozart-Arie "Fin ch'han dal vino" (in Deutschland stets als "Champagnerarie" benannt).

Die schönste Nachricht zum Schluss: Eine zweite Folge der "Orchesterlieder" von Braunfels ist bereits eingespielt, diesmal unter anderem mit der fabelhaften Camilla Nyland und dem Konzerthausorchester Berlin.

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  • Hansjörg Albrecht (Dirigent), Walter Braunfels (Komponist):
    Orchesterlieder (Vol. 1)

    Künstler: Valentina Farcas, Klaus Florian Vogt, Michael Volle, Staatskapelle Weimar

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