Jazz-Revolutionär Ornette Coleman Freie Völkermusik

Der Saxofonist Ornette Coleman ist tot. Ausgerechnet der Pionier des Free Jazz bewies, dass diese Gattung zwar angenehm komplex, aber auch sanft und direkt sein kann.

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Von Tobi Müller


Er sprach ja so leise. Zwar prägte er 1960 den Begriff einer lauten Gattung mit einem einzigen Album: "Free Jazz - A Collective Improvisation". Gleich zwei Quartette spielten, gleichzeitig. Aber der 1930 in Fort Worth, Texas, geborene und nun gestorbene Saxofonist war kein Kraftmeier.

Ausgerechnet Ornette Coleman, der dem Jazz die Fesseln gesprengt hatte, flüsterte fast im Gespräch. Damit entsprach er nicht dem Bild des musikalischen Freiheitskämpfers, der die Sechzigerjahre überlebte und 2007 einen Grammy für sein Lebenswerk erhielt. Ein Jahr zuvor traf ich Coleman vor einem Konzert um 1 Uhr in der Früh. Seine Eröffnung: "Wann haben Sie zum letzten Mal geweint, Mister?" Zwei Stunden später hätte ich gesagt: "Nach Ihrer Show, Sir."

Wenn man Coleman in diesen Tagen noch mal besonders gut zuhört, findet man den sanften Mann aus dem Süden auch in der Musik wieder. In den Titelmelodien der frühen Phase, die er mit dem Trompeter Don Cherry so spielt, wie man eine Partnerschaft führen möchte: nie deckungsgleich, aber in magnetischer Distanz, immer tänzelnd.

Kein Herz schlägt gleich

Und in den letzten Jahrzehnten, als längst mehrere Bässe oder auch Schlagzeuge auf der Bühne stehen, weitet sich das Prinzip der unneurotischen, aber verbindlichen Liebe auf die ganze Band. Alle spielen für sich, aber niemand allein. Die Ohren bleiben offen. Sie hören mehrere Basslinien. Mehrere Pulse, kein Herz schlägt gleich. Und immer dieser Ton Colemans: traurig im Calypso, vorwärtschauend in der Ballade. Meistens beides. Als würde er nicht nur stehen, sondern gehen. Wie er es gelernt hatte, als er als junger Musiker Rhythm and Blues spielte und während der Solos um die Bar herum gehen musste.

Vielleicht ist es nun für kurze Zeit möglich, das Klischee des Free Jazz als Katzenmusik ruhen zu lassen. John Coltrane, der große Tenorist der Jazzgeschichte, durschritt die Harmonielehre des Jazz in rasendem Tempo, ja erlitt sie, um zu intergalaktischen Ufern vorzudringen. Für manche blieb das schwer verständlich. Coleman aber ging den umgekehrten Weg: Er orientierte sich am Blues und am Volkslied. Er ließ das Klavier weg, weil es ihn harmonisch einengte, und holte einen jungen weißen Bassisten, der zu Hause in der Familie Bluegrass gespielt hatte, den im letzten Jahr verstorbenen Charlie Haden.

Die Alben für Atlantic Records ab Ende der Fünzigerjahre sind bis heute faszinierend auch für viele, die ihr Leben nicht mit Jazz bestreiten. "The Shape of Jazz to Come" (1959) mit Don Cherry an der Trompete, Charlie Haden am Bass und Billy Higgins am Schlagzeug ist eins der Meisterwerke Colemans. Als der Mainstream Jazz die harmonische Verfeinerung immer weiter führte und die Avantgarde wie Miles, Coltrane oder Thelonious Monk die abstrakte Moderne suchte, erfand Colemans Quartett einen amerikanischen Folk, der die Musik des Westens mit dem Jazz verband.

Star der New Yorker Boheme in Satinanzügen

Das Resultat: Jazz in den Weiten der Prärie. Jetzt war alles offen. "Change of the Century" hieß der Nachfolger, dann "This is Our Music", gefolgt von: "Free Jazz". Albumtitel wie Ausrufezeichen, die nicht lügen sollten. Die ersten zwei: "Something Else!!!" und "Tomorrow is the Question!". Fragen waren da, um beantwortet zu werden.

Es war John Lewis vom Modern Jazz Quartet, der Coleman an die große Plattenfirma Atlantic in New York City empfahl. Wenn jemand für Fahrstuhlmusik stand zu jener Zeit, dann das MJQ. Aber Easy Listening kann trügerisch sein, musikalische Eleganz verrät auch Gespür, Stil, Hipness, diese schwer zu definierenden Haltungen der Popkultur. Coleman wurde nach seinen Jahren in Los Angeles zu einem Star der New Yorker Boheme, man habe ihn oft in Satinanzügen gesehen, schreibt die New York Times.

Er lebte aber auch in Künsterlofts, die er in Kreativ- und inoffizielle Sozialzentren umbaute, in Soho und in der Lower East Side, als es da noch sehr ungemütlich war - und tatsächlich auch wurde. Wie die besten Hipster, hüllte auch Coleman viele seiner Äußerungen in eine Sprache, die zwischen Tief- und Schwachsinn bewusst nicht unterschied. Sein Harmoniesystem zum Beispiel nannte er jahrzehntelang "Harmolodics", um der Melodie die Berechtigung zurückzugeben, die im tonleiterntollen Jazz vergessen ging. Länger über Harmolodics zu reden, führt jedoch bald in esoterische Gebiete. Man sah den Meister dabei öfter lächeln. Oder?

Man kann sich Coleman von allen Seiten her nähern

Coleman ließ seinen Sohn Denardo im Alter von zehn Jahren am Schlagzeug mitspielen, verärgerte manche mit seinem schrecklichen Geigenspiel. Doch immer ging es dem Philosophen unter den Jazzern dabei, möglichst unakademische Musik zu machen. Free heißt Free, oder: stur in der Offenheit. Sie hat sich bezahlt gemacht, in den Nullerjahren spielte er nicht nur gute Konzerte, sondern erhielt neben dem Grammy fürs Lebenswerk auch noch den Pulitzerpreis für das Album "Sound Grammar".

Wie breit sein Einfluss bei Musikern war, zeigen zwei entgegengesetzte Fans: der Gitarrist Pat Metheny und der Altsaxofonist John Zorn. Der feine Metheny erholte sich von seiner Schmuseperfektion, indem er Colemans Nummern spielte und einmal mit ihm ein Album aufnahm ("Song X", 1986). Und der wilde Zorn kühlte sein Mütchen in einer wunderschönen Reihe mit dem Masada-Quartet, das deutlich an Colemans Bands der Atlantic-Zeit angelehnt war. Man kann sich Coleman von allen Seiten her nähern, und die besten tun es immer wieder.

Die ökonomische Seite sollte man nicht vergessen bei einem amerikanischem Meister. Ich fragte Coleman damals in Montreux, welche Rolle in den späten Fünfzigern die Produzenten gespielt haben, bei ihm also Nesuhi Ertegun, Jazz-Chef von Atlantic Records. Coleman, sehr leise: "Nesuhi suchte Wege, sein Vermögen zu vermehren. Ich will seine Leistung nicht schmälern. Er war gebildet genug, mit jenen zu arbeiten, die Gewinn versprachen. Ich war einer von denen." Herr Coleman, war Ertegun auch gebildet genug, Ihnen künstlerische Freiheit zu gewähren? Coleman:" So lange er das Beste rauskriegte: Ja."

Der Beste ist weg, das Beste bleibt auf Tonträger. Am Donnerstag, 11. Juni, ist Ornette Coleman in New York im Alter von 85 Jahren an Herzversagen gestorben.



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