Oscar-Gewinner The Swell Season Ganz tastend, ganz intim

In leisen Tönen von großen Gefühlen erzählen: Erst gewannen Markéta Irglová und Glen Hansard den Oscar, dann wurden sie ein Paar. Nun erscheint "Strict Joy", das neue Album ihrer Band The Swell Season. SPIEGEL ONLINE gaben die beiden ein Videointerview - und ein exklusives Akustikkonzert.

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Die Geschichte dieser Band ist märchenhaft. Deshalb muss sie auch so anfangen: Es war einmal ein irischer Sänger namens Glen Hansard. Mit seiner Band The Frames war er in seinem Heimatland fast so groß wie U2, aber dem Rest der Welt waren die Frames relativ egal. Doch es gab auch Ausnahmen, zum Beispiel diesen Mann, der in Tschechien Konzerte veranstaltete. Er lud die Frames ein, in seinem Land aufzutreten. Um sie willkommen zu heißen, gab er bei sich zu Hause eine Party. Dort feierte auch seine Tochter mit, Markéta Irglová, damals ein Mädchen von 13 Jahren.

Sie kannte und mochte die Musik der Frames, durch ihren Vater hatte sie Bob Dylan und Leonard Cohen schätzen gelernt und plauderte darüber mit dem Iren. "Glen bemerkte, dass ich auch Musik mache, weil ein Klavier im Haus stand. Er drängte mich, etwas zu spielen", erinnert sich Markéta Irglová heute. Es war Mendelssohns "Lied ohne Worte". Glen Hansard schwärmt: "Mich verblüffte, wie gut sie es spielte - und wie einfach und doch zutiefst schön es war."

Ein paar Jahre später hatten die beiden ein Album mit Liedern aufgenommen, auf die diese Beschreibung auch zutraf. "Es war das Leiseste, was ich je gemacht habe", sagt Glen Hansard. Das Album "The Swell Season" erschien 2006 in Irland - und ging völlig unter: "Wir verkauften im ersten Monat vielleicht 300 Exemplare; keine gute Zahl für einen Typen wie mich, der mit seiner Band üblicherweise um die 20.000 Stück verkaufte. Ich war ein bisschen verletzt. Aber weil ich die Platte mochte, nahm ich es hin. Ich sagte mir: Das Werk ist da, es wird überdauern." Markéta Irglová war sogar ganz glücklich damit, wie die Sache lief: "Ich finde es schön, auf eine bescheidene und leise Art zu existieren und nicht um Aufmerksamkeit zu heischen. Aber mir war schon klar, dass etwas Besonderes passieren müsse, damit diese Musik mehr Menschen erreicht."

Blumenverkäuferin und Straßenmusiker

Das Besondere kam, und es hieß "Once". Hansards ehemaliger Bandkollege John Carney drehte für magere 130.000 Euro in den Straßen von Dublin einen Film über einen irischen Straßenmusiker und eine eingewanderte Blumenverkäuferin, die sich über die Musik näherkommen, so nah, dass sie sich beinahe ineinander verlieben. Hansard und Irglová spielten die Hauptfiguren, weil der Regisseur zwei Musiker wollte, die halbwegs schauspielern können. Und der romantische Film, der zum Überraschungshit beim Sundance-Festival und an den Kinokassen wurde, wird getragen von den Songs, die die beiden ganz tastend, ganz intim darin singen. Das Soundtrack-Album wurde zum Charterfolg, und schließlich bekamen Glen Hansard und Markéta Irglová am 24. Februar 2008 den Oscar für den besten Originalsong für "Falling Slowly".

"An die Nacht der Oscars erinnern wir beide uns nur noch vage", sagt Glen Hansard. "Mein Hirn wurde ganz leer, als unsere Namen aufgerufen wurden, und wir zu diesem Podium gingen. Was ich aber noch weiß, ist, dass ich mich plötzlich ganz stark als Ire fühlte. Sonst hätte ich mich immer eher als Dubliner bezeichnet. Aber an diesem Abend war es, als hätte ich für mein Land das Siegtor bei der WM geschossen."

Markéta Irglová war plötzlich prominent: "Sie wurde auf der Straße mit Kameras verfolgt", erzählt ihr Bandkollege, "die Zeitungen schrieben 'Ist Markéta' schwanger?' und druckten ein Foto, auf dem sie ein Krankenhaus betrat." "Da gab es viel Blödsinn", sagt die Betroffene, "aber wenn man es nicht beachtet, hört es auch wieder auf. Wir werden uns nie als Prominente fühlen, sondern einfach weiter wir selbst sein. Wir sind in einer wunderbaren Lage."

"Schüchterner Vogel Muse"

Während sie "Once" in den USA bewarben, wurden Glen Hansard und Markéta Irglová vorübergehend das, was die von ihnen gespielten Figuren im Film nicht werden durften - ein Paar. "Jeden Tag zwölf Stunden reden, arbeiten, das war emotional sehr erschöpfend", erzählt Hansard, "danach braucht man jemand zum Anlehnen. Und die Person, die am besten verstand, was ich durchmachte, war direkt neben mir - und machte dasselbe durch." "Derart intensive Erfahrungen bringen zwei Menschen entweder näher zueinander oder lassen sie einander hassen - dazwischen gibt es nichts", glaubt Irglová. "Erst freundeten wir uns an. Dann verliebten wir uns. Und dann wurde aus unserer Liebe wieder Freundschaft - eine tiefere Freundschaft als zuvor", sagt Hansard, der froh ist, dass die beiden auch nach ihrer Trennung weiter Musik machen. "Ich glaube, als Freunde funktionieren wir besser", merkt Irglová trocken an.

So gibt es nun ein neues Album des Duos, das sich jetzt nach dem Titel des ersten gemeinsamen Albums The Swell Season nennt. "Strict Joy" heißt es, und es erzählt wieder in leisen Tönen von großen Gefühlen. Hansards Songs seien so "wahrhaftig", schwärmt Irglová, während er seiner Partnerin dafür dankbar ist, dass sie ihn eine neue Weltsicht gelehrt habe. "Sie wollte nie den Erfolg, sie wollte nicht Sängerin werden, sie wollte in keinem Film mitspielen", sagt er, "ich hingegen wollte immer alles. Und wenn man immer will, immer ehrgeizig ist, schwingt ein Hauch von Verzweiflung mit. Und Verzweiflung ist unmittelbar unattraktiv. Ich habe von Markéta gelernt: Die Dinge kommen von alleine. Die Muse ist ein schüchterner Vogel."

Tatsächlich hat Markéta Irglová eine ruhige, aber bestimmte Art an sich; eine Zurückhaltung, die man nicht mit Schüchternheit verwechseln sollte. Glen Hansard hingegen ist der Typ jovialer, redefreudiger Ire, der schon mal seine Späßchen macht, aber sich sofort entschuldigt, wenn er merkt, dass seine Kollegin nicht mitlacht. Zwei Menschen, die sehr aufeinander achten, bilden ein Duo, das mit seiner angenehm unaufgeregten Art selbst Authentizitätsskeptiker zu rühren vermag. Aber sehen Sie selbst - im Video von dem Akustikkonzert, das The Swell Season exklusiv für SPIEGEL ONLINE gaben.


The Swell Season: "Strict Joy" (Anti/Indigo)

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