Zum Tode von Paco de Lucía Der Freigeist des Flamenco

Die Konzerte von Paco de Lucía waren Hochämter des modernen Flamenco und auch nach Jahrzehnten noch revolutionär. Dabei war der Stargitarrist eigentlich Traditionalist - suchte aber unerlässlich nach Anknüpfungspunkten jenseits der Folklore.

Getty Images

Von Ralf Dombrowski


Man hatte sich daran gewöhnt, dass er einfach da war, als Autorität der Szene. Ein Mann, der es schaffte, mit wenigen Tönen das Publikum ganzer Philharmonien zum andächtigen Zuhören zu bewegen, weil er seiner Gitarre die Seele entlockte. Ein Künstler, dessen Musikalität und Spielkultur so jenseits der üblichen Maßstäbe rangierten, dass niemand ihm auch nur annähernd das Wasser reichen konnte. Zwar machte sich Paco de Lucía zunehmend rar, spielte am liebsten im Kreise seiner Familie, tollende Enkel um ihn herum. Doch wenn er sich auf die Reise begab, waren seine Konzerte Hochämter des modernen Flamenco, auch nach Jahrzehnten noch im Kern revolutionär, weil er nie aufgehört hatte, an der Formensprache seiner Musik zu feilen.

Dabei war Paco de Lucía genau genommen Traditionalist, tief verwurzelt in der musikalischen Überlieferung seiner andalusischen Heimat. Geboren 1947 als Francisco Sánchez Gómez in Algeciras in der Nähe von Gibraltar, wuchs er in einem musikalischen, aber armen Elternhaus auf. Sein Vater war Gitarrist, verdiente sein Geld bei Festen und Feiern im Umland.

Flamenco gehörte zum Alltag der Familie, manchmal spielten Freunde bis zum Morgengrauen im Hof der elterlichen Wohnung um die Wette. Paco de Lucía lernte autodidaktisch vom Gesang seiner Schwester, von der Musik seiner Brüder. Die Gitarre nahm er in die Hand, sobald er sie halten konnte, übte rund um die Uhr, vor allem von dem Tag an, als der Vater den Neunjährigen aus Geldnot aus der Schule nahm. Das Instrument wurde für ihn zur Hoffnung, zur Perspektive, und der Ehrgeiz trug bald Früchte.

Mit 14 Jahren war Paco de Lucía bereits gut genug, um einen Gitarrenwettbewerb in Jerez zu gewinnen. Und er hatte etwas, das die Menschen faszinierte. Er zog mit Tanzensembles durchs Land, und lernte schnell, im Stil von Meistern wie Ramón Montoya oder Niño Ricardo zu spielen. Er fand sich bald in Studios wieder, nahm Mitte der sechziger Jahre bereits Platten mit seinen Brüdern Ramón und Pepe auf, die ebenfalls Gitarristen waren. Gegen Ende des Jahrzehnts schließlich erfolgte der Ritterschlag der Szene, als ihn der berühmteste Flamenco-Sänger der damaligen Zeit, Camarón de la Isla, als Begleiter wählte.

Brückenschlag zum Jazz

Für manchen Kollegen wäre das bereits genug der Ehre gewesen. Doch Paco de Lucía machte weiter, experimentierte, suchte nach Anknüpfungspunkten jenseits der Folklore. Er gründete eine eigene Gruppe, schaffte es mit "Entre Dos Aguas" 1973 in die Hitparaden, einem Stück, das einen Hauch von Lateinamerika und eine Prise Pop mit ins bewährte Spiel brachte. Mehr und mehr öffnete Paco de Lucía den Flamenco für improvisierende und stilistisch verwandte Elemente aus dem mexikanischen, karibischen, nordafrikanischen Kulturraum.

Während er auf der einen Seite weiterhin mit Camarón und anderen Sängern der alten Schule wie Enrique Montoya, Antonio Mairena oder Fosforito arbeitete, wagte er sich gleichzeitig aus der Enge der Tradition hinaus. Sein Brückenschlag zum Jazz im Wettstreit mit den Kollegen John McLaughlin und Al Di Meola erwies sich als bahnbrechend. Das 1981 aufgenommene Album "Friday Night in San Francisco" machte ihn zum Superstar und sorgte gleichzeitig dafür, dass die Gitarrenkunst seiner Heimat im Bewusstsein einer großen Musiköffentlichkeit aus der Nische des Touristischen in die Sphäre der Kunst gehoben wurde.

Der Effekt war gewaltig. Denn was zunächst aus Neugier als persönliches Experiment begonnen hatte - die Ausweitungen des harmonischen Systems des Flamenco, die Veränderung der Instrumentierung etwa durch Bassgitarren und afrikanische Percussion in der Band, die Ergänzung der üblichen Tonskalen durch jazzige Intervalle - inspirierte eine junge Generation von Musikern. Paco de Lucías Popularität trug dazu bei, dass aus seiner Haltung eine Schule wurde, der bald Kollegen von Tomatito bis Gerardo Núñez folgten und sie souverän weiterführten. Flamenco wurde, ähnlich wie Tango, Salsa, Son populärer denn je, und sein Meister blieb Paco de Lucía, auch wenn nicht jeder Traditionalist darüber glücklich war, ausgerechnet einen Freigeist als Vater der Bewegung zu haben.

Allerdings hielt er sich seit den späten neunziger Jahren zunehmend zurück. Im Studio traf man ihn nur noch selten, Platten nannte er mit einem Augenzwinkern "Cositas Buenas" ("Nette Kleinigkeiten"). Statt um die Welt zu ziehen, blieb er lieber in seine Hacienda in Mexico und genoss das Leben nach dem Ruhm. Machte er sich dennoch auf den Weg, dann konnte er es nicht lassen, ein klein wenig weiter zu überraschen, indem er beispielsweise den Mundharmonikaspieler Antonio Serrano in seine Band nahm und die Tradition wieder um eine Klangnuance bereicherte. Als er Kind war, meinte Paco de Lucía einmal, habe man ihm gesagt, dass die Sprache des Flamencos aus zehn wichtigen Worten bestünde. Er habe jedoch nie eingesehen, warum es nicht tausend sein sollten. So hat er gespielt und gewirkt, ein Pionier, Skeptiker, Visionär, der die Musik seiner Väter dadurch erhalten hat, indem er sie vergrößerte.



insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bstendig 26.02.2014
1. Ein großer Verlust
Was für ein Künstler, es war immer ein Hochgenuss, ihn zu hören. Ruhe in Frieden, Paco de Lucia.
zappa99 26.02.2014
2. Nur wegen Paco habe ich Gitarre gespielt
vielen Dank dafür und für Deine Musik, die meine Seele noch immer berührt. Weis' schon, was ich heute abend hören werde.
beckmesser0815 26.02.2014
3. Und dann gab es 1983 noch
den Film "Carmen" von Carlos Saura , in dem Paco sich selbst spielt.
consultantm 26.02.2014
4. Er wird fehlen!
Paco war ein großartiger Instrumentalist. Noch imletzten Jahr habe ich ihn live erleben dürfen - und es war wie immer ein außerordentlicher Abend. Er spielte nicht nur selbst die Hauptrolle - er ließ auch die anderen Musiker sich entfalten und hatte kein Problem damit, dass sie neben ihm glänzten. Seine Ausflüge in den Jazz waren bahnbrechend. Paco wird mir sehr fehlen!
heschri 26.02.2014
5.
Mit Paco de Lucia ist einer der Großen seiner Generation gegangen. Sein musikalisches Genie wird noch lange erhalten bleiben. Ruhe in Frieden, Paco
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.