Wiederentdeckung von Paul Juon Der Stilzauberer

Von Salonmusik bis Spätromantik: Der Komponist Paul Juon verstand sich meisterhaft darauf, Musik unterschiedlicher Stilarten zu verbinden. Jetzt versammelt eine CD seine pointierten Kammermusik-Werke.

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Idylle, Liebeslied, Bizarrerie: Paul Juon spielte bei den Satzbezeichnungen zu seinen kleinen Kammermusikstücken gern mit Begriffen - eine Marotte, die ziemlich gut zu einem Komponisten passte, der auch musikalisch stets sorglos Stile durcheinanderwirbelte. Spätromantik, frühe Moderne, Salonmusik? Egal. Hauptsache, es überraschte und machte Spaß.

Den 1872 in Moskau geborenen Komponisten kennt hierzulande kaum jemand. An der Attraktivität und dem Melodienreichtum seiner Musik kann das kaum liegen. Jetzt erscheint endlich eine CD mit pointierten Kammermusik-Werken Juons. Der Pianist Benyamin Nuss und seine Violin-Kolleginnen Malwina Sosnowski und Rebekka Hartmann machen den Einstieg mit den "Silhouettes" und "Kleinen Tondichtungen" (Musiques Suisses) leicht. Beim Hören der CD wird klar, dass es Juon spielend gelang, selbst einer scheinbar verbrauchten Form wie dem Menuett ganz ohne ironische Verfremdung neue Farbe und eine melodische Frischekur zu verpassen. Nur knappe zwei Minuten benötigte er dafür. Überhaupt sind die meisten der Sätze und Kompositionen auf dem Album kurz gehalten wie Geistesblitze.

Frischekur fürs Menuett

Der souveräne Umgang mit der kleinen Form prägt jede der Miniaturen auf der neuen CD. Die "Pastorale" zu Beginn der "Sieben kleinen Tondichtungen" op. 81 schwingt mit weit angelegter Melodielinie aus. Das Werk von 1928 bewegt sich stilistisch im zeitgenössischen Umfeld, bezaubert aber stets durch kraftvolle Melodik und überraschende Wendungen, und immer wieder streut Juon ein naiv perlendes Tanzstück wie das "Impromptu: Giocoso" ein. Diese Tanzfreude zieht sich bis zur abschließenden "Burletta. Risoluto" durch den Parcours. Eben entschlossen zu unterhalten und sein Können zu zeigen.

Das ist sehr hörerfreundlich, weshalb gerade diese CD sich bestens für ein Kennenlernen eignet: Das Künstlerprofil wurde von den Interpreten clever designt, da überfordert nichts den Konsumenten. Das zeitgenössische Kritikerzitat "Das fehlende Glied zwischen Tschaikowsky und Strawinsky", das die Paul-Joun-Gesellschaft über ihrer Homepage prangen lässt, wirkt für den Hörer bei dieser Zusammenstellung geradezu irreführend, da auf der CD vor allem die leichtfüßige, pure Freude regiert.

Ein Pianist spielt Game-Musik

Mit 17 Jahren bereits am Moskauer Konservatorium, studierte Juon dort Violine bei Jan Hrimaly und Komposition bei Sergej Tanejew. Seine Kompositionen gewannen bald Preise, er schrieb als Journalist auch Kritiken und ging 1898 nach Berlin. Dort verfasste er theoretische Schriften über Harmonielehre, übersetzte einschlägige Werke ins Deutsche. 1906 holte ihn Joseph Joachim zu einer langjährigen Professur für Komposition an die Berliner Hochschule für Musik.

Paul Juon vereinigte also in bestem Sinne intellektuelle Reflexion und kreative Produktion - er komponierte stets eine Menge verschiedenartigster Werke. Auch für moderne Produktionstechniken war er offen: Bereits 1930 erschien eine Schallplatte mit einer Aufnahme seiner Kammersinfonie op. 27 in England. Dass er seine Laufbahn gerade in der freiheitlichen Schweiz, in Vevey, beendete, passt ebenso zu ihm. Nach seinem Tod 1940 gab es in Deutschland und der Schweiz mehrere Gedenkkonzerte für ihn. Paul Juon starb nach Jahren auf musikalischer Wanderschaft als angesehener, erfolgreicher Musiker.

Mit Rebekka Hartmann, Malwina Sosnowski und Benyamin Nuss findet Juons Musik engagierte Interpreten, die sowohl den leichten Ton wie den bissigen, kraftvollen Kern der Musik aufspüren und hörbar machen können. Rebekka Hartmann, 1981 in München geboren, spielt ein vielseitiges Repertoire, mit dem sie international gefragt und erfolgreich ist. Mit ihrer Stradivari von 1675 widmet sie sich oft und gern Ersteinspielungen unbekannter Werke.

Malwina Sosnsowki stammt aus der Schweiz, studierte in Philadelphia am Curtis Institute of Music und widmete sich hauptsächlich der Kammermusik. Mit Ensembles in Europa und Nord- und Südamerika erspielte sie sich einen exzellenten künstlerischen Ruf, der sich in vielen internationalen Preisen und Auszeichnungen widerspiegelt. Der deutsche Pianist Benyamin Nuss, Schüler von Anatol Ugorski und Ragna Schirmer, pflegt ein sehr eigenwilliges Repertoire und interpretierte auf CD bereits unter anderem die Werke des japanischen Videogame-Komponisten Nobuo Uematsu (2010) - auch Nuss ist also ein Stil-Abenteurer, bei dem die Werke von Paul Juon folglich in beste Hände gelangt sind.

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  • Komponist: Paul Juon
    Silhouettes op. 9 und op. 43

    Sieben kleine Tondichtungen op. 81

    Interpreten: Malwina Sosnowski (Violine), Rebekka Hartmann (Violine), Benyamin Nuss (Klavier)

    MGB/Grammo, CD 6284 (Musiques Suisses); 15,85 Euro.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
io_gbg 09.08.2015
1.
Na ja, so unbekannt ist Juon nun auch wieder nicht. Es gibt da z. B. Musik, die immer mal wieder von Schul-Orchestern gespielt wird. Insofern dürfte der Name bei manchem ehemaligen Schüler aufhorchen lassen. Richtig ist natürlich, dass Juons Werke nicht im Konzertleben bis dato sonst kaum eine Rolle spielen.
rk19 09.08.2015
2. Reichsmusiktage 1938
Leider fehlt in dieser Huldigung an Juon ein Hinweis auf die begeisterte Rezeption von der Rhapsodischen Sinfonie bei den Reichsmusiktagen 1938 sowohl als auf die Tatsache, dass PJ keinen Widerstand gegen die Entfernung Schönbergs 1933 aus Berlin leistete...
betschpoly 10.08.2015
3. Juon war Schweizer Abstammung
Dass Juon sein Leben in der Schweiz beendete, war kein Zufall. Sein Großvater war aus der Schweiz nach Russland ausgewandert. Weder mit den Kommunisten (im Gegensatz zu seinem Bruder, dem Maler Konstantin Juon) noch mit den Nazis konnte er viel anfangen, weshalb er nach 1917 nicht nach Russland zurückkehrte und 1934 Deutschland Richtung Schweiz verließ.
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