Das 20. Jahrhundert hat die Popmusik hervorgebracht, und die Beatles waren daran, neben Abba, essentiell beteiligt. Aber das 20. Jahrhundert ist seit zwölf Jahren vorbei, so vehement sich Retro-Fetischisten auf Musiker- wie auf Konsumentenseite auch dagegen sträuben mögen.
Einer der Beatles, dieser manchmal überglorifizierten Pop-Erfinder, wird an diesem Montag 70 Jahre alt: Paul McCartney, Bassist und Songschreiber, immer noch als Musiker aktiv, neben Drummer Ringo Starr der letzte Überlebende der Fab Four, von der Queen zum Sir ernannt. Ein Rock'n'Roller war der brave Paul nie, man könnte ihn eher als den Bieder-Beatle bezeichnen, aber das wäre nicht nett, immerhin hat der Mann Geburtstag.
Das dachte sich wohl auch dessen jüngerer Kollege Paul Weller, im Gegensatz zum anderen Paul ein waschechter Rocker mit sehr viel Attitüde, und brachte McCartney ein Ständchen, das am Montag in Großbritannien via iTunes und Amazon veröffentlicht wurde: "Birthday" ist eine Coverversion des gleichnamigen Beatles-Songs vom sogenannten "White Album", das 1968 erschien. Die Erlöse gehen an die Wohltätigkeitsorganisation War Child. Weller, selbst vor wenigen Wochen 54 Jahre alt geworden, nannte seinen Namensvetter in einer offiziellen Mitteilung einen "immensen und dauerhaften Einfluss. Es waren er und seine drei Freunde, die mich dazu brachten, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Rock on Macca!"
Schmutziges, reaktionäres kleines Ding
Dagegen ist erst mal nicht viel zu sagen. Der Arbeiterklassen-Sohn Weller, inspiriert von den Beatles, aber auch von den ruppigeren The Who und dem Soul-Rock der Small Faces, gründete Ende der Siebziger die politisch engagierte Rockband The Jam und befeuerte ein Revival der Mod-Bewegung. Heute wird er in der britischen Szene liebevoll als "Dadrocker" oder als "Modfather", auf jeden Fall aber als Pate des Britpops der Neunziger verehrt. So funktionierte Pop- und Rockmusik bisher: Sie wird wiedergekäut und verdaut sich in einem ständigen Erneuerungsprozess immer wieder selbst.
Doch diese große Erneuerungsmaschine ist zu Beginn des neuen Jahrtausends auf rätselhafte Weise zum Stillstand gekommen. Der alte Kram fängt also langsam an zu gären. Und dazu passt, dass Wellers "Birthday"-Version leider alles andere als "mod", also modernistisch geworden ist. So nett und aufrichtig die Geste sein mag: Bieder brät und bollert der Gratulant mit seiner Band durch die altgediente Nummer - und ersetzt die im Original tonangebende Gitarre sogar durch ein trendiges, dadurch aber nicht weniger widerliches Saxofon.
Hört man sich die Ur-Version von 1968 noch einmal an, klingt selbst der alte Gassenhauer wilder, schräger und frischer als Wellers uninspiriert runtergerockte Nummer. Und dabei muss man auch noch im Kopf behalten, dass "Birthday" auf dem ansonsten radikalen, düsteren "White Album" die absolute Ausnahme bildete - ein Rücksturz in den Good Old Rock'n'Roll, von Chef-Nostalgiker McCartney schnell während einer Studio-Session zusammengehauen. John Lennon, der 50 Prozent der Songwriter-Credits an "Birthday" erhielt, nannte den Song einmal ironisch "a piece of garbage", ein Stück Dreck.
Ausgerechnet dieses schmutzige, reaktionäre kleine Ding präsentiert einer der großen Rock-Impresarios des 20. Jahrhunderts nun einem, der 20 Jahre vor ihm die Rockmusik revolutionierte: Mehr retro, mehr Rückwärtsgewandtheit geht nicht. Mittfünfziger gratulieren Siebzigjährigen mit Großvaters Rock'n'Roll zum Geburtstag. Yeah, yeah, yeah mag man dazu nun wirklich nicht mehr rufen. Schon eher: Thank you for the music. But now let's move on.
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