Paul Potts in Deutschland Das verpuffte Sternchen

Vom Handyverkäufer zum Klassikstar: Paul Potts' Karriere rührte Millionen - doch sie wird bald zu Ende gehen. Auf seiner Welttournee, die ihn jetzt nach Deutschland führt, bleibt vom Laientenor und Medienphänomen nur ein Häuflein Elend.

Von Jenny Hoch


Es ist ein nasskalter Abend, als der Messias endlich nach Hamburg kommt. Im richtigen Moment, denn die Krisenstimmung hat an diesem Tag einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Die Finanzkrise, melden die Zeitungen, sei nun endgültig in Deutschland angekommen. Dunkle Zeiten stünden bevor, Fabriken würden stillstehen, es müsse bald an allen Ecken und Enden gespart werden. Immerhin, wenigstens das Benzin ist gerade wieder billiger geworden, und so stauen sich Hunderte Pkw in langen Schlangen vor der Color-Line-Arena. Die Halle ist fast ausverkauft, die Menschen haben tief in ihre schmalen Geldbörsen gegriffen, um ihn zu sehen.

Als er dann leibhaftig vor ihnen steht, klein, rundlich und noch pausbäckiger als zu Beginn seiner Karriere, da können sie nicht anders, als ihm zuzujubeln. Schließlich hat er erreicht, wovon alle träumen: Er verdient viel Geld, Millionen womöglich. Füllt Konzerthallen auf der ganzen Welt. Rührt Zuhörer zu Tränen - und das alles dank seines liebsten Hobbys, des Singens.

Der Messias der Saison 2007/2008 hat einen Namen: Paul Potts.

Wer noch nie von ihm gehört hat, besitzt entweder keinen Fernseher und keinen Computer - oder keinen Sinn für moderne Märchen. Denn der 37-jährige Laientenor aus Großbritannien verkörpert so gut wie derzeit kein anderer die erhebende Botschaft: Du kannst es schaffen; nutze deine Talente, auch wenn sonst alles gegen dich spricht!

Seine Geschichte ist Legende, millionenfach im Internet verbreitet und weitergetragen, kommentiert und reflektiert von Journalisten, deren Artikel stets Überschriften haben wie "Der Gänsehautmann", "Tenor der Herzen" oder "Potts Blitz". Sie geht so: Im Juni 2007 präsentierte sich Potts schüchtern und im schlecht sitzenden 35-Pfund-Anzug der skeptischen Jury von "Britain's Got Talent", dem englischen Pendant zu "Das Supertalent". Als er ankündigt, er wolle eine Arie aus Giacomo Puccinis Oper "Turandot" singen, verdrehen die Juroren die Augen. Doch als er den Mund mit den schiefen Zähnen öffnet und mit Inbrunst "Nessun dorma" schmettert, ist es um ihre Contenance geschehen. Teenies kreischen vor Begeisterung, Männer wie Frauen wischen sich verstohlen Tränen aus den Augenwinkeln.

Von diesem Augenblick an wurde das Phänomen Paul Potts in die präzise mahlende Medienmaschinerie eingespeist. Ab sofort wurde nichts mehr dem Zufall überlassen.

Das Produkt "singender Underdog" wurde mundgerecht zugeschnitten, mit einem entsprechenden Image ausgestattet und dem weltweiten Massenpublikum zum Fraß vorgeworfen. Aus seiner offiziellen Biografie getilgt wurden dabei lästige Details, die nicht zum Bild eines Verlierers passen, der jetzt groß rauskommt. Zum Beispiel die Tatsache, dass Potts einen Doktortitel in Philosophie besitzt, also wenn schon nicht finanziell, so doch intellektuell eine Nummer ist.

Potts wurde einer lückenlosen Verwertungskette zugeführt. Der Konzern Sony BMG produzierte mit ihm das Album "One Chance", ein Potpourri aus seichten Popsongs und klassischen Arien, das fast überall in Europa auf Platz eins der Charts schoss. Die Telekom machte seinen Talentshow-Auftritt zum Werbespot. Mit einem Orchester durfte er auf Welttournee.

Und kommt an diesem Sonntagabend nun in Hamburg an.

Potts hat seinen Billiganzug gegen ein gut sitzendes teures Modell eingetauscht, doch er wirkt noch immer wie ein verschüchterter Pinguin. Er watschelt etwas verlegen zum Mikrofon und fängt ohne ein weiteres Wort an zu singen.

Später wird er noch ein paar Anekdoten aus seinem früheren Leben als mittelloser Handyverkäufer und Supermarkt-Regalauffüller zum Besten geben, als er noch mit Schulden und Krankheiten (Tumor, Verletzungen) zu kämpfen hatte. Er wird erzählen, wie er seine Frau im Internet kennengelernt hat, er wird ihr zwei Lieder widmen. Er wird sich bescheiden und demütig beim Publikum dafür bedanken, dass es keine Kosten gescheut hat, um heute Abend hier bei ihm zu sein: "Das werde ich Ihnen niemals vergessen."

Der Mann hat seine Lektion gelernt.

Die Akustik ist lausig, das Programm mit Nummern wie "O Sole Mio", "Time to Say Goodbye" und dem unvermeidlichen "Nessun dorma" (als Zugabe) so etwas wie der allerkleinste gemeinsame Klassik-Nenner.

Als "Special Guest" bittet Potts dann eine junge, hübsch anzusehende Nachwuchssängerin aus Neuseeland auf die Bühne, die mit ein paar belanglosen Songs Zeit schinden muss.

Das war's. Kollektive Gänsehaut zur Vor-Vorweihnachtszeit? Von wegen. Auch kein Trost spendendes Moment für die verunsicherte untere Mittelschicht, aus der das Publikum größtenteils besteht, das ihn als Erlöser feiert.

Keine große Oper für den kleinen Mann. Nur ein paar mittelmäßige Gesangseinlagen, die in der riesigen Halle verpuffen.

Es ist ein Häuflein Elend, das von einem Medienphänomen übrigbleibt, wenn es durch eigene Kraft bestehen soll, ohne künstlich aufgepumpte Bilder und Legenden. Ein sinkender Stern, der von Musikmanagern noch schnell durch die Arenen dieser Welt getrieben wird, bevor er in der sauerstoffarmen Atmosphäre öffentlichen Desinteresses verglüht.



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