Ich hätte es ja vorher wissen können. Mein Chef sagt, ich soll bloß keinen nostalgischen Artikel schreiben, am liebsten hätte er eigentlich gar keinen, ich hab's gleich gehört an seinem Schnauben durchs Telefon, als ich ihm vorgeschlagen habe, mir das Konzert von Paul Simon in Berlin anzusehen. Paul Simon? Warum? Wen interessiert der noch? Naja, aber viel Spaß.
Allgemeines Unverständnis auch in der Familie und im Bekanntenkreis. Meine Frau schlägt die Einladung, mich zu begleiten, kurzerhand aus: Paul Simon, naja, dessen Musik könne man ja möglicherweise mal im Radio hören, ohne gleich den Sender zu wechseln, aber tanzen könne man unmöglich dazu, aber wenn sie schon auf ein Konzert gehe, dann wolle sie tanzen. Aber viel Spaß.
Leider, keine Zeit. Aber viel Spaß!
Letzter Versuch dann bei einem alten Bekannten, zufällig einer der führenden Musikjournalisten des Landes, ob er nicht Lust hätte, mit mir zur Zitadelle nach Spandau zu kommen. Paul Simon? Alter, den hat man ja nicht alle Tage in Berlin, er könne darüber doch sicher einen Text schreiben und verkaufen? Verkaufen? Er schnaubt nicht nur, er kichert geradezu, nein, unmöglich zu verkaufen sowas.
Na gut, sage ich, aber wäre doch trotzdem ein schöner Abend, Still Crazy After All These Years, weißt Du was, ich lade Dich ein! Siebzig Euro immerhin kostet so eine Karte, aber das wäre es mir wert, Old Friend! Jetzt will ich es wissen. Er sagt zu, wahrscheinlich eher aus Höflichkeit, am Tag des Konzerts kommt dann eine Mail, ich solle mir keine Umstände machen, er habe viel zu tun, leider, er könne nicht kommen. Aber viel Spaß.
Viel Spaß, na gut, den kann man auch alleine haben. Ich bin wild entschlossen dazu. Es ist ein wunderbarer warmer Sommerabend in Berlin, die Zitadelle Spandau ist ein stimmungsvoller Ort, eine Festung auf einer kleinen Insel. Leider nicht viele Parkplätze, bin spät dran, da fährt einer raus, ich stelle mich an, blinke, will einparken, da stößt ein dunkler SUV vor mir in die Lücke, Frechheit, der hat mich doch gesehen. I don't expect to be treated like a fool no more. Es steigt ein gutsituiertes Paar aus, anlassgemäß in Wildlederjacken gehüllt, meine Beschimpfungen ignorieren sie. Maybe I'm a dog who's lost its bite.
Wäre da nicht dieser Mann mit Halbglatze
Endlich das Konzert. Der Innenhof der Zitadelle ist gefüllt mit mehr oder weniger älteren Herrschaften, die heute Abend ihre verflossene Jugend feiern wollen oder nacherleben oder sie ihren Teenager-Kindern zeigen wollen, die heute mitkommen durften oder mussten. Sie waren alle rechtzeitig da und haben sich gegenseitig die Parkplätze weggenommen, kein einziger hat seine Digitalkamera vergessen oder sein Fotohandy, sie sind dauerhaft in Anschlag und Einsatz. Paul Simon, den hat man ja nicht alle Tage in Berlin! So ist der Blick etwas verstellt auf den Künstler und seine achtköpfige Band, und wenn gerade keiner seine Kamera erhebt, dann schiebt sich ein Mann mit Halbglatze ins Bild, einer von unzähligen mit Halbglatze hier. Möglicherweise habe ich ebenfalls eine Halbglatze.
Über das Konzert selbst muss man wenig sagen, Paul Simon spielt Simon-and-Garfunkel-Klassiker, dazu eine Auswahl seiner Sololieder, die längst ebenfalls Klassiker sind, auch Stücke von seinem aktuellen Album "So Beautiful Or So What", das es wohl leider nicht ganz zum Klassiker schaffen wird, weil es doch eher nach "so what" klingt und weniger "so beautiful".
Aber das macht überhaupt nichts. Wahrscheinlich läuft zu jeder Tages- und Nachtzeit gerade irgendwo auf diesem Planeten ein Lied im Radio, das Paul Simon geschrieben hat, und keiner dreht den Sender weg. Live ist Simon nach wie vor ein Erlebnis: ein Perfektionist, der sich mit Virtuosen umgibt. Teilweise spielt er mit diesen Musikern schon zusammen, seit er 1986 das Album "Graceland" mit ihnen aufgenommen hat.
Aber warum die schlechte Laune?
Jede Note sitzt, leider ist der Sound in der Zitadelle nicht ganz optimal und wird zusätzlich etwas getrübt vom unbedingten Willen des Publikums, mitzuklatschen. Und möglicherweise ist das Programm dann doch etwas zu routiniert heruntergespielt. Es ist schwer zu unterscheiden, ob die kleine Kunstpause, die Paul Simon setzt, als am Anfang seiner Darbietung von "The Sounds of Silence" ein Flieger vom nahegelegenen Flughafen Tegel direkt über die Bühne in den Himmel zieht, ob diese Pause routiniert ist oder poetisch. Wahrscheinlich beides: Routiniert poetisch.
Während des Drumsolos in "Diamonds On The Soles Of Her Shoes" setzt sich Paul Simon einen blauen Hut auf den Kopf. Das ist dann eigentlich auch schon seine gesamte Bühnenshow.
Aber warum die schlechte Laune? Dieser kleine, sympathische Mann macht einfach sehr schöne Musik, und seine Stimme ist nach wie vor glasklar und weich, anders als zum Beispiel die von Ian Anderson, dessen traurige Versuche, alte Jethro-Tull-Hits nachzusingen, nur eingefleischten Fans zugemutet werden können. Und, das sollte meine Frau mal sehen, die Leute tanzen! Es ist zwar eher dieses verhaltene Sich-Wiegen mit verschränkten Armen, ein mehr oder weniger rhythmisches Auf-der-Stelle-Treten, aber einige Nerds lassen ihren Gefühlen freien Lauf, rudern ekstatisch mit ihren Armen, singen jede Zeile mit und dirigieren jeden Bläser-Einsatz. Geradezu wild tanzen einige gut erhaltene enthemmte Damen jenseits der Fünfzig. Die Zitadelle in Spandau ist heute Abend eindeutig der uncoolste Ort der Welt. Aber möglicherweise bin ich ein Nerd.
Ist ja auch schon spät
Um Viertel nach neun spielt Paul Simon "Late In The Evening", er kündigt den Titel an wie eine Zeitansage, stimmt, ist ja schon spät für die meisten hier, aber noch eine Zugabe geht, und dann noch eine, und am Schluss dann auch noch "You Can Call Me Al", da sind alle restlos begeistert, und bevor der berühmte Basslauf kommt, sagt Paul Simon: "Here comes the bass." Als ob das irgendjemand hier nicht wüsste.
Möglicherweise bin auch ich restlos begeistert, vielleicht auch von dem stimmungsvollen Feuerwerk, das zum Abschluss des Abends über der Zitadelle abgefackelt wird zu den vom Band eingespielten Klängen von "Music Was My First Love", anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich mich in der Schlange am T-Shirt-Stand wiederfinde und kurz darauf ein mir offensichtlich viel zu enges T-Shirt kaufe, dessen Erwerb mir schon Sekunden später peinlich ist.
Am Ausgang gibt's dann noch kostenlose langstielige Rosen für alle Besucher, Paul Simon hat sich da längst mit Herzchengesten verabschiedet und ist mit einem Van mit abgetönten Scheiben durch die Menge zum Ausgang der Zitadelle gefahren worden. Teuer war's schon, raunen sich die Besucher auf dem Heimweg zu, aber gelohnt hat sich's doch, weil's so schön war, und dann noch das Feuerwerk und die Rosen. Nicht schlecht.
Mein Auto steht noch da, keinen Strafzettel bekommen. Die Frau wird sich über die Rose freuen und das T-Shirt möglicherweise als Nachthemd nutzen. Doch, Spaß gehabt. Möglicherweise bin ich jetzt alt, Chef.
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