Konzertante Klasse Rhythmus ist erst der Anfang

Christoph Sietzen lässt die Marimba tanzen, Boris Blachers effektvolle Musik verdient ein größeres Publikum. Zweimal echte Dramen, mal intim, mal im Breitwandformat.

Stefan Sietzen

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Musik mit opulentem Schlagzeug in der Solo-Rolle füllt länger schon die Konzertsäle, gerade mit jüngerem Publikum. Diese Neugierigen haben wenig Berührungsängste mit Zeitgenössischem, Atonalem und Ungewohntem, man ist jazzerfahren, Noise-resistent, Metal-erprobt. Und gleichzeitig wild romantisch ansprechbar: So kann man auch brachiale Herausforderungen wie das Zauberstück "Frozen In Time" des israelischen Komponisten Avner Dorman oder die "Incantations" vom finnischen Tonsetzer Einojuhani Rautavaara goutieren.

Umso mehr, wenn ein junger, ehrgeiziger Percussion-Virtuose wie Christoph Sietzen am Werk ist. Dessen ebenso präzise wie kraftvolle Explosionen beim Marimba-Spiel bringen die Ideen der Komponisten auf den Punkt: Dichte Struktur und sinnliches Klangschwelgen überwältigen. Von Zauber darf man sprechen: Da werden Vorbehalte gegenüber "Neuer Musik" schnell gegenstandslos.

Fantasievolle Hexer

Natürlich haben Musiker wie Martin Grubinger oder der artistisch-fantasievoll hexende Sergej Gerassimez den Boden, auch für die Marimba, neu bereitet, aber Christoph Sietzens Behandlung des hölzernen 5 ½ Oktaven umfassenden Schlaginstrumentes aus Guatemala setzt noch einmal eigene Maßstäbe.

Avner Dorman komponierte "Frozen In Time" für und in Zusammenarbeit mit Martin Grubinger. Das bürgte schon einmal für hohe Anforderungen an Virtuosität, die Maestro Grubinger erst so richtig grinsen ließen. Man kann diese Art der Marimba-Entfesselung durchaus mit einem Prokofiev-Klavierkonzert vergleichen: Beim Piano geht es ja im weitesten Sinne auch um Percussion. Der musikalische Brückenschlag zwischen den Sätzen "The Americas" und "Indoafrica" mutet an wie bei Bernstein, das Stück steigert sich dank Christoph Sietzens technischen Muskelspiels auch in einen musikalischen Rausch.

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Zu den nicht ganz großen Rennern in deutschen Konzertsälen zählt hingegen die Musik des in China geborenen deutsch-baltischen Komponisten Boris Blacher (1903-1975). Seltsam, denn allein die jüngst veröffentlichte Quasi-Best-Of-CD "Dance Suite" (Capriccio) der Konzertmusik Blachers, die Johannes Kalitzke am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin einspielte, klingt so attraktiv wie vergleichbare Preziosen von Kollegen wie Strawinsky oder Prokofiev.

Boris Blacher komponierte quer durch alle Genres ein üppiges Werk, später bis hin zur elektronischen Musik und Jazz, das häufig seine Liebe zu tänzerischer Leichtigkeit und rhythmischen Prägnanz zeigte. Atonale Elemente verflocht er hörfreundlich mit traditionellem Stil, und doch erschienen seine Arbeiten den Nazi-Kulturwächtern als "entartet". Man stritt über ihn, aber er geriet vom Schirm der Kulturterroristen.

Sie ließen ihn komponieren, und so entstand Blachers bisher populärstes Stück, die "Concertante Musik für Orchester, op. 10" schon 1937 - eine feinsinnige Miniatur voller Rhythmus- und Taktwechsel, die auch ein Showcase fürs Orchester-Blech ergab: Ein blitzender Einstieg in Blachers Stilwelt. Johannes Kalitzke stellt das kleine Stück ans Ende seiner kompakten Blacher-Kollektion. Das wäre auch bei entsprechendem Konzertprogramm die ideale Zugabe.

Populäres als Finale

Boris Blacher prägte seit 1960 durch seine umfangreiche Lehrtätigkeit als Professor in Berlin auch die Entwicklung vieler zeitgenössischer Komponisten wie Aribert Reimann, Gottfried von Einem, Isang Yun oder George Crumb.

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Ein gedämpfter Farbtupfer auf der CD ist Blachers symphonische "Hamlet"-Dichtung von 1940, die er aber nicht als buchstabengetreue Ausdeutung der Shakespeare-Vorlage sah. Wieder bestes Material für Feinschliff und Maßarbeit in Sachen Streicher-/Blechbläser-Balance, die Kalitzke und dem dramaturgisch wie klanglich optimal eingestellten RSB-Ensemble elegant gelang.

Johannes Kalitzke selbst ist ein gefragter Komponist und hörbar mit dem Herzen bei der Sache. Das Berliner Orchester, das derzeit wieder unter seinem neuen Chef Vladimir Jurowski begeistert, folgte ihm auf diesem Trip mit Engagement. Man wünscht sich nach diesem Appetizer gern mehr von Boris Blacher zu hören, vor allem live: Das Publikum wird's mit Sicherheit goutieren.



insgesamt 2 Beiträge
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kajoter 16.09.2018
1.
Einerseits ist das Interesse des Publikums an ambitionierter Musik immer zu begrüßen. Andererseits ist mir der Boom um alles, was irgendwie trommeln kann, schon etwas suspekt, weil hier viele außermusikalische Elemente mitspielen. Da wären z.B. das Multikulti-Element, das musikalisch vor allem von Schlagwerk und Percussion verkörpert wird. Daneben hat es etwas mit der bewussten oder unbewussten Ignorierung der klassischen Musik zu tun. Man muss sich nicht mit Sonatenhauptsatzform, Fugenaufbau und Leittontechnik herumschlagen, um ein Werk wirklich verstehen zu können. Man kann den ganzen "Ballast" der klassischen Musik und ihrer Quellen und Entwicklungsphasen beiseite lassen, denn all das wird nicht benötigt, um einer Percussion-Aufführung beizuwohnen. Und dementsprechend findet sich ein Klientel im Publikum ein, das z.B. einen normalen, da systematischen Klavierunterricht als Leistungsdruck bezeichnen würde, der zudem keine Freude aufkommen ließe. Es ist vornehmlich ein Klientel, das von allem lediglich einen Appetithappen zu sich nehmen möchte, ohne weiter in die Tiefe gehen zu müssen und sich trotzdem wahnsinnig kulturverbunden fühlen zu können. Und so entwickeln sich derartige Konzerte häufig zu einem Stelldichein, bei dem man meinen könnte, dass die örtliche VHS gerade einen Klassenausflug unternähme. Gleichzeitig ist es schon als tragisch zu bezeichnen, dass Liederabende oder Konzerte mit Kammermusik nur einen Bruchteil an Publikum anlocken können. Wie gesagt - es ist immer zu begrüßen, wenn sich Menschen für ambitionierte Musik erwärmen, aber wenn es fast alleine der sogenannte Zeitgeist ist, der sie dazu animiert, dann werden andere Darreichungsformen gerne ausgeblendet. Und genau das passiert bei dem Trommel-affinen Publikum.
Knossos 16.09.2018
2.
@ Kajoter Es gibt sie also noch, die verschollen geglaubte Stringenz. Besten Dank für erfrischend gegenständlichen Beitrag, und bitte mehr davon!
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