Von Hans Hielscher
Unterschiedlicher kann man sich Künstler kaum vorstellen: Der Hamburger Sven Kacirek, 35, hat Musik in Europa und den USA studiert; er ist als Schlagzeuger und Produzent, als Komponist und Fachbuchautor international bekannt geworden. Ogoya Nengo hingegen ist vor über 70 Jahren in einem Dorf am Viktoriasee zur Welt gekommen; sie ist Analphabetin, versteht nur ihre Stammessprache, hat ihre afrikanische Heimatregion nie verlassen.
Dort genießt Nengo hohes Ansehen, denn als traditionelle Sängerin bewahrt sie die Geschichte ihres Volkes. Mit schriller Stimme erzählt sie von der Kolonialzeit und Kriegen, von Geburten und Todesfällen. Sie singt von Geistern der Vergangenheit und Menschen von heute - Barack Obama zum Beispiel, dessen Vater aus ihrem Luo-Volk kommt.
Elektroniker trifft Analphabetin
Der Hamburger Kacirek versteht Nengos Worte nicht, aber er ist beeindruckt von ihrer Stimme, die so viel ausdrucksstärker ist als die Stimmen vieler westlicher Vokalistinnen. Er hat die Greisin im Dorf Rangala auf einer Reise durch Kenia getroffen, die das Goethe-Institut Nairobi unterstützt hat. Am Viktoriasee und an der Küste zum Indischen Ozean hat er Gesänge und Instrumente aufgenommen, die im Zeitalter der Globalisierung verklingen werden. Dabei hat Kacirek die authentische Musik weder für Archive gesucht noch als Fundgrube für Samples für sein eigenes Werk. Der Perkussionist und Elektroniker nutzt vielmehr die Technik des 21. Jahrhunderts, um die traditionellen afrikanischen Klänge mit seiner Kunst zu fusionieren und einem neuen Publikum nahezubringen.
Seinen Arbeitsprozess beschreibt der deutsche Tontüftler so: Aus dem afrikanischen Audiomaterial transkribiert er einzelne Gesangs- und Instrumentallinien, um sie zu harmonisieren oder zu doppeln. Dann nimmt er immer mehr Spuren auf und schafft ein Klanggerüst, dass die Feldaufnahmen möglichst natürlich einbettet. Am Ende ist schwer zu sagen, welche Teile aus Kenia stammen und welche Kacirek in seinem Studio als Overdubs eingespielt hat. In jedem Fall aber bleiben die Sängerin Nengo und die anderen afrikanischen Musiker im Mittelpunkt der gefühlvoll gestalteten CD "The Kenya Sessions".
Afrika ruft - und schreckt ab
Kacirek wird im Sommer wieder nach Afrika aufbrechen; der Kontinent fasziniert ihn. Unterdessen lebt der von ihm verehrte, wahrscheinlich bedeutendste afrikanische Drummer seit Jahrzehnten in Europa. Es ist Tony Allen, der zusammen mit dem 1997 verstorbenen Fela Anikulapo Kuti als Schöpfer des populären Afro-Beat gilt. Beim Gespräch vor einem Auftritt in Hamburg schildert der Nigerianer seine Karriere: Allen war von 1964 bis 1980 Fela Kutis Schlagzeuger und Musical Director. Dann ging er wie viele afrikanische Spitzenmusiker nach Europa. Denn die Umstände zu Hause machen kontinuierliche Arbeit unmöglich (siehe "Laptop statt Flughafen").
So wagt sich in Nigerias Metropole Lagos wegen der Sicherheitslage niemand in der Nacht auf die Straße. Die legendären Clubs mit Livemusik sind verschwunden - und damit die Jobs für Musiker. Im verbliebenen "Shrine", den Fela Kuti gegründet hat und den seine Söhne weiterführen, übernachten die Fans und fahren morgens von dort nach Hause oder zu ihren Arbeitsplätzen.
Als "Großmeister des Groove-Schlagzeugs" ("Die Welt") fand Allen Beschäftigung in London; nun lebt er in Paris. In Hamburg war er Star-Gast des vielseitigen Techno-Gurus Jimi Tenor. Wie gut der 70-Jährige noch trommelt, ist auf seiner letzten CD "Secret Agent" zu hören. "Tony Allen ist mit der Zeit gegangen", sagt Tenor, "er wird immer gefragt sein."
Das gilt auch für den zehn Jahre jüngeren Inder Trilok Gurtu, der sich in Deutschland niedergelassen hat. Er lernte schon als Kind die Tabla und andere Perkussionsinstrumente und verließ Bombay in den siebziger Jahren. Mit Stars wie John McLaughlin, Joe Zawinul und Pat Metheny prägte er die aufkommende Ethno-Jazz-Szene - und blieb bis heute ein weltweit gefragter Musiker. Auf seinem letzten Album ist Gurtu zusammen mit der NDR-Bigband zu hören, die von Jörg Achim Keller geleitet wird. Der britische Schlagzeuger Simon Phillips verstärkt das rhythmische Feuerwerk. "21 Spices" würzen jazzige Bläser-Riffs mit vertrackten Takten vom indischen Subkontinent.
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