Zum Tod von Buzzcocks-Sänger Pete Shelley Er brachte Sex und Liebe in den Punk

Er spielte das berühmteste Solo des Punk, sang die rasantesten Teenagerhymnen und beeinflusste alle, die laute Gitarren und Pop-Melodien vereinen wollten: Pete Shelley, der Sänger der Buzzcocks, ist tot.

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Es sind die Schlüsselmomente der Musikszene von Manchester: Ohne die beiden Konzerte der Sex Pistols in der Lesser Free Trade Hall im Sommer 1976 hätte es weder Joy Division noch The Fall gegeben, wahrscheinlich nicht die Smiths, nicht New Order, womöglich nicht einmal Simply Red. Die Gründer all dieser Bands standen im Publikum bei diesem Konzert.

Organisiert hatten die Shows Howard Devoto und Pete Shelley. Die beiden Studenten waren nach einer Konzertkritik im "New Musical Express" nach London gereist, waren im "Sex"-Laden von Malcolm McLaren und Vivienne Westwood gewesen und hatten die Sex Pistols in den südenglischen Provinzstädtchen Welwyn Garden City und High Wycombe gesehen und die Punk-Pioniere überredet, nach Norden zu kommen.

In der Zwischenzeit legten Howard Trafford und Peter McNeish ihre bürgerlichen Namen ab und gründeten ihre eigene Punkband, die sie Buzzcocks nannten. Beim ersten Sex-Pistols-Auftritt in Manchester am 4. Juni waren sie noch nicht bereit, aber schon am 20. Juli, beim zweiten, spielten die Buzzcocks im Vorprogramm. Howard Devoto als Sänger mit stierem Blick, der an Massenmörder denken ließ. Pete Shelley mit den schäbig blond gefärbten Haaren zertrümmerte seine bei Woolworth erstandene Gitarre.

Startschuss für britischen Indie

Wie sehr die Buzzcocks den Do-it-yourself-Geist des Punk verkörperten, zeigte noch mehr die erste Single: Weil es in Manchester keine Plattenfirmen gab, liehen sie sich von Pete Shelleys Vater Geld und brachten sie einfach selbst heraus - was im Januar 1977 noch extrem ungewöhnlich war. Es gab noch kein Vertriebsnetz für unabhängige Plattenfirmen. Dass von der "Spiral Scratch"-EP trotzdem 16.000 Exemplare verkauft wurden, inspirierte zahllose andere Bands, die nicht aus London kamen - es war der Startschuss für die britische Independent-Szene.

Der musikalische Höhepunkt der "Spiral Scratch"-EP war aber eindeutig der Song "Boredom", und der Höhepunkt des Songs wiederum Pete Shelleys Gitarrensolo, das aus zwei im Wechsel gespielten Tönen besteht, ehe - atemlose Spannung - es mit einem dritten endet. Es ist das berühmteste Gitarrensolo der Punk-Ära, bis heute immer wieder zitiert.

Sänger Howard Devoto verließ die Buzzcocks nach der EP, seine neue Band Magazine startete er mit einem von Shelley übernommenen Gitarrenriff ("Shot by Both Sides"), während bei den Buzzcocks Pete Shelley den Gesang übernahm - zunächst mit dem noch von Devoto getexteten Song "Orgasm Addict".

Doch schon bald erwies sich Shelley selbst als höchst talentierter Texter. Während The Clash sich dem politischen Kampf widmeten und die Sex Pistols über Sex nur angewidert sprachen, sangen die Buzzcocks über Sex und auch über romantische Liebe - aber so zugespitzt wie ihre Melodien beschleunigte Popsongs waren: "After this love there'll be no other - until the razor cuts", heißt es in "Love You More". Liebe oder die Rasierklinge, "eine Wasserrutsche in die Adoleszenz", wie der US-Kritiker Mark Spitz später schreiben sollte. Shelley schrieb einen Song namens "16" - und später einen namens "16 Again". Gegenwartsmusik war das, der Song "Nostalgia" besingt eine Nostalgie für eine Zeit, die erst noch kommt.

"Bubblegum Punk" nannten das manche Hörer, kurze, scharfe Popsongs, so wie im Northern Soul. "Wie viel Lebensgefühl und -kraft so eine simple Sache wie ein Popsong mitteilen kann, ohne die klassischen Formen zu verlassen", staunte der deutsche Kritiker Diedrich Diederichsen. Eine solche Musik brauchte sich nicht in Subkulturen verstecken, da steckten echte Hits drin.

Deshalb waren die Buzzcocks auch schon nach dem DIY-Debüt zum großen Label United Artists gewechselt (beeindruckt davon, dass ihr Kontaktmann dort auch schon die Krautrockband Can betreut hatte). Und tatsächlich erwiesen sich die Buzzcocks als verlässliche Singlesband, kamen mit Songs wie "What Do I Get?", "Promises" oder "Everybody's Happy Nowadays" in die englischen Charts. Vom größten Hit, "Ever Fallen in Love (With Someone You Shouldn't've)" (1978) wurde der Text in Teenie-Magazinen abgedruckt; 1986 kamen die Fine Young Cannibals mit einer Coverversion sogar weltweit in die Hitparaden.

Der Klubhit "Homosapien"

Innerhalb von zwei Jahren veröffentlichten die Buzzcocks drei Alben - und dazu noch Ende 1979 die unglaublich starke Compilation "Singles Going Steady". Dieses Tempo ließ Pete Shelley bald erschöpft und desinteressiert wirken. Er verließ die Band und nahm mit dem Produzenten Martin Rushent ein Elektropop-Album namens "Homosapien" auf. Im weißen Anzug posiert Shelley auf dem Cover, die Achtziger haben begonnen - und er will dabei sein.

Der Poptheoretiker Simon Reynolds versteht den Titelsong daraus als "verklausuliertes Outing" und glaubt, er sei deswegen nicht von der BBC gespielt und daher kein Hit geworden. In Interviews bezeichnete sich Shelley als bisexuell. In den USA wurde "Homosapien" ein Klubhit und soll sogar Einfluss auf die sich bald entwickelnde Technoszene in Detroit gehabt haben.

1989 kamen die Buzzcocks wieder zusammen, zu früh für die später beginnende Mode der Band-Wiedervereinigungen. "Sie haben ihre Marke ruiniert", zitiert Simon Reynolds einen Labelmacher: Zu viele Konzerte in der Provinz vor ein paar alternden Punks. Doch seien die Musiker "einfach froh, dass sie noch immer keine bürgerlichen Berufe ausüben müssen, dass sie als Musiker arbeiten und ihren Lebensunterhalt erwirtschaften können".

Dieses Musikerleben verschlug Pete Shelley nach Estland, wo er seit 2009 mit seiner estnisch-kanadischen Ehefrau lebte. Am Donnerstagabend wurde bekannt, dass er dort einem Herzinfarkt erlegen sei. Er wurde 63 Jahre alt.



insgesamt 7 Beiträge
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vera gehlkiel 07.12.2018
1.
Ich bin erst Mitte 77 geboren, aber der minimalistisch-aggressive Sound greift nach all der Zeit noch zu wie eine losjaulende Krankenwagensirene aus nächster Nähe. Punk war für mich immer so eine Art Nullpunkt von Musik, von wo aus jemand wirklich alles machen konnte. Und Shelleys Solo da in dem wundervoll schmutzigen kleinen Lied für junggebliebene Erwachsene ist folgerichtig der Nullpunkt dieses Nullpunktes. Wobei mein Lieblingssong aus der richtig minimalistischen Britpunkzeit nach wie vor die "My-Way"-Adaption von Sid Vicious ist, die auch von der Verwendung in "Goodfellas" (glaube ich) von Scorsese nicht kaputtgeadelt wurde. Joy Division (resp. Warsaw) höre ich nach wie vor, namentlich Ian Curtis gehört zu meinen TopHeldenInnen der Wirklichkeit, falls ich mal einen entsprechenden Fragebogen ausfüllen müssen werde, neben Viv Albertine und der Amerikanerin Debbie Harry.
GSYBE 07.12.2018
2. so sad
I only get sleepless nights Alone here in my half-empty bed For you things seem to turn out right I wish they'd only happen to me instead What do I get, oh-oh, what do I get?
anke.weitzel 07.12.2018
3. Vielen Dank...
... für den schönen Nachruf auf Pete Shelley. Nun sterben die Helden meiner Jugend. Da sie damals kaum älter waren als ich, macht mir das auch ein wenig Angst. Dennoch bin ich froh, in dieser Zeit aufgewachsen zu sein. "Ever fallen in love with someone you shouldn't fall in love with", wie inbrünstig habe ich das mitgesungen... Das war noch Musik, die einen bewegte. Innerlich und äußerlich. RIP Pete, und danke für die Momente.
Florentinio 07.12.2018
4. Danke
Ever fallen in love gehörte zwischen meinem 15 und meinem 25 Lebensjahr sicherlich zu den am meisten von mir gehörten Liedern. Danke dafür, es wird für immer ein emotionaler Teil meines Lebens bleiben.
affendaddy 07.12.2018
5. Best Love Song
Einer der besten Love-Songs der Beat/Rock/Metal/Punk Historie ist zweifellos BUZZCOCKS - Ever fallin' In Love. Völliger Blödsinn ist : Es gab 1977 in England noch keine unabhängigen Indie Labels. Mein Gott - noch nie was von Chiswick Records (gegr. 1975) oder STIFF Records (gegr.1976) gehört ??? Solche unfähigen Beiträge würde es im Bereich des Jazz oder der Klassik nie geben. Da wird genauestens recherchiert. Bei Pop + Rock wird gegoogelt, und das noch nicht einmal vernünftig !
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