PeterLicht: Das Phantom der Popper

Von Daniel Herder

Einst relaxte PeterLicht auf dem Sonnendeck, heute wird er mit seinem Album "Lieder vom Ende des Kapitalismus" als neue deutsche Pop-Hoffnung gefeiert. Dem Zugriff der Öffentlichkeit entzieht sich der Kölner Musiker jedoch mit skurrilen Ablenkungsmanövern.

Am Rande des Kölner Stadtgartens ziehen Demonstranten vorbei, sozialistische Parolen auf den Lippen: Hammer und Sichel, Che Guevera und Lenin auf Transparenten und Fahnen. Lärmend und rastlos wälzt der von Polizei-Kohorten flankierte Zug im Nieselregen durch die Venloer Straße. Es ist der erste Mai, Tag der Arbeit.

Musiker PeterLicht: "Ich finde es manchmal grausam, über einen Künstler zu viel zu wissen"

Musiker PeterLicht: "Ich finde es manchmal grausam, über einen Künstler zu viel zu wissen"

Der anonyme Barde und Gegenwartsinterpret PeterLicht, der dem Treiben aus einem Restaurant in der Nähe zuschaut, findet diese Kulisse sehr gelungen. Alles fügt sich perfekt: Seine neue Platte mit dem Titel "Lieder vom Ende des Kapitalismus", das im März veröffentlichte Buch "Wir werden siegen", der Besuch der Journaille und der Demonstrationszug. "Das war nicht geplant", sagt Peterlicht und lächelt, "aber ist doch ein schöner Zufall, oder?"

Zufall oder nicht: Für einen, der die Einsamkeit und die Stille bevorzugt, ist das verrauchte und überfüllte Café Stadtgarten als Treffpunkt eine etwas seltsame Wahl. PeterLicht verspürt ein "Hüngerchen" und ordert Gulasch mit Spätzle. Ein bisschen unentspannt wirkt er, aber relaxen, sagt Peterlicht, sei ihm noch nie so gut gelungen.

Auf der neuen CD hat er daraus gleich einen Song gemacht, einer, der ganz seiner kuriosen Erlebniswelt entsprungen ist: Im Videoclip zu "Wettentspannen" saust ein Yogi wie ein Curlingstein über eine Eisbahn, bis er sanft mit anderen Wettentspannern kollidiert – und grient dabei entrückt. "Am liebsten würde ich eine Entspannungs-Olympiade machen", sagt er, "zuerst Menschen richtig Stress machen, dabei die Gehirnströme messen, und wer entspannt bleibt, bekommt einen Preis". Spaß macht er nicht oder, besser gesagt: Er will nicht, dass man ihm schnödes Spaßguerillatum unterstellt. Es ist ihm genauso ernst wie 2003, als ein Abgesandter von PeterLicht bei Hörseminaren in deutschen Großstädten Menschen singen und Kartoffelmännchen basteln ließ.

Klobige Besserwisser-Brille

PeterLicht ist nicht sein echter Name, aber die Person ist authentisch. Vermutlich. Oder hat der Eigenbrötler einen Doppelgänger zum Interview geschickt? "Ich bin PeterLicht,", beteuert ein hagerer, zierlicher Mann von gefühlten 35 Jahren, die Stimme eher hoch als tief, nicht ganz so sanft und warm, wie man erwartet. Er trägt ein grünes T-Shirt, einen grünen Pullover, die etwas schütteren, blonden Haare über der hohen Stirn sind stramm gescheitelt. Wache Augen funkeln hinter einer klobigen Besserwisser-Brille. Ein wenig erinnert er an einen 68er-Studentenaktivisten. Oder an einen Popper.

Im Moment, da er gerade sein Album veröffentlicht hat und sein Buch als Theaterstück bei den Münchner Kammerspielen aufgeführt wird, bevorzugt er den direkten Draht zur Presse. Früher telefonierte er nur mit Journalisten, weil das seine Anonymität wahrte und seine Stimme dann auf so wundersame Weise "aus dem Äther" tönte. Er liebt das Wort Äther. Es steht für das Undefinierbare, nicht Greifbare, für das Wesen hinter den Eindrücken. Jetzt aber, für das neue Album, lugt PeterLicht auf Fotos mit einem Auge aus dem anonymen Dunkel heraus. "Ich experimentiere ein bisschen, mich interessiert einfach, wie ich in Gesprächssituationen wirke", sagt er.

Eindruck hat er bereits kräftig geschunden. Die Musikkritiker haben sein Album beklatscht wie eine Garnison Duracell-Häschen: "Die beste deutsche Platte seit sehr, sehr langer Zeit", trommelte die "Süddeutsche Zeitung".

Auch frühere Werke bedachte das Feuilleton mit Superlativen. Die "taz" adelte ihn gar als "Hoffnungsträger kluger Popmusik", nachdem der Sänger 2000 mit seinem Hit "Sonnendeck" den Pop-Untergrund aufgewirbelt hatte. Ein Jahr später ihn nahm der Branchenriese BMG unter Vertrag, kurze Zeit später lief "Sonnendeck" beim Musiksender Viva rauf und runter. Über einem weichen Elektro-Klangteppich wogte ein hauchzarter Sprechgesang: "und wenn ich nicht hier bin/ bin ich auf'm Sonnendeck/Bin ich, bin ich, bin ich/ Oder im Solarium/ Oder am Radar". Im Videoclip war das Alter Ego von Peterlicht zu besichtigen: ein blauer Bürostuhl, der mit aberwitzigem Tempo durch die Welt knatterte.

Auch in TV-Interviews doubelte ihn das Sitzmöbel, zwischen die Armlehnen wurde ein Mikrofon drapiert. Die Stimme wurde dann ins Studio zugeschaltet, das Phantom sprach via Telefon, aus dem geliebten Äther. Später mimte ihn ein Kartoffelmännchen, dem er die ebenso kunstsinnige wie knackige Ellipse "Nadeln reinstecken – Künstler fertig" auf die Pelle dichtete. Weil es kein Gesicht zur Musik gab, spekulierte sich die Presse in Rage: Das Phantom sei Werbetexter, ein Schweizer, vielleicht ein Inder, womöglich sogar verunstaltet. Doch das Kartoffelmännchen schwieg eisern. Beide Memorabilien lagern heute wie Trophäen in seiner Wohnung, die angeblich hoch über den Dächern Kölns liegt: die inzwischen verdörrte Ur-Kartoffel, eine "deutsche und wertige", wie man hört, und der altersschwache Bürostuhl.

Schritt aus dem Halbdunkel

Heute findet PeterLicht das alles lustig und nervig zugleich. Auf biografische Nachfragen reagiert er mit Eiseskälte. Wer penetrant fragt, den bedient er mit einem zackigen Mantra: "PeterLicht schreibt Bücher und macht Musik. Basta!" Zwar verschanzen sich auch Bands wie Daft Punk und die Residents hinter einer stilisierten Fassade. Doch niemand trieb die kunststrategisch motivierte Trennung von Person und Werk so konsequent auf die Spitze wie PeterLicht. Wenn es um seine Musik geht, kann er strahlen wie eine 100-Watt-Glühbirne. Geht es um ihn als Person, wirkt er verkniffen und sperrig. PeterLicht pfeift einfach darauf, als Label für seine Lieder funktionieren zu müssen. "Je weniger ich weiß, desto freier fühle ich mich", sagt er, "ich finde es manchmal grausam, über einen Künstler zu viel zu wissen. Es passiert dann schon mal, dass ich auch sein Werk nicht mehr mag".

Vielleicht hat der aktuelle Schritt aus dem Halbdunkel heraus auch etwas damit zu tun, dass die neue Platte eingängiger und strukturierter wirkt als der Vorgänger "Stratosphärenlieder". Von der stürmischen Hymne "Wir werden siegen" bis zum tieftraurigen "Unsere Zeit" – hinter der schlichten Leichtigkeit und dem naiv-verspielten Pusteblumen-Pop brodelt ätzendes Zeitgeist-Gift. Seine Lieder sind heiter, poetisch, melancholisch, elegisch, die Texte mal altklug, dann auf kontrollierte Weise absurd-assoziativ, zuweilen auch völlig sinnfrei.

Heute Abend tritt PeterLicht bei Harald Schmidt auf. Vielleicht als Sänger im Rampenlicht, vielleicht als Interview-Gast im Halbdunkel – man weiß es nicht. Diese Geheimniskrämerei wirkt kokett, ist aber programmatisch. Im Herbst will er mit einer dreiköpfigen Band auf Tournee gehen und Lesungen abhalten. Dass er damit seine Existenz als Phantom aufgibt, ficht ihn nicht an. "Das passt dann eben. Ich komme in eine Konzertsituation, und das hat etwas Direktes und klar Gerichtetes", sagt er.

Draußen, vor dem Kölner Café Stadtgarten, nieselt es weiter, schwer und mutlos hängen die Wolken herab, der Regen saugt die Farbe aus dem Tag. Man will ein bisschen spazieren gehen, hören, wo und wie der Künstler seine Ideen sammelt. "Ich lasse mich gern beim Radfahren oder Wandern inspirieren. Ich beobachte die Menschen, den Alltag: Kunst ist schön, der Alltag noch schöner". Dann entweicht das nun nicht weniger rätselhafte Phantom, das mal eine Kartoffel und ein Bürostuhl war, in den Äther. Irgendwo dort, irgendwo in Köln-Ehrenfeld muss er sein, der geheime Proberaum.

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