PeterLicht live: Der Mann ohne Schatten

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Lange Zeit war der Popsänger PeterLicht nur eine Stimme im Äther, von der weder Fotos noch biografische Daten existierten. Gestern im Hamburger Schauspielhaus zeigte das Phantom sein Gesicht - und sprach mit SPIEGEL ONLINE. Impressionen einer seltsamen Begegnung.

PeterLicht sitzt im Scheinwerferkegel und spielt Sitar. Vor ihm im Saal repetieren Menschen den Refrain eines seiner Lieder. "Wir machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt", brummen die Zuschauer, wieder und wieder. Zwischen den mit steinernen Engeln gesäumten Zuschauerbalkonen schweben Papierflieger umher, einige der Anwesenden haben sie aus den Zetteln gefaltet, auf denen der Liedtext steht.

Die Band setzt ein, ein synkopischer Flügel, ein geschrammelter E-Bass, ein gedämpftes Schlagzeug. Vor dem Schlagzeuger stehen nur Kick-Drum und Ride-Becken; der Rest wurde durch Pappkartons ersetzt. Die Snare-Drum, die den Takt vorgibt, ist ein Karton, an dem eine Plastikflasche mit Klebeband befestigt wurde. "Wir machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt", singt nun auch PeterLicht, und für einen Moment sind alle Sorgen wie weggeblasen.

Die meisten Musiker werden weltberühmt, ehe sie beschließen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. PeterLicht machte es genau anders herum: Er wurde zum medialen Eremiten, als ihn kaum ein Mensch kannte. "Und wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck", sang er zu dieser Zeit und meinte wohl sich selbst. "Oder im Solarium, oder am Radar." Zumindest war PeterLicht nie dort, wo man ihn gerade suchte.

Das Gesicht des PeterLicht

Jetzt, wo ein nicht mehr ganz so kleiner Saal laut seine Lieder mitsingen kann, verlässt der Eremit das Sonnendeck und geht erstmals auf Tournee. Am Tag der deutschen Einheit zeigte er Hamburg sein Gesicht. Erste Erkenntnis: PeterLicht ist nicht die mit Stecknadeln gespickte Kartoffel, für die er sich 2003 mal ausgegeben hat, und auch nicht der altersschwache Bürostuhl, von dem er sich im Video zu "Sonnendeck" vertreten ließ. PeterLicht ist definitiv ein Mensch, und der sieht freilich völlig anders aus, als man ihn sich vorgestellt hat.

Ungefähr 1,75 Meter groß und ziemlich blass ist er. Sein blondes, leicht schütteres Haar hängt ihm ein wenig über die Augen. Er trägt eine dieser Musik-Nerd-Brillen, die die "Spex", so möchte man glauben, jedem Leser zum Abo oben drauflegt, dazu ein grünes T-Shirt und eine graue Stoffhose. Er singt manchmal schief, spielt ziemlich gut Gitarre und zupft, wenn er das tut, gerne Protestlieder-Akkorde.

"Ich wollte nie den Soundtrack zu einem Gesicht, einer Frisur oder einem Sockentyp liefern", sagt PeterLicht nach der Show im Interview. "Die Lieder sollen für sich stehen." Aber das ist nur zu einem gewissen Grad möglich. Denn natürlich hatte jeder sein eigenes Bild von PeterLicht im Kopf.

Der Mann ohne Schatten

Im literarischen Untergrund gibt es eine Geschichte, in der ein Mann ohne Schatten durch die Jahrhunderte spaziert. Je nachdem, welche Denkschule gerade vorherrscht, gibt es verschiedene Erklärungsansätze, warum der Mann keinen Schatten hat. Mal ist er Ketzer, mal der Messias, mal Marxist. Das Nichtvorhandensein des Erwartbaren wird zur Leinwand menschlicher Wünsche und Projektionen.

PeterLicht war lange Zeit so ein Mann ohne Schatten. Jetzt, wo er sein Gesicht zeigt, kann man auch den Schatten sehen - auf seiner Website zum Beispiel. Dort wirkt der Schatten größer, mächtiger, breitschultriger als der Mensch, der ihn wirft. Irgendwie passt das: Im Moment, in dem man PeterLicht vor sich sieht, schrumpft die auratische Stimme aus dem Äther urplötzlich zu einem Menschen zusammen. Das hat zwangsläufig etwas Entzauberndes, gleichzeitig fühlt man sich irgendwie erleichtert.

Ein Papierflieger stürzt von den steinernen Engeln hinab in die Menge. Ein Zuschauer reibt sich verdutzt den Hinterkopf. PeterLicht schrammelt ein Protestlied in E-Moll. "Letztes, letztes Leuchtfeuer, was Du nicht kannst, ist mehrere, mehrere Leben führen", singt er und tanzt mit schlacksigen Bewegungen von einem Bein auf das andere.

PeterLicht live, das hat eine gehörige Portion Indie-Attitüde. Die geraden, glatt polierten Pop-Hymnen seiner Studioalben klingen auf einmal roh und rockig, der orchestrale Bombast fällt von den Liedern ab. Die Beach-Boys-zitierenden Falsettgesänge klingen auf einmal schief und krumm. Die prägnante PeterLicht-Poesie aber verliert auch im neuen Sound-Gewand nicht an Kraft.

Eine wundersame Welt ist das, die er da in Reimen skizziert, eine Welt, in der die Schwerkraft überbewertet ist, die Augäpfel gepierct sind und der Kapitalismus langsam vor sich hin stirbt. Melancholie und Euphorie, Zynismus und Naivität verbinden sich in dieser Welt zum Konsens: Sie sind allesamt poptauglich, und das, obwohl der Sänger uns in einem seiner Lieder persönlich rät, die Popkultur zu meiden.

Stürzt London ins Meer?

In der wundersamen Welt des PeterLicht sind viele Dinge Utopie und noch mehr Dinge Person. Der Kapitalismus wird zum abdankenden Schlawiner, der Kölner Dom zum alten Arsch, der Wohlfahrtsstaat am Tag, an dem er zur Hölle fährt, zur alten Tante. Die Utopie selbst bleibt stets eine vage Idee. Es ist, als mache man eine Rolle vorwärts in die Revolution und hielte am Punkt, an dem man überkippt, die Zeit an.

"Ich mag es, Behauptungen in die Welt zu werfen und abzuwarten, wie weit ich mit ihnen komme", sagt PeterLicht nach der Show. Das Grundprinzip vieler Phänomene sei nun mal, dass sie sich ausdehnen und irgendwann wieder zusammenschrumpeln. Das ließe sich doch wunderbar auf den Kapitalismus übertragen.

Das Licht wird gedimmt, PeterLicht verliest eine Gesichte aus seinem "Buch vom Ende des Kapitalismus". London steht darin auf einer riesigen Plattform, auf metallenen Beinen hoch über der Steilküste Nordenglands, und die Architekten beraten darüber, ob es vielleicht sein könnte, dass Terroristen die Metallbeine in die Luft sprengen und London ins Meer stürzt.

PeterLicht sagt über sich selbst, dass er gerne aufs Meer hinausblickt. Daran habe sich auch jetzt, da er Gesicht und Schatten hat, nichts geändert. Terroristen hin, Kapitalismus her.

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