Pianovirtuosen Trifonov und Andsnes Weckruf für Chopin

Starpianist Daniil Trifonov liebt Chopin. Sein aktuelles Album irritiert dabei mit der Pflege des Ungewöhnlichen. Leif Ove Andsnes pariert mit raren Piano-Stücken des finnischen Meister Sibelius.

Dario Acosta/ DG

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Natürlich "kann" Daniil Trifonov seinen Chopin. Das hat er bereits mit seiner jugendlich-frischen Decca-Einspielung aus Venedig von 2010 und dem Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall 2013 bewiesen, als er die Préludes op. 28 unerhört eigenwillig interpretierte. Aber mit seiner neuen Doppel-CD "Chopin Evocations" schwingt sich der erste 25 Jahre junge russische Meisterpianist zu einer "Beschwörung" des Klavier-Revolutionärs auf, die wieder einmal das frühreife Genie des kongenialen Tastenzauberers Trifonov belegt. Das Repertoire ist die Botschaft.

Daniil Trifonov - das gehört zu seinem Selbstverständnis - sieht sich nicht allein als Interpret, sondern ebenso als musikpädagogischer Vermittler und motivierter Fan, dessen Repertoire-Begeisterung ansteckend wirkt. Sicher ein wenig Hybris, aber viel Enthusiasmus und noch mehr verlässliches Können spielen mit - Können, über das Trifonov in überreichem Maß verfügt. Wie er dies auch quasi "in zweiter Reihe" beherrscht, zeigten seine Konzerte als Liedbegleiter von Matthias Goerne.

Stets das Unerwartete

Chopins Kompositionen sind fast alle Teil des Pianisten-Kanons, aber Preziosen wie die Mozart-Variationen op. 2 ("Là ci darem la mano" aus "Don Giovanni") hört man dann doch nicht allzu oft. Auch das Klavier-Duett in C-Dur op. posthumus 73 überrascht. Gar nicht zu reden von Trifonovs Entdeckungen, die er in Sachen Chopin bei Edvard Grieg, Tschaikowsky, Barber und Mompou machte. Trifonov stellt seine Alben (wie schon beim Rachmaninow-Exkurs) so zusammen, wie Klavier spielt: Erwarten Sie das Unerwartete, und hören Sie mal, was er damit anstellt!

Die beiden bestens bekannten Klavierkonzerte Chopins hat er sich vom Dirigenten und Pianisten-Kollegen Mikhail Pletnev dazu gleich mal neu arrangieren lassen. Beim e-Moll-Konzert op. 11, das stets als Nummer 1 geführt wird, aber eigentlich das zweite ist, fühlt sich Trifonov anscheinend mehr zu Hause als in den innigen und zurückhaltenden Welten des f-Moll-Werkes. Dennoch präpariert er auch beim nachdenklichen op. 21 mit äußerster Feinheit Details heraus, die man bisher nicht kannte. Trifonovs hohe Anschlagskunst, die seinen Mozartstil prägt und etwa beim d-Moll-Konzert eine Überraschung nach der anderen hervorbringt, entlockt gerade den ruhigen und tiefsinnigen Parts des "ersten" Chopin-Konzertes betörende Höhepunkte.

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Neue Arrangements für die Konzerte

Diese Dominanz des Solisten ist auch Ergebnis der Arrangement-Bearbeitung von Mikhail Pletnev, der eine fast kammermusikalische Klangvision realisierte. Das Orchester, mit dem nach Meinung vieler Musikologen und auch Chopin-Fans der Klaviermeister nicht unbedingt viel angefangen hatte, wird behutsam der Führungsrolle entkleidet, das frei ausschwingende Piano bekommt mehr Raum. Dadurch wird das, was in dessen Noten passiert, unterstrichen, Trifonovs Interpretationsvorstellungen können vor allem in den extrovertierten Ausbrüchen bei op. 11 glänzen. Ein Weckruf für Chopin, allerdings mit größtem Respekt vollzogen.

Auch die technisch teils aberwitzigen Schwierigkeiten der Don-Giovanni-Variationen kann man durchaus mit seinen Etüden vergleichen, wie das rauschende Rondo für zwei Pianos ebenso glänzende Funken schlägt. Die Variationen des spanischen Komponisten Frederic Mompou, der vor kurzem durch die Aufnahmen von Arcadi Volodos beeindruckend gewürdigt wurde, führen Chopins A-Dur-Prélude durch vergleichbar manuelle Höhenflüge wie die Mozart-Exkursionen. Klug und interessant sind sie hier platziert, Trifonov beherrscht seinen Repertoire-Kontrapunkt.

Auf der Suche wie Glenn Gould

Fein gearbeitete Virtuosenstücke ganz anderer Art breitet der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes auf seiner neuen CD "Sibelius" (Sony Classical) aus. Wie 1977 der immer suchende und experimentierende Glenn Gould, so spielt auch Andsnes die Sonatine op. 67 und die "Kyllikki"-Miniaturen mit großer Hingabe an Details, Dynamik und Atmosphäre. Andsnes ist auch einer, der Rachmaninows drittes Klavierkonzert mit einem verschmitzten Lächeln im Konzert durchpflügt, aber in jeder Sekunde auch die Details meistert.

Verdienstvoll überwältigt allein schon die Fülle der kleinen und kleinsten Meisterwerke des großen Sibelius, von dem bei uns hauptsächlich das Violinkonzert und die Symphonien in Konzertsälen zu hören sind. Stücke wie "Der Hirt", das Impromptu op. 5/6, "Die Birke" oder "Landschaft" aus den fünf "Skizzen" zeichnet Leif Ove Andsnes als individuelle Musikpoesie, die aber doch ein inneres Band in Technik und Ausdruck verbindet: Genau das muss die Leistung und Rechtfertigung für solche Darstellungen sein. Pädagogik darf sein, wenn sie so klingt wie bei Trifonov und Andsnes.

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