Erstes Konzert im Pierre-Boulez-Saal So klingt Hoffnung

In Berlin hat die Barenboim-Said-Akademie ihren neuen Konzertsaal eröffnet. Er soll ein Ort für Musik, Kultur, Friedensbotschaften und gediegene Architektur sein. Die Premiere klang vielversprechend.

Eröffnungskonzert im Pierre-Boulez-Saal
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Eröffnungskonzert im Pierre-Boulez-Saal

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Schnell fühlt man sich hier zu Hause, im neuen Pierre-Boulez-Saal in Berlin. Die heimelige Bauweise aus hellem Holz an Türen, Wänden und Böden, die verspielten blauroten Sitzplatzbezüge und nicht zuletzt die ellipsenförmige Saalgestaltung scheinen die Besucher förmlich zu umarmen. Wer im Rang sitzt, der hat dazu noch ein schunkeliges Gefühl, denn die Reihen sind leicht verschwenkt wie in einem fröhlichen Karussell. Alles schwebt!

Entworfen hat den Saal der Stararchitekt Frank Gehry. Seine Vorstellungen waren wohl ganz im Sinne des Hausherrn und Initiators Daniel Barenboim, der ja immer ein wenig mehr als nur Musik machen will. Auch Noch-Bundespräsident Joachim Gauck, einer der vielen geladenen Ehrengäste, saß sichtlich gern auf dem Rang und mal nicht in der ersten Parkettreihe; er genoss den Überblick.

Akustik von der besten Seite

Hier soll es nun ein Konzertort für die Barenboim-Said-Akademie sein, die sich der musikalischen Völkerverständigung nicht nur von Palästinensern und Juden gewidmet hat: Kultur als Bindeglied, Hoffnung als Baustein. Dass dies nicht verführerisch tönt, sondern auch attraktiv klingt, konnte man bei der Premiere am Sonnabend hören.

Frank Gehry hat wie auch der beteiligte hochgelobte Akustiker Yasuhisa Toyota (der auch die kürzlich eröffnete Elbphilharmonie in Hamburg betreute) für dieses Projekt auf sein Honorar verzichtet, was in Zeiten von Kostenexplosionen besonders gut ankommt. So schmetterten die sieben Blechbläser ihre Eröffnungsfanfare "Initiale" vom oberen Rang mit leichtem und entschlossenem Ton.

Pierre Boulez komponierte das knackige Stück bereits 1987, aber es formte sich mit seinem leicht burlesken Tonfall wunderbar in den neuen Saal. Und die Akustik konnte sich gleich von ihrer besten Seite zeigen.

Romantisch mit Schubert

Yasuhisa Toyota schwebte in diesem 700-Plätze-Saal eine recht intime Klangstruktur vor, obwohl die Architektur variable Präsentationen und Platzierungen für unterschiedliche Ensembles zulässt.

Nach dem Auftakt griff Daniel Barenboim selbst in die Tasten, es ging romantisch mit Franz Schubert und dessen populärem Liedpoem "Der Hirt auf dem Felsen" D. 965 weiter. Gemeinsam mit der jungen Sopranistin Anna Prohaska und dem Klarinettisten und Komponisten Jörg Widman erforschte Barenboim die Seelenwelten Schuberts und bot gleichzeitig erste Auslotungen der Saalakustik.

Wie schon beim kräftigen Blechauftakt zeigte sich auch hier die enorme Schallballung. Zu den oberen Saalgefilden hin formt sich alles zu einer stark verdichteten Mittellage, was zu leichtem Tiefenverlust nicht nur bei Anna Prohaska führte. Aber das war marginal. Es mischte sich alles zu großer Intensität, und das kann bei Kammermusik eigentlich nur ein Aktivposten sein.

Gar kein schwerer Bergbrocken

Barenboims starkes Bemühen um Dezenz am Piano diente auch dem anschließenden Klavierquartett Es-Dur KV 493 von Wolfgang Amadeus Mozart, das mit schlankem, aber kraftvollem Ton überzeugte. Das tänzerisch fröhliche Final-Allegretto entließ dann das Publikum bestens gelaunt in die erste Pause.

Pierre-Boulez-Saal in der Barenboim-Said-Akademie in Berlin
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Pierre-Boulez-Saal in der Barenboim-Said-Akademie in Berlin

Anschließend demonstrierte Alban Bergs großes "Kammerkonzert für Klavier und Geige mit 13 Bläsern", wie fein die Akustik mit den Bläserlinien der Struktur des Werkes von 1925 umging. So harmonierten etwa die vom Pianisten Karim Said temperamentvoll zelebrierten Klavierausbrüche perfekt mit den fein gearbeiteten Linien der vier Blech- und sieben Holzbläser plus zwei Flöten.

Alles formte sich zu einem logischen Konstrukt, gewann aber - und das mag der ballenden Akustik geschuldet sein - keine Leichtigkeit, sondern blieb gewichtig und erdenschwer: Kann man so machen. Michael Barenboim lieferte an der Solovioline ein Meisterstück an filigraner Kraft ab. Stilistisch fühlt er sich aber ohnehin in der Zweiten Wiener Schule zu Hause, wie seine Interpretationen des Violinkonzertes von Arnold Schönberg belegen.

Percussion-Feuerwerk zum Finale

Was alle Möglichkeiten und Energien des Saales zusammenfasste, war Pierre Boulez' 40-minütiges Spätwerk "Sur Incises" (zwischen 1996 und 2006 entstanden). Mit drei Flügeln, drei Harfen und einem immensen Arsenal an Schlagwerk entfachten die jungen Musiker der Said-Akademie einen beglückenden Orkan an hypnotisch gestaffelten Klangwirkungen im dichten Zusammenspiel der Percussionisten und Pianisten, die ja letzten Endes mit dem Klavier auch ein Schlaginstrument bedienen.

Selbst die Harfen stießen durch ungewohnt harten Einsatz hier zu neuen Ufern vor. Und vor allen Dingen: Die Wirkung überwältigte auch Boulez-Neulinge mit sinnlichen Klangwirkungen. Entscheidend hierfür wirkte auch Barenboims ungeheuer straffes und präzises Dirigat, das alle emotionalen Facetten aus der hochkomplexen und doch bezwingenden Boulez-Komposition herauspräparierte.

Der Beifall für Daniel Barenboim und seine topmotivierte Youngster-Truppe klang in der Tat nach viel Hoffnung für sein Akademie-Projekt, das an diesem Premierenabend mit wunderbarer Leistung im Rahmen eines perfekt zusammengestellten Programmes überzeugte. So darf das weitergehen. Man kann dem Mann und seinen Künstlern nur stets viel Energie und Ideenreichtum wünschen. Über den Publikumszuspruch wird man sich keine Gedanken machen müssen.



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