Zum 90. Geburtstag von Pierre Boulez Der Mann, der die Opernhäuser sprengen wollte

Pierre Boulez hasst Kompromisse und definierte wie kaum ein anderer im 20. Jahrhundert die großen Werke der Klassik und der Moderne neu. Jetzt wird er 90.

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Vom Revolutionär zum lebenden Denkmal: Wie erstaunlich stringent das gelingen kann, zeigt das innige Verhältnis des Modernisten Pierre Boulez zum heiklen Genie Richard Wagner. Mit dem legendären "Jahrhundert-Ring" in Bayreuth stürmte Boulez 1976 den Opern-Olymp, nachdem er zehn Jahre zuvor kokett zum Plattmachen der Opernhäuser aufgerufen hatte. "Die teuerste Lösung wäre, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Aber glauben Sie nicht auch, dass dies die eleganteste wäre?", fragte Boulez, damals 42 Jahre alt, in seinem berühmten SPIEGEL-Interview.

Dazu ließ er wenig Liebgewonnenes der musikalischen Avantgarde gelten. Weder Hans Werner Henze noch György Ligeti konnten seiner Meinung nach wirklich neue Opern komponieren. Und die Liaison etwa von E-Musik und Jazz war für ihn ein Irrweg, bei dem der Jazz sein Wesen aufgab. Pierre Boulez, selbst als streng komponierender Neutöner auf der Suche nach der absoluten, intellektuellen Musik, kritisierte gern scharf.

Kritik vom Könner

Ein wenig Hochmut konnte er sich leisten, denn er versuchte stets, es besser und konsequenter als die anderen zu machen. Gern warf er sich in konzeptionelle Schlachten und war genau der unnachgiebige Dirigent, der mit dem "Ring des Nibelungen" in der Regie von Patrice Chéreau 1976 den Bayreuther Grünen Hügel so richtig umgraben konnte. Nicht nur die Inszenierung war umstritten, sogar das Orchester rebellierte gegen den radikalen Stil am Pult. Ein nie dagewesener Skandal, beinahe mit Saalschlacht, erschütterte die Wagner-Welt. Doch dem Sturm folgte der Triumph der Anerkennung. Pierre Boulez wurde zum Reform-Helden, der überzeugend Tradition und Moderne verband.

Boulez und Wagner, eine Geschichte mit Fortsetzung: Zehn Jahre vor dem Tumult-"Ring" hatte Boulez am selben Ort einen pointierten und schlanken "Parsifal" hingelegt. Mit Thomas Stewart, Josef Greindl und Astrid Varnay war die erste Riege der Bayreuth-Stars vertreten, die er sicher durch die Gralswelt geleitete, wenn auch damals mit verstörend raschen Tempi. Sein "Parsifal" von 1970 geriet dann endgültig zum perfekten Erlösungssoundtrack, und Boulez hätte sich als Grandmaster Gral für alle Zeiten von Bayreuth verabschieden können.

Aber gerade der "Parsifal" mit seiner Erlösungsstimmung ließ ihn nicht los. 2004, als er bereits 79 Jahre alt war, kam er aus Überzeugung noch einmal für das Weihfestspiel an den Pilgerort in Bayern zurück, um die zauberhafte und bildersatte Inszenierung des jugendlichen Regie-Helden Christoph Schlingensief zu dirigieren. Und die schien Boulez enorm zu inspirieren, denn er führte das Orchester mit so viel Feuer in elastischem Tempo, dass dieses umstrittene Unternehmen ein enormer Premierenerfolg wurde.

Erfolg mit Schlingensiefs Anarchie

Es war Boulez' unbedingter Ausdruckswille, der immer siegte. Ob als idealer Gegenpol zur fröhlichen Anarchie Schlingensiefs oder als Mittel der Neugestaltung so vertrauter Gefilde wie Maurice Ravels "Boléro": Pierre Boulez dirigiert solche Standards fast beschwichtigend, wie ein strenger Zauberer, der alle Fehler kennt und das Äußerste an Glut und Klarheit aus dem Orchester herausholt.

Meist ohne Taktstock beherrscht er die unterschiedlichsten Orchester von Wien bis Chicago mit Charisma, kreiert einen analytischen und dennoch lebendigen Ton. Wenn man diesen "Boléro" (etwa die Aufnahme von 1993 mit den Berliner Philharmonikern) einmal kennt, mag man den vermeintlich abgenudelten Hit in keiner anderen Version mehr hören. Das französische Fach wurde schon früh eine Domäne des in Montbrison (Département Loire) geborenen Boulez.

Dabei kam Pierre Boulez erst relativ spät zum Dirigieren. Mathematik und Naturwissenschaften sollte er nach Wunsch seines Vaters studieren, aber die Neigung zur Musik war so stark, dass er sich schon mit 17 für eine musische Laufbahn entschloss, nach Paris ging und mit 19 Jahren Harmonielehre bei Olivier Messiaen studierte. Analytischer Geist, kritisches Denken und die Genauigkeit der Naturwissenschaften prägten von Beginn an sein Schaffen - zunächst aber wirkte Boulez als Komponist. Doch "ich musste Dirigent werden, damit meine eigenen Kompositionen aufgeführt werden!", sagte er in einem anderen SPIEGEL-Interview.

Niemals dasselbe wie im letzten Jahr

Die Mühe hat sich gelohnt. Boulez' Werke gehören bis heute zum festen Konzertrepertoire. Er gilt als einer der Väter der seriellen Musik, die Ende der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts noch weit mehr als die Zwölftontechnik die Kompositionskunst mit strengen Regeln bezüglich der Klangfarben, Tonhöhen, Dynamik strukturieren wollte. Boulez wollte aber mehr. Sein Werk "Le Marteau sans maitre" (1955) jedoch überwand dies Gefängnis der Regeln mit Einfallsreichtum: Seine Komposition für Altstimme und sechs Instrumente wirkt bis heute nach.

Ebenso sein über die Jahrzehnte stets weiter komponiertes Stück "Pli selon pli" (1962), das auf Gedichten des französischen Autors Stéphane Mallarmé basiert. Vom Kammermusik-Opus für Sopran und weniger Percussion-Instrumente plus Piano bis zur Orchester-Version von 1980 unterzog Boulez dieses Werk wie viele andere ständig neuer Betrachtung und Bearbeitung.

Immer weiter, immer Neues schaffen. So gründete er 2003 die Akademie des berühmten Lucerne Festivals, bei der er jeden Sommer junge Musiker unterrichtet, mit Schwerpunkt Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. In diesem Jahr sollen natürlich Werke des Jubilars aufgeführt werden, aber auch Taufrisches von Kollegen wie Kurtag, Rihm und Holliger.

Die Welt des Pierre Boulez steht nicht still, nicht mal zum 90. Geburtstag. Never the same procedure as last year.



insgesamt 3 Beiträge
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kdgraewe 24.03.2015
1. Boulez wird runde 90,
...da sollte man auch mit anderen Daten aus seiner Vita sorgfältiger umgehen. Den "Parsifal" mit Konya, Varnay usw. hat er in Bayreuth bereits 1966 dirigiert, 1970 sang Gwyneth Jones die Kundry. Und mit der Empfehlung, man solle die Opernhäuser in die Luft sprengen, hat er dem Wunschdenken vieler sehr viel älterer Kollegen nur einen weiteren provokanten Flaps angehängt, ausgerechnet er gilt seitdem aber als der Vater des Gedankens.
mr.brand 26.03.2015
2. Zappa
er hat auch Musik von Zappa aufgeführt. Wurde leider vergessen zu erwähnen...
sysop 02.04.2015
3. #2
Siehe Fotogalerie!
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