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Klaviermagier Aimard: Hier geht's lang!

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Mit Entschiedenheit, Klarheit und sanftem Humor widmet sich der französische Pianist Pierre-Laurent der Musik von Claude Debussy. Zum 150. Geburtstag des Komponisten spielte er die heiklen "Préludes" ein und stellt dabei sogar große Vorbilder in den Schatten.

Klaviermagier Aimard: "Farbe, Raum, Klarheit!" Fotos
Marco Borggreve/ DG

Doch, Claude Debussy konnte tanzen. Ragtime sogar oder Cake-Walk, und es war wohl mehr als eine Laune. Denn das Etikett "impressionistisch" für seine abenteuerlustige Musik liebte er nicht sehr, zu innovativ und fortschrittlich war sie. Was Debussy im Kern wollte, zeigt nun Pierre-Laurent Aimard, der auf seiner jüngsten CD die beiden Hefte der "Préludes" für Klavier interpretiert. Diese konzentrierten Miniaturen müssen sehr entschieden und genau klingen - ohne Anflug von diffusem Irgendwie und Irgendwo. Der Interpret darf keinen Zweifel entstehen lassen, wo es langgeht. Er muss eine Menge Zutaten bündeln, in kurzer Zeit strukturieren und aufblühen lassen. Dazu sollte es dann auch noch leicht und anmutig und markant zugleich klingen.

Aimard hat eine Menge dieser pianistischen Führungsqualitäten, seine Einspielung der "Images" von 2003 präsentierte ihn bereits im Vollbesitz seiner Debussy-Kompetenz. Dessen Klavierwerk gehört zu den fruchtbarsten Herausforderungen für einen Interpreten - wenn der sich denn nicht von Klangfülle und perlender Virtuosität zu oberflächlichen Klangreizen verführen lässt. Das gilt auch und besonders für oft gehörte Debussy-Hits wie die "Feuilles mortes" oder "Cathédrale engloutie".

Sanfter Humor

"Priorität haben Farbe, Raum und Klarheit!", beschreibt der französische Pianist diese Herausforderungen, die nicht nebeneinander stehen dürften, sondern zu einer Einheit werden sollten. Trotz dieser großen Worte mündet das bei Aimard aber nie in akademische Exerzitien - sein "General Lavine" aus dem zweiten Heft der Präludien federt "in Stil und Bewegung eines Cake-Walk", wie Debussy es vorschrieb. Ein im besten Sinne progressives Stück Musik, das mit stilistischen Zeitströmungen flirtet und in Aimards Darstellung sogar einen sanften Humor atmet, den man bei Debussy nicht zwingend verortet.

Bei den "Préludes"-Aufnahmen spielte Aimard auf seinem eigenen Steinway-Flügel, denn er geht mit Instrumenten so penibel um wie mit der Spieltechnik. "Die Suche nach dem Gesang, der Vibration und dem strahlenden Klang", sind dabei die Hauptkriterien. Wer Aimard einmal im Konzert erlebt hat, kennt seine technische Klarheit, aber eben auch an den Klang, der exakt für den Raum im Dialog mit dem Piano geschaffen wurde.

Ausflug zu afrikanischen Rhythmen

Aimard bekennt sich in seiner Interpretation durchaus zu großen Vorbildern: "Sviatoslav Richter wegen seiner Poesie, Arturo Benedetti Michelangeli als Magier der Akustik." Zwischen diesen einst idealtypischen Debussy-Interpreten schlägt Aimard tatsächlich eine Brücke. Aimards Vielseitigkeit, die er mit Richter und Michelangeli gemeinsam hat, prägte auch schon seine Beethoven-, Liszt- und Bach-Interpretationen. Aber auch Komponisten wie Messiaen, Bartok und Elliott Carter widmete er sich mit Akribie, ebenso wie er afrikanische Musik der Pygmäen und Werke von Steve Reich und Györgi Ligeti auf CD einspielte ("African Rhythms" 2003). Grenzenlose Freude an Entdeckungen und Überraschungen durchziehen die ganze Karriere des 1957 in Lyon geborenen Musikers. Den zeitgenössischen Komponisten Helmut Tristan Murail wird er demnächst mit dem New York Philharmonic Orchestra erarbeiten, aber auch den jungen deutschen Superbariton Matthias Goerne bei Liederabenden begleiten.

Seine derzeitige Tournee mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen (das Orchester bekam soeben den Echo Klassik 2012 für Nachwuchsförderung) beinhaltet neben Klavierkonzerten von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven auch Klaviermusik von Györgi Ligeti. Pierre-Laurent Aimard wird die Kammerphilharmonie auch dirigieren. Kein großer Akt für ihn, denn "ich bin ein Musiker, der Klavier spielt, als Solist, Kammermusiker oder Liedbegleiter", erklärt er. "Ich liebe es zu unterrichten und künstlerisch zu leiten. Manchmal dirigiere ich eben auch. Ich finde es organisch, nicht in einer Spezialisierung gefangen zu sein."


Auf Tournee mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen:
16.10. Hamburg/Laeiszhalle, 18./19.10. Bremen/Die Glocke, 21.10. Köln/Philharmonie, 23.10. Freiburg/Konzerthaus, 25.10. Köln/Philharmonie, 31.10. Köln/Philharmonie, 30.11./1.12. Salzburg/Mozarteum, 11.12. Wien/Konzerthaus (wird fortgesetzt).

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